Berlin„X-Y-Positions-Anzeiger für ein Bildschirmsystem“ lautete die sperrige technische Bezeichnung Anfang der 1960er-Jahre, mit der damals wie heute kaum jemand etwas anfangen konnte – gemeint ist die Computermaus. Am 17. November 1970 erhielt ihr Erfinder Douglas Carl Engelbart unter der Nummer 3,541,541 dafür ein Patent. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die allerdings etwas Zeit brauchte.

Vor 50 Jahren hatte der amerikanische Tüftler das praktische Eingabegerät am Stanford Research Institute (SRI) in Menlo Park in San Francisco entwickelt. Im Auftrag der NASA hatte Engelbart in einem Holzkästchen einen Prototyp zusammengebastelt, mit Kabel und roter Taste. Zunächst aber fristete das (Vor-) Zeigegerät ein verstecktes Dasein, und das aus einem einfachen Grund: Es gab keine praktischen Anwendungsmöglichkeiten. Die Bezeichnung „Maus“ entstand schon in den Anfangsjahren, angesichts der roten Taste oben auf dem Gerät und dem an der Rückseite herausführenden Kabel stellte ein Labormitarbeiter Engelbarts seltsamerweise eine Ähnlichkeit mit den kleinen grauen Nagern fest. Der Name blieb.

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Der Prototyp bestand aus einem klobigen Holzkästchen mit Strippe, einer roten Taste zum Klicken und einem Rad, das die Bewegungen des Geräts auf dem Bildschirm umsetzte.

Bereits 1962 hatte der ehemalige Navy-Radartechniker mit deutschen Vorfahren unter der hochtrabenden Bezeichnung „Erweiterung des menschlichen Intellekts: Ein Grundkonzept“ eine kurze Abhandlung über seinen „Zeiger“ veröffentlicht. Damit sollte die physische Interaktion zwischen einem Menschen und einem Röhrenbildschirm möglich sein. In einer legendären 90-minütigen Live-Demonstration während der „Fall Joint Conference“ im Dezember 1968 stellte er das Gerät einer breiten Öffentlichkeit vor.

Die Veranstaltung wird häufig als „Mutter aller Technikpräsentationen“ bezeichnet, die erste interaktive Computervorführung. Ein 18-köpfiges Forscherteam vom SRI zeigte auch Hypertext, dynamische Datenverknüpfungen und die Zusammenarbeit zweier Anwender am Bildschirm, die per Computer miteinander kommunizierten. Eine Aufzeichnung dieser Veranstaltung ist auf YouTube abrufbar. Die klobige Urform verfügte über ein Rad, das die Bewegungen des Geräts auf dem Bildschirm umsetzte und es ermöglichte, einen Punkt auf dem Bildschirm in alle Richtungen zu bewegen. Damals mehr als ausreichend, da fast nur mit der Texteingabe gearbeitet wurde.

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Douglas C. Engelbart, Entwickler der Computermaus.

Die Weiterentwicklung der Maus erfolgte in den 1970er-Jahren am Palo Alto Research Center der Firma Xerox. 1981 wurde sie im „Star-Rechner“ zum ersten Mal kommerziell vermarktet. Das System brachte jedoch keinen wirtschaftlichen Gewinn, der Preis war einfach zu hoch – die Maus kostete 400 US-Dollar und benötigte zusätzlich eine entsprechende Schnittstelle, die mit weiteren 300 Dollar zu Buche schlug. Inzwischen war Apple-Gründer Steve Jobs auf das neue Eingabegerät aufmerksam geworden. Das Konzept begeisterte ihn, doch der Preis und die Reparaturanfälligkeit bereiteten ihm Sorgen. „Ich will eine Maus für zehn Dollar, die niemals ausfällt und die in Massen produziert werden kann, weil sie das wichtigste Interface des Computers der Zukunft werden wird“, machte er den Entwicklern deutlich.

1983 lizensierte Apple für seinen „Lisa-Rechner“ die Eingabehilfe, aber der Erfolg ließ weiter auf sich warten. Erst mit dem Nachfolgemodell „Macintosh“ aus dem Jahr 1984 und einer grafischen Benutzeroberfläche gelang der Durchbruch. Mit der Weiterentwicklung zur Kugelmaus wurde sie zum elementaren Baustein der hauseigenen Computer. Die Metallkugel im Inneren verursachte zunächst zu viel Lärm, deshalb wurde sie anfänglich mit einem Kunststoffmantel überzogen, bevor sie schließlich vollständig aus Kunststoff bestand. Damit avancierte sie zum vorherrschenden Funktionsprinzip für Mäuse in den 1980er- und 1990er-Jahren. Für die vergleichsweise geringe Summe von 40.000 Dollar hatte Apple eine Lizenz vom SRI erworben, bis Jobs 1984 eine eigene Weiterentwicklung zum Patent anmeldete.

Mithilfe eines Adapters ließ sich die Maus auch an IBM-kompatible Rechner anschließen. 1987 führte der Hardwaregigant Mäuse mit eigenem PS/2 Anschluss ein, ein Meilenstein in der Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit der Windows-PCs. Anfang der 1990er-Jahre kamen optische Mäuse auf den Markt, die im Gegensatz zu kabelgebundenen Modellen die Bewegungsfreiheit nicht einschränkten und die alten Mäuse nach und nach verdrängten. Mittlerweile gibt es drahtlose, mehrtastige Versionen mit diversen Funktionen, optisch oder Laser gesteuert, via Infrarot oder per Funk über Bluetooth. Daneben existieren „Trackballs“, dabei wird eine Kugel mit den Fingern bewegt oder „Touchpads“, die bevorzugt in Laptops eingebaut werden.

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Die „Rollkugel“ war die erste deutsche Computermaus.

Der Global Digital Report 2020 verzeichnet aktuell mehr als viereinhalb Milliarden Internetnutzer. Also bevölkern die „elektronischen Nager“ weltweit milliardenfach unsere Schreibtische.

Eine Alternative zur Maus hatte übrigens AEG-Telefunken schon Ende der 1960er-Jahre mit der „Rollkugel“ vorgestellt. Auch mit ihr war es möglich, einen Cursor zu bewegen und Markierungen auf einem Bildschirm vorzunehmen. Die Deutsche Flugsicherung setzte sie damals als Zubehör für ihre Großrechner ein. Noch immer ist eines dieser letzten Exemplare im Computermuseum Stuttgart zu bewundern.

Doch weder Engelbart noch die Telefunken konnten von der Innovation profitieren. Der Erfinder aus den USA wurde mit der Computermaus nicht reich, denn sein Patent war bereits 1987 vor Beginn des boomenden PC-Geschäfts ausgelaufen. „Reichtum ist nie mein Ziel gewesen“, sagte der geniale Computerpionier einmal rückblickend. Um dann doch einzuschränken: „Natürlich hätte ich nebenbei damit auch gern Geld verdient.“ Insgesamt 21 Patente hatte der IT-Spezialist in seinem Leben eingereicht. Bei Telefunken wurde das Potenzial der „Rollkugel“ verschlafen, es gab nicht einmal den Versuch, sie jemals patentieren zu lassen. Engelbart starb 2013 im Alter von 88 Jahren im kalifornischen Atherton an Nierenversagen.

Schon seit Jahren prophezeien verschiedene Computerexperten das Ende der Computermaus. Mit dem Vormarsch der Touchscreens könne das separate Zeigegerät in Zukunft überflüssig werden. Aber bislang erfreuen sich die „Schreibtischnager“ ungebrochener Beliebtheit.