"Ich glaube, dass wir Menschen alle als Wissenschaftler geboren sind“, sagt Johannes Vogel, der Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin. „Wir sind neugierig, wir beobachten, wir sind interessiert.“ Und dies seien Grundvoraussetzungen, um ein Forscher zu sein, sagt Vogel. Im Naturkundemuseum findet am 24. Oktober der erste Berliner Citizen-Science-Tag statt. Von 15 bis 21 Uhr können interessierte Bürger sich mit Wissenschaftlern austauschen und anhand verschiedener Projekte herausfinden, ob sie sich selbst an Forschungen beteiligen wollen.

Citizen Science ist ein Begriff, der seit einigen Jahren immer öfter zu hören ist und es 2014 auch ins Oxford English Dictionary schaffte. Im Deutschen spricht man von Bürgerwissenschaft. In anderen Ländern hat die Beteiligung von Bürgern an der Forschung bereits eine längere Tradition. „Christmas Bird Count“ heißt zum Beispiel ein Vogelzähl-Projekt in den USA, das im Jahre 1900 begann. Es entstand aus dem Vorschlag des amerikanischen Ornithologen Frank Chapman, die Tradition des weihnachtlichen Vogel-Wettschießens zu beenden und stattdessen die Vögel zu zählen. An den Zählungen nehmen jährlich Zehntausende Menschen teil. Die Ergebnisse dienen dazu, die Zahl der Brutvögel zu erfassen und Veränderungen in der Artenvielfalt zu dokumentieren. Auch in Österreich und der Schweiz gibt es solche älteren Projekte.

Oft konzentrieren sich die Vorhaben auf das Sammeln von Daten, aus denen Wissenschaftler Rückschlüsse ziehen können. In Deutschland wird zum Beispiel seit einigen Jahren die Verbreitung von Stechmücken erfasst. Bürger sammeln Insekten für den „Mückenatlas“. Andere messen mithilfe einer Smartphone-App den Grad der Lichtverschmutzung über den Städten, dokumentieren die Verbreitung von Tagfaltern, Fledermäusen, Igeln, Füchsen und anderen Wildtieren in der Stadt, nehmen den Gesang von Nachtigallen auf und erfassen den Plastikmüll in den Flüssen. Sie suchen unter dem Mikroskop nach Mikrometeoriten und auf Teleskopaufnahmen nach Asteroiden, die der Erde bedrohlich werden könnten.

Wie entstehen Gewitter?

Am 24. Oktober können sich Interessierte im Naturkundemuseum über 16 Projekte und Institutionen informieren. Dazu gehören zum Beispiel „Die Herbonauten“. Hier helfen bereits Hunderte Bürger mit, die fast vier Millionen getrockneten Pflanzen im Herbarium des Botanischen Museums in einer wissenschaftlichen Datenbank zu archivieren. All dies geschieht online und könnte von den Forschern allein nie geleistet werden. Am Ende soll man zum Beispiel nachvollziehen können, welche Pflanzen in den vergangenen Jahrhunderten in den verschiedenen Regionen vorkamen.

Im Sommer 2020 wollen Wissenschaftler des Hans-Ertel-Zentrums für Wetterforschung eine Messkampagne veranstalten, an der auch Bürger mit Geräten beteiligt werden sollen. Es geht um die Fragen: „Wie entstehen Gewitter? Wo entstehen sie und wie stark werden sie sein?“ Nicht lineare Atmosphärendynamik lautet der Begriff für Vorgänge, die den Meteorologen noch immer Probleme bereiten. Vielleicht könnten die Bürger dazu beitragen, Wettervorhersagen noch zuverlässiger zu machen.

„Schmeck!“ wiederum ist ein Pilotprojekt „für qualitativ-sensorische Forschung“ an der Technischen Universität (TU) Berlin. Bisher sind 20 Bürger daran beteiligt. Ziel ist es laut TU, zu erforschen, „wie Essen sinnlich wahrgenommen und erlebt wird. Wie schmeckt es und wie kommt es dazu?“ Beim Citizen-Science-Tag soll es einen Schmeckworkshop geben.

