Es grünt so grün: Wer es gemütlich angehen lässt mit seinem Mountainbike, kann beim Spielen auch die Natur genießen.
Foto: Megagon Industries

BerlinGroßen Erfolg mag das Spiel haben, aber es sieht klein aus: Der Fahrradfahrer erinnert an eine Spielzeugfigur. Er hat kein Gesicht, er ist auf dem Bildschirm nur aus der Distanz zu sehen. Auch der Berg wirkt nicht ganz echt, die satten Grünflächen erinnern an Filz. Doch sobald das Spiel losgeht, erwacht die Simulation zum Leben: Wind rauscht, Vögel zwitschern, Reifen greifen in das Erdreich. Als der Fahrer die erste Kurve nimmt, auf einen Abgrund zurast, in letzter Sekunde das Steuer herumreißt, geht ein Raunen durch das Publikum. Niemand denkt mehr an Spielzeug.

Dann ist eine Lenkbewegung des Spielers zu halbherzig, der Fahrer klatscht mit satter Wucht gegen einen Baum. Viereckiges Pixelblut mischt sich mit dem dreckigen Gelächter der Zuschauer. Jetzt sind alle froh, dass der Fahrer nicht echter aussieht. Normalerweise wird „Lonely Mountains: Downhill“ ohne Publikum gespielt.

Fünf Nominierungen für den Deutschen Entwicklerpreis

Bei mehreren Messeveranstaltungen, etwa während der Gamescom, hat es sich aber als gutes Zuschauerspiel behauptet. Das funktioniert ähnlich wie beim Vorbild. Wenn sich besonders gute Mountainbiker todesmutig den Berg hinunterstürzen, dann wollen Menschen zuschauen. Und anders als in der Wirklichkeit kann hier beim Zuschauen jeder seiner Schadenfreude freien Lauf lassen. Niemand tut sich wirklich weh.

Das Computerspiel ist gerade auf dem Markt erschienen und schon jetzt ein voller Erfolg. Auf gute Kritiken sind gleich fünf Nominierungen für den renommierten Deutschen Entwicklerpreis gefolgt, der am Mittwoch in der Flora in Köln verliehen wird. Viele Kenner der Szene wurden von dem Spiel überrascht. Das Thema wirkt unscheinbar, das Entwicklerteam ist klein. Hinter „Lonely Mountains: Downhill“ steckt das Berliner Studio Megagon Industries; über weite Strecken waren das nur Jan Bubenik und Daniel Helbig.

Hauptstadt in neun Kategorien vertreten

Der Preis: Der Deutsche Entwicklerpreis ist die älteste Auszeichnung für die Entwicklung herausragender Computerspiele aus deutschsprachigen Ländern. Er wird seit 2004 vergeben, in diesem Jahr gab es 96 Einreichungen.

Die Kandidaten: In neun Kategorien sind Spiele, die in Berlin entwickelt worden sind, vertreten. Besonders oft wurden die vom Medienboard Berlin-Brandenburg geförderten Games „Trüberbrook“ und „Lonely Mountains Downhill“ nominiert.  

Der Förderer: Das Medienboard Berlin-Brandenburg fördert Filme, Computerspiele und Virtual-Reality-Projekte. Das könnte ein Vorteil für die Zukunft sein, denn immer häufiger werden Innovationen aus der Spielewelt bei der Filmproduktion genutzt.

Helbig und Bubenik hatten vorher bei Spieleentwicklern und in einer Medienagentur gearbeitet. Megagon haben sie gegründet, um gemeinsam Spiele machen zu können. Nach zwei   Handyspielen war „Lonely Mountains“ das erste größere Projekt. Die Grundidee: mit einem Mountainbike einen Berg herunterfahren. Ein einfaches Spiel sollte es werden, das mit präziser Steuerung Tiefe gewinnt. Lange wurde an den Grundlagen gefeilt, bis 2017 eine erste Demo-Version der Öffentlichkeit gezeigt wurde. „Wir waren ziemlich nervös“, erzählt Bubenik. Aber Konzept und Spielmechanik funktionierten, das Spiel zog beständig Publikum an.

Finanziert auch durch Crowdfunding-Kampagne

Die Motivation war dringend nötig, denn das minimal besetzte Team musste Jahre an diesem einen Projekt arbeiten. Die physikalische Simulation, die ausschweifenden Strecken, der gleichzeitige Start auf PC und Spielkonsolen — das sind Aufgaben für verschiedene Spezialisten. Bei Indie-Studios wie Megagon sind deshalb Multitalente gefragt. Das Studio besteht nur aus ein paar Schreibtischen in einem Kreuzberger Coworking-Space, in dem auch die Entwickler des prämierten Grafikadventures „Trüberbrook“ sitzen.

Finanziert wurde die jahrelange Entwicklungsarbeit durch das Medienboard Berlin-Brandenburg und einer geglückten Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Nach langer Arbeit und einem stressigen Start scheint es jetzt, als hätte sich die Mühe gelohnt. Bubenik sagt, er sei „mehr als glücklich“, dass sein Spiel in gleich fünf Kategorien nominiert ist. Der Deutsche Entwicklerpreis ist nicht irgend eine Auszeichnung. Die Jury setzt sich aus zahllosen Insidern zusammen, da ist eine mehrfache Nominierung wie ein Ritterschlag der Branche.

Das Lob ist verdient. „Lonely Mountains: Downhill“ zeigt beim Spielen, warum eine so einfache Idee so viele Jahre in Anspruch nehmen kann. Die Liebe zum Detail ist spürbar. Vier Berge stecken in dem Spiel, mit je vier Strecken. Jede von ihnen hält Entdeckungen und Verstecke bereit. Grundsätzlich können Spieler überhaupt nur ein paar Knöpfe drücken, neben dem Lenken gibt es nur Bremsen und Beschleunigen in zwei Geschwindigkeiten. Aber die Abfahrten sind meisterhaft ausgetüftelt. Wer dem gut sichtbaren Trampelpfad folgt, der hat beste Chancen, sturzfrei unten anzukommen. Wer dabei aber auch schnell sein will, der muss das Unterholz nach Abkürzungen absuchen, in die Tiefe rasen, vielleicht das Fahrradmodell wechseln, damit es besser zu Strecke und Strategie passt.

Leiser Nervenkitzel oder irrsinnige Amokfahrt

Das Spiel folgt einem Rhythmus. Jede Strecke beginnt mit einem wartenden Fahrer in der Idylle. Auf der ersten Fahrt geht es nur um das Kennenlernen und Staunen. Ab dann aber werden Stürze gezählt und die Zeit gestoppt. Mit jeder gemeisterten Herausforderung kommen neue Strecken und Aufgaben dazu. Spieler können nicht nur ein paar Trikotfarben freischalten, sondern auch den wesentlichen Inhalt, die Berge und Räder. Wer vorsichtig fährt, erlebt die Abfahrt als leisen Nervenkitzel. Wer dagegen einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen will, der reiht irrsinnige Amokfahrten aneinander, stürzt aberhunderte Male, schwitzt und glüht beim Spielen.

Das Ankommen im Basislager am Fuß des Berges ist dann, als hätte jemand endlich ein Fenster geöffnet – eine Erleichterung. Fast will man in das aufgestellte Zelt kriechen und den zwitschernden Vögeln lauschen. Aber stets locken neue Aufgaben; und jeder Versuch braucht nur ein paar Minuten.