Papst Franziskus war mal einer, Kanadas Premierminister Justin Trudeau ebenfalls: Als Türsteher hatten sie einen der wichtigsten Jobs im Nachtleben. Bislang gibt es in Deutschland kaum Forschung zu diesem Beruf. Die Soziologin Christine Preiser hat für ihre Doktorarbeit 60 Nächte an Clubtüren verbracht. Nun weiß sie, was einen guten Türsteher ausmacht.

Frau Preiser, gehen Türsteher selbst gern feiern?

Zu Beginn meiner Forschung habe ich die Türsteher genau das gefragt. Sie haben abgewunken und gesagt: Nee, auf keinen Fall. Da habe ich mich sehr gewundert. Aber am Ende meiner Untersuchung ging es mir genauso wie ihnen. Denn nüchtern erlebt man, wie Leute unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen ihren Charakter verändern und unschöne Seiten zeigen. Als Türsteher beschäftigt man sich nicht mit Leuten, die einfach lustig sind und feiern. Im Fokus sind Menschen, die Blödsinn machen und nicht klarkommen. Das nimmt einem selbst den Spaß beim Weggehen. Und man entwickelt den Blick für Ärger – das Radar ist immer an.

Worauf achten Türsteher bei Besuchern?

Ein wichtiges Kriterium ist: Kennen wir dich schon? Aber es geht nicht nur um Stammgäste, sondern um die Frage, ob der Gast schon mal Ärger gemacht hat. Der Eingang zum Club ist ja der Moment, in dem die Besucher am frischesten sind. Deswegen überlegen Türsteher, welcher Zustand der Besucher für die nächsten Stunden erwartbar ist und was man aus dem Verhalten an der Tür für die kommende Zeit schließen kann. Zum Beispiel, wie sich Besucher gegenüber den Türstehern und anderen Menschen in der Warteschlange verhalten. Daraus lässt sich schließen, wie viel Raum derjenige einnimmt. Denn an der Tür zu stehen, bedeutet für alle Anspannung. Ähnlich stressige Momente gibt es dann auch im Club: Beim Warten an der Bar oder wenn man angerempelt wird. Am Eingang wollen die Türsteher herausfinden, wie man reagieren würde, wenn man im Club wäre.

Das klingt kompliziert. Wie schafft man das?

Es gibt Türsteher, die machen das eher grob und lassen diejenigen nicht rein, die potenziell Ärger machen. Andere Türsteher wählen genauer aus. Sie schauen, ob die Besucher zu den Leuten im Club passen. Denn wenn sich Gäste im Club unwohl fühlen, dann fühlen sich die anderen mit ihnen unwohl. Da geht es viel mehr um Ästhetik und Style als um konkretes Auftreten.

Wie sind Sie an Ihre Untersuchung herangegangen?

Ich habe in zwei deutschen Städten in drei Clubs mit unterschiedlichen Musikrichtungen geforscht: Elektro, Punkrock/Metal und HipHop-Dancehall. Wo genau, will ich aus Datenschutzgründen nicht sagen. Über jede Nacht in den Clubs habe ich Protokolle geschrieben. Einige Gäste dachten, dass ich auch Türsteherin bin, weil ich wie die anderen schwarze Funktionskleidung anhatte. Die Türsteher selbst sind mir mit großer Offenheit begegnet. Ich war irgendwann Teil des Teams, aber mit einer Sonderrolle. Man kennt ja meist nur die actionreichen Szenen der Nacht, aber der Großteil der Arbeit waren zähe Routine und Stunden, in denen nichts passiert. Und da bleibt auch Zeit, ins Gespräch zu kommen.

Was haben Sie genau untersucht?

Die Nacht gilt als Auszeit vom Alltag, dann kann man anders sein als man ist – oder der sein, der man wirklich ist. Ich wollte wissen, wie Türsteher als Schlüsselfiguren in dem ganzen Szenario das Nachtleben gestalten. Sie bestimmen, wer Zugang hat, welche Regeln im Club gelten und wie sie durchgesetzt werden. Ich wollte auch wissen, wie sie Konflikte lösen und wie man überhaupt Türsteher wird.

Und?