Mehr als billige Sammler

Dies klingt alles erst einmal ganz interessant. Aber es gibt auch Skepsis, und zwar, was den Wert der Bürgerforschung an sich betrifft – für die wissenschaftlichen Resultate und für die Bürgerforscher selbst. Werden diese nicht nur als billige Datensammler genutzt, und die „echten“ Forscher ernten am Ende die Lorbeeren, ohne die Leistungen ihrer Mitstreiter ausreichend zu würdigen? Sind von Bürgern gesammelte Daten überhaupt miteinander vergleichbar? Wie sichert man ihre Seriosiät? Mit diesen und anderen Fragen befasst sich das „Grünbuch – Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland“, das 2016 von der Plattform „Bürger schaffen Wissen“ vorgelegt wurde. Es fordert neue Infrastrukturen und Förderprogramme, die Einbeziehung der Bürgerwissenschaft in wissenschaftliche Prozesse, die Schaffung einer Anerkennungskultur und den Aufbau von Strukturen für die Gewährleistung von Datenqualität. Auch rechtliche und ethische Rahmenbedingungen müssten geklärt werden, so die Autoren.

All dies wird sicher eine Rolle spielen, wenn das Museum für Naturkunde gemeinsam mit der Humboldt-Universität (HU) eine neue School of Public Engagement schaffen wird, wie es die HU-Präsidentin Sabine Kunst jüngst ankündigte. „Hier geht es darum, Bürgerforscher in die Arbeit des Museums und der Biologie einzubinden“, sagte sie.

Bürger schaffen Wissen

Vor der Spezialisierung der Wissenschaften gegen Ende des 18. Jahrhunderts und dem Aufkommen technischer Hochschulen war die Forschung generell eine Domäne von Autodidakten, die sich selbst weiterbildeten. Zu ihnen gehörten Gottfried Wilhelm Leibniz, Isaac Newton, Alexander von Humboldt und Charles Darwin. Auch Karl Marx und Albert Einstein hatten zwar studiert. Ihre großen Leistungen brachten sie aber auf Gebieten, in denen sie Autodidakten waren.

Heute geht es um eine neue Form von Demokratisierung der Wissenschaft. „Die Plattform ,Bürger schaffen Wissen‘ ist ein ganz wichtiges Instrument in dem Zeitalter, wo das Smartphone und das Internet die Welt beherrschen“, sagt Johannes Vogel, Generaldirektor des Naturkundemuseums, in einem Video auf der Seite der Leibniz-Gemeinschaft. Bürger und Wissenschaftler könnten gemeinsam wichtige Fragen beantworten, für die man „viele Augen, viele Ohren, viele Hände“ brauche.

Heute sind Forschungen möglich, die früher undenkbar waren – an vielen Orten der Welt zugleich, mit einer Unmenge an Daten. US-Walforscher zum Beispiel können bei der Erforschung von Wanderungsbewegungen der Wale mittlerweile auf 140 000 Fotos zurückgreifen, die Menschen an verschiedenen Orten der Welt gemacht haben. Für den „Atlas of Living Australia“ konnten bis Anfang des Jahres mehr als 124 000 Arten registriert werden. 45 000 Menschen haben mitgewirkt.

Jüdische Lebensorte

Es geht nicht nur um Naturwissenschaft, sondern auch um historische und sozialwissenschaftliche Fragen. Im Projekt „Transcribathon Europeana 1914–1918“ helfen Bürger dabei, historische Dokumente zu entziffern und zu verschlagworten. Das Projekt „Jewish Places“ des Jüdischen Museums Berlin wiederum bietet eine interaktive Karte zu jüdischem Leben in Deutschland. Interessierte können sich hier nicht nur informieren, sondern mit eigenem Wissen, Texten, Bildern und Videos zur Vervollständigung der jüdischen Lokalgeschichte beitragen. Beide Projekte werden auf dem Citizen-Science-Tag vorgestellt.