Wenn Arbeitsprozesse immer nach dem gleichen Muster ablaufen, dann besteht die Gefahr, dass Computer die Aufgaben bald übernehmen. 
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BerlinGunter Dueck steht regungslos auf der Bühne, eine halbe Stunde hat er ohne Punkt und Komma geredet, jetzt scheint er die Wucht seiner Worte zu genießen. Vor ihm sitzen Experten aus dem Bildungsbereich. An den bestehenden Schulungsmethoden konnte er nichts Gutes finden.

Wenn man seine Rede in zwei Sätzen zusammenfassen sollte, dann wäre das die Aussage: Das Schulsystem ist eine Katastrophe. Mit den bisherigen Lehrmethoden werden junge Menschen nicht klarkommen in der Zukunft.

"Tropft noch was im Haus?"

Dem Buchautor und Mathematiker mit Hang zur Philosophie ging es nicht darum, ob Kinder mit einem Tablet in der Schule lernen, ihm ging es um eine radikale Veränderung des Lehransatzes. Gunter Dueck nannte als Ziele Kreativität, Originalität und einen konstruktiven, freudigen Willen. Und nicht wie früher: Betragen, Mitarbeit und Fleiß. Warum das notwendig sein wird? Dueck erzählte davon, wie Maschinenlernen die Prozesse in den Firmen und Behörden steuern wird. Überall dort, wo Menschen täglich die gleiche Arbeit erledigen, wo Muster zu erkennen sind, werden bald Algorithmen die Aufgaben übernehmen. Für den Menschen bleibt dann noch der Auftrag, die Ergebnisse der Maschinen zu kontrollieren. Mehr nicht. "Das ist doch Mist", sagte Dueck.

In der Nachdigitalisierungsgesellschaft geht es seiner Meinung nach darum, kreativ zu werden, um in den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine vermitteln zu können. Und es geht darum, selbstbewusst aufzutreten, mit einer positiven Haltung sein Arbeitsleben zu gestalten.

Das ist dann ein Mensch, der eigentlich schon ein Computer ist. 

Gunter Dueck

Als Beispiel nannte er den Auftritt eines Installateurs, der wegen einer undichten Toilettenspülung gerufen wird. In der Regel komme der Handwerker fast grußlos ins Haus, verschwinde wieder, um Ersatzteile zu holen. Nachdem er den Schaden behoben hat, verschwindet er wortlos. "Das ist dann ein Mensch, der eigentlich schon ein Computer ist", sagte Dueck.

Die Alternative: Ein Handwerker, der sich per Kurznachricht ankündigt, ein Foto angefordert hat, damit er die passenden Ersatzteile schon dabei hat, den Schaden behebt und dann freundlich fragt: "Tropft noch was im Haus?" In Duecks Beispiel waren noch ein paar andere Stellen undicht und die Heizung wurde am Ende auch noch ausgetauscht. Kosten: 20 000 Euro - "aber alle waren glücklich", lautete Duecks Fazit. Ganz klar, ihm ging es um Herzlichkeit, ums kreative Mitdenken, damit die Menschen in der Arbeitswelt gegen kalte Maschinen bestehen können. Die Vermittlung dieser Eigenschaften müsse schon in der Schule gelehrt werden. Von Lehrern, die sich öffnen und ihre Lehrmethoden an die Ansprüche der nächsten Generationen anpassen, sagte Dueck.

Der ehemalige IBM-Manager hielt seinen Vortrag am Montagabend, nachdem in der Berliner Google-Zentrale Vertreter der Industrie- und Handelskammer und der Gewerkschaft Ver.di ihre Initiative "Zukunftsoffensive" vorgestellt hatten. Im Mittelpunkt des Bildungsplans steht die sogenannte Basisbox, online kostenlos unter www.basisbox.de zu finden. Dort können rund 20 Kurse abgerufen werden, die digitale Grundlagen in den Bereichen Kommunikation, Kollaboration, Technologie sowie Sicherheit und Recht vermitteln. Wie wichtig Fortbildung aus seiner Sicht ist, machte Christoph Schmitz, Mitglied des Ver.di-Bundesvorstands anhand der Versicherungsbranche deutlich. Dort sind die Mitarbeiter in der Regel knapp über 45 Jahre alt und haben eine Betriebszugehörigkeit von 17,9 Jahren. "Die machen seit Jahre dasselbe", sagte Schmitz. Aber wird das in Zukunft noch so sein? "Da macht sich Unsicherheit breit", antwortete Schmitz.

Als Partner standen bisher nur die IHK Düsseldorf und München bereit, in Zukunft könnte auch die Kammer aus Berlin dazukommen. Bei der Projekt-Vorstellung war Meike Al-Habash anwesend, die im IHK-Innovationsoffice der Hauptstadt arbeitet. "Wir stehen in engem Austausch mit den bisherigen Partnern", sagte sie. "Unser Ziel sollte es sein, die Menschen auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten." Und wie das? Neue Kompetenzen erwerben, aber auch das erworbene Fachwissen in einem digitalen Umfeld anwenden.

Mahnung des Pianisten

Als Vorbild wurde am Abend die YouTuberin Saliha "Sally" Özcan vorgestellt, die mit "Sallys Welt" einen der erfolgreichsten YouTube-Kanäle Deutschlands betreibt. Sie erzählte davon, dass sie Lehrerin werden wollte und dann Videos übers Kochen und Backen veröffentlicht habe. Mit viel Eigeninitiative und Engagement habe sie gelernt, sich in der Welt der Bewegtbilder zu behaupten, sagte sie. Inzwischen hat sie 50 Mitarbeiter, im kommenden Jahr sollen es mehr als 200 sein, weil sie inzwischen auch Produkte für die Küche entwickelt und vertreibt.

Am Ende stand eine Mahnung des Pianisten Joja Wendt. An seinen Steinway-Flügel konnte ein iPad angeschlossen werden, sodass das Instrument ohne menschlichen Einfluss spielen konnte. Den größten Applaus erhielt er aber, als er virtuos auf dem Flügel improvisierte. Immerhin, ein Trost.