Am ehesten dadurch, dass man andere Türsteher kennt. Rekrutierung funktioniert meist über Freundes- und Bekanntennetzwerke, es gibt wenige offizielle Aushänge. Die Clubs, in denen ich war, hatten alle hauseigene Türsteher. Sie haben keine Security-Firma beschäftigt. Den klassischen Türsteher gibt es aber nicht. Das reicht vom tätowierten, muskelbepackten Ex-Knacki bis zum Doktoranden, von Single bis zum Familienvater.

Was macht einen guten Türsteher aus?

Eine gute Menschenkenntnis – sowohl bei anderen als auch bei sich selbst. Ein Türsteher muss sich selbst in Situationen gut einschätzen können. Außerdem hat er viel Geduld – weiß aber auch, in welchen Situationen er Autorität zeigen und Konsequenzen durchsetzen muss, wie etwa jemanden rauszuwerfen. Türsteher brauchen dafür Glaubwürdigkeit. Denn Regeln kann man nur durchsetzen, wenn Leute einem das auch glauben. Jeder Türsteher muss einen Weg finden, glaubwürdig rüberzukommen.

Und wer ist ein schlechter Türsteher?

Das ist jemand, der den Job macht, um seinen Machtkomplex auszuleben. Und der unverhältnismäßig arbeitet – also Situationen eskalieren lässt, wenn es nicht angebracht ist und in brenzligen Momenten fehlt.

Wie lösen Türsteher Konflikte?

Bleibt genug Zeit, wird geschaut, was das für ein Besucher ist. Es gibt Situationen, da merken die Türsteher, dass sie deeskalierend wirken müssen – also viel reden und mehr Zeit investieren, denn sonst wird es fruchtlos. Zum Beispiel, wenn Leute auf Drogen und für Argumente nicht mehr zugänglich sind. In anderen Situationen werden Konflikte durch gezieltes Eskalieren schnell beendet. Der Klassiker ist, den Leuten zu sagen: Wenn du weiter so machst, fliegst du raus. Oder das Andeuten von Gewalt: Noch ein Satz und es knallt richtig. Wenn sich die Türsteher dabei aufbauen und einen Schritt auf die Leute zumachen, wirkt das meistens schon entschärfend. Obwohl es ja erstmal eine Eskalation in Aussicht stellt. Türsteher zeigen, dass sie auch bis zum Äußersten gehen können und der Besucher als Verlierer da rausgeht.

Nutzen viele Türsteher dafür ihre Statur?

Das Klischee des Türstehers ist ja: groß und breit gebaut. Die meisten machen tatsächlich Kraftsport. Es geht aber nicht zwangsläufig um den Körperbau, sondern darum, wie man den Körper einsetzt. Da gibt es verschiedene Stufen: Wenn sich eine problematische Situation entwickelt, dann bauen sich die Türsteher auf, straffen ihre Schultern, fixieren ihren Blick auf bestimmte Leute. Wenn sie merken, das wirkt nicht, ziehen sie ihre Handschuhe an, und gehen in die Situation. Das funktioniert nicht über die Größe, sondern über Körperspannung. Das ist auch eine Sache, die Türsteher oft frustriert: Oft machen sie Leuten Ansagen, aber damit sie wirken, müssen sie Gewalt androhen.

Mögen Türsteher ihren Job?

Natürlich gibt es Türsteher, für die das nur der Broterwerb ist. Bei den anderen ändert es sich das immer mal: Es gibt Phasen, da machen sie es gerne, weil sie viel mit Menschen zu tun haben und es ein herausfordernder Job ist, etwa dadurch, Situationen richtig einzuschätzen. Zudem ist das Nachtleben ein spezieller Arbeitsort. Gleichzeitig hat dieser Job viele Risiken. Zum Beispiel Verletzungen oder auch Anzeigen. Außerdem lebt man zeitversetzt zu den anderen. Viele, die längere Zeit nicht als Türsteher gearbeitet haben, kommen aber wieder zurück. Sie sagten mir, dass ihnen was gefehlt habe. Wie der Rückhalt im Team, denn unter den Kollegen besteht eine ganz besondere Art von Vertrauen.

Das Gespräch führte Juliane Meißner.