Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen den Aufständischen und Wehrmachtssoldaten.
Grafik: Pixelated Milk

BerlinAuf den ersten Blick wirkt dieses Spiel wie eine Provokation. Der Warschauer Aufstand als Game? Mit comicartig gezeichneten Figuren? Da rennt gleich zu Beginn eine Frau durch eine beschädigte Straße. „Halt!“, schreit der deutsche Soldat hinter ihr und lässt dann den Schäferhund von der Leine. Aus den Ruinen feuern Aufständische mit Gewehren. Einer liegt in einer Ecke, das Foto der Geliebten in der Hand, die Pistole in der anderen. Blut läuft an seinem Körper herunter. Offenbar Selbstmord, da hat die Verzweiflung einen übermannt.

Diese ersten Sekunden des Spiels machen gleich klar: Es mag ein Comic sein – aber es ist einer von der ernsten Sorte. Geschrieben hat das Spiel ein kleines Studio aus Warschau, es gibt keinen großen Konzern im Hintergrund, sondern nur ein paar Freunde und Leidenschaft für eine Idee.

„Es soll keine Pädagogik sein“

„Es soll ein Spiel sein, keine Pädagogik“, sagt Krzystztof Paplinsky, der Produzent des Spiels. „Die Leute wollen eigentlich nichts über den Warschauer Aufstand hören.“ Im Ausland wisse man doch nicht einmal genau, was das war. Dass der Aufstand im Warschauer Ghetto und der Warschauer Aufstand zwei verschiedene Ereignisse sind, könne außerhalb Polens kaum jemand unterscheiden. Im Land selbst werden die Aufständischen, die gegen die Nazi-Besetzer gekämpft und verloren haben, freilich als Helden verehrt.

Verschiedene Spieler können sich verbünden.
Grafik: Pixelated Milk

Vielleicht unterschätzt Paplinski sein eigenes Spiel: Es könnte besonders im Unterricht bestens funktionieren. Und es erklärt die Geschichte ja auch gleich zu Beginn. „Wir schreiben das Jahr 1944“ heißt es da. Und dann wird man mitten in die historischen Ereignisse hineingeworfen.

Die Wehrmacht hat Polen seit fast fünf Jahren besetzt. In der Hauptstadt Warschau haben die Deutschen ein Terrorregime installiert. Am 1. August 1944 gibt die polnische Exilregierung das Signal zum Kampf. Und die Heimatarmee, die nur noch im Untergrund existiert, kämpft – gegen den übermächtigen Gegner. Am 2. Oktober wird alles vorbei sein, die Nazis gewinnen und brennen die Stadt nieder.

Was man hier spielt, wird man also niemals gewinnen können. Wir sind Teil einer kleinen Gruppe von Kämpfern, müssen aus dem Untergrund Aktionen organisieren. Zunächst schaut man auf den Stadtplan Warschaus von oben – die Macher des Spiels haben dafür nach historischen Karten recherchiert, man sieht hier also das Warschau von 1944, viele Straßenname gibt es auch heute noch, aber die Stadt hat sich natürlich massiv verändert.

Das Spiel beeindruckt durch seine grafische Darstellung.
Grafik: Pixelated Milk

Kleine Symbole zeigen, wo das Geheimversteck der Polen ist, wo deutsche Truppen stehen und wie gut sie bewaffnet sind. Bewegt man sich allein durch die Straßen, zeigt auch das ein rundes Symbol. Eigentlich sieht alles sehr wie ein Brettspiel aus – man könnte an Klassiker wie „Scotland Yard“ oder „Inkognito“ denken. Allerdings erklingt schon Sirenengeheul, Explosionen aus der Ferne, eine bedrohliche Atmosphäre stellt sich sofort ein.

Trifft man auf deutsche Patrouillen, beginnt ein Kampf. Da ändert sich auch die Ansicht, nun zeigt das Spiel den Blick auf eine Hauswand oder eine Brache, vor der die Schießerei dann beginnt, die gezeichneten Figuren stehen einander gegenüber. Die Nazis immer in Uniform, manchmal mit Hund. Und die Aufständischen müssen Spielende hier vorher zu einer Gruppe zusammenstellen.

Das geschieht vorab im Versteck, einem größeren Haus, in dem verschiedene Charaktere bereitstehen. Eine gut funktionierende Gruppe kann dann zum Beispiel aus zwei Schützen und einer Sanitäterin bestehen, so können die Bewaffneten verarztet und geheilt, wenn sie angeschossen worden sind.

Das Kampfsystem funktioniert dabei nach einem Mechanismus, der unter Gamern rundenbasiert heißt. Das bedeutet: Hier muss man nicht wild unter Zeitdruck herumklicken, sondern kann in Ruhe entscheiden, was jede Figur als nächstes tun soll. Ist man sich dann sicher, geht der Kampf weiter – die eigenen Figuren führen Ihre Aktionen aus und die Wehrmacht-Soldaten antworten. Wer sie besiegt, erobert oft neue Waffen und Güter, mit denen man die Strategie weiter planen kann.

Intensiver Soundtrack

Später gibt es dann verschiedenste Missionen, die einem von Informanten zugesteckt werden – sie spielen an den Orten, die auf der Warschauer Karte eingezeichnet sind. So lernt man, die man nebenbei auch noch gut kennenlernt. Für jede dieser Missionen muss wieder eine Gruppe zusammengestellt werden, die dann losmarschiert und angreift.

Auf dem Weg dahin gibt es manchmal unerwartete Ereignisse, denen man sich widmen kann. Manchmal sind die regelrecht erschütternd. Da heißt es dann: „Du hörst erstickte Schreie aus einer Straße, die gerade einem Bombenangriff zum Opfer fiel. Ein paar Zivilisten sind verschüttet, willst Du sie retten?“ Und die Entscheidung fällt niemals leicht, denn immer kann es passieren, dass die Deutschen die Spieler entdecken.

Es kann auch sein, dass Spieler zu spät zur Mission erscheinen. Vieles davon passiert nur über Text – und man muss es sich vorstellen. Die Fantasie spielt eine Hauptrolle in diesem Game. Es holt eine Tugend der Spiele der Neunziger in die Gegenwart: Es überlässt viel der Imagination, und lebt vor allen von Atmosphäre, von einem intensiven Soundtrack, und der fast expressionistischen Farbgebung.

Grafik: Pixelated Milk
Aktive Gaming-Szene

Der Markt: Die polnische Gamingbranche ist sehr   aktiv und erfolgreich. Mit der Reihe „The Wichter“ kