Chirurgie-Kongress: Neue schonende OP-Methode bei Hirntumor

Beim Anblick der beiden Männer weiß ich, dass nun eingetreten ist, was ich seit der Operation am meisten gefürchtet habe, nämlich dass mein Hirn sich auflöst und meine Persönlichkeit sich unkontrollierbar verändert“, schrieb der Berliner Schriftsteller Wolfgang Herrndorf 2010 in seinem Blog. Sein Ausweg: „Selbstmord, solange ich noch einen Rest von Kontrolle habe über das Gemüse, das einmal meinen Namen trug.“

Die Ängste des im Herbst verstorbenen Autors kennen wohl alle Hirntumor-Patienten. Sie fürchten nicht nur den Verlust ihrer Persönlichkeit, sondern auch, dass sie nach der OP womöglich nicht mehr sprechen, sehen oder fühlen können. Abwegig sind diese Ängste ganz und gar nicht. „Wir Hirnchirurgen stehen bei jeder Operation eines Krebspatienten vor dem Dilemma, den Tumor einerseits radikal zu entfernen, andererseits aber möglichst wenig Gewebe zu entfernen, das für eine gesunde Hirnfunktion wichtig ist“, sagt Andreas Unterberg, Direktor der Neurochirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg.

Durchblutung sichtbar machen

Wissenschaftler bemühen sich daher um Methoden, mit denen sich besonders sensible Bereiche des Gehirns während der OP aufspüren lassen. Bislang war es allenfalls möglich, solche Areale vor dem Eingriff im Magnetresonanztomografen zu identifizieren. „Allerdings stimmen die Ergebnisse dieser Untersuchung nicht immer mit der Realität nach der Operation überein“, sagt Unterberg. Auf dem am heutigen Dienstag in Berlin beginnenden Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) stellen Mediziner nun ein Verfahren vor, das sich als zuverlässiger und preiswerter herausstellen könnte.

Intraoperatives Optical Imaging, kurz IOI, heißt die Methode, die ein Team um Gabriele Schackert, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Dresden, entwickelt und bislang an 103 Patienten angewandt hat. Dabei untersuchen die Mediziner während der Operation mithilfe von Lichtstrahlen, wo im Gehirn sie bei der Entfernung des Tumors auf Bereiche achten müssen, die etwa für das Fühlen oder Sehen wichtig sind. „Der große Vorteil unserer Technik ist, dass sie keinerlei Risiken birgt“, sagt Schackert. „Wir müssen weder Medikamente verabreichen, noch mit dem Hirngewebe in Kontakt kommen.“

Stattdessen machen sich die Mediziner die Tatsache zunutze, dass jede Hirnaktivität mit einer vermehrten Durchblutung des Gewebes einhergeht. Diese kann mit einer Kamera gefilmt werden, vor deren Linse ein spezieller Filter sitzt, der Licht mit einer Wellenlänge von 568 Nanometern passieren lässt. Ein Computer setzt die so gewonnenen Informationen über den veränderten Blutfluss in Bilder um. Innerhalb von 10 bis 15 Minuten entsteht auf diese Weise eine zweidimensionale Karte, in der die aktivierten Hirnregionen zu erkennen sind.

Dass die Methode funktioniert, hat die Neurochirurgin in einer im Fachblatt Journal of Neurosurgery veröffentlichten Studie gezeigt. Darin stimulierte das Team um Schackert und Stephan Sobottka bei 41 Patienten während der Narkose mit leichten Stromimpulsen einen Nerv, der an der Innenseite des Unterarms verläuft und das Gefühl in der Hand vermittelt. Der Nerv leitete die Impulse ans Gehirn weiter. Die aktivierten Areale wurden stärker durchblutet, was auf den Computerbildern sichtbar wurde.

„Wir können dadurch erstmals wichtige Hirnfunktionen annähernd in Echtzeit erkennen“, sagt Schackert. Zuvor war es dem Team bereits gelungen, per IOI das Sehzentrum im Gehirn zu lokalisieren. Dazu hatten sie ihren Patienten während der OP ins Auge geleuchtet. Auch das Sprachzentrum lässt sich sichtbar machen. Hierzu muss der Patient während der Operation bei Bewusstsein bleiben und mit den Chirurgen sprechen. Da das Gehirn nicht schmerzempfindlich ist, sind solche Wach-OPs möglich.

Für alle Arten von Hirntumoren

Grundsätzlich sei die IOI-Methode für alle Arten von Hirntumoren geeignet, sagt Schackert. Der Einsatz mache allerdings nur dann Sinn, wenn der Neurochirurg ein wichtiges funktionelles Gebiet aufspüren und schonen müsse, um zu der Geschwulst vorzudringen. Liegt der Tumor beispielsweise im rechten Vorderhirn, ist das Verfahren zumindest bei Rechtshändern überflüssig: Dort liegen keine funktionellen Hirnareale.

Ob sich das Verfahren auch an anderen Kliniken bewährt, soll eine weitere Studie zeigen. An ihr werden sich neben dem Klinikum Dresden die neurochirurgische Klinik in Leipzig sowie das Barrow Neurological Institute in Phoenix, Arizona, beteiligen. Pro Zentrum sollen innerhalb eines Jahres 20 Patienten mithilfe der IOI-Technik operiert werden. „Wenn diese Studie gute Ergebnisse hervorbringt, werden wir eine größere Untersuchung planen, an der noch mehr Einrichtungen teilnehmen“, sagt Schackert. Ziel sei es dann, ein IOI-Modul zu entwickeln, das auf jedes übliche neurochirurgische Mikroskop passe.

Der Heidelberger Experte Unterberg findet die Daten vielversprechend: „Natürlich weiß man noch wenig über die Grenzen der Methode. Doch selbst, wenn sie den Eingriff ins Gehirn nur ein bisschen sicherer macht, wäre für die Patienten schon viel gewonnen.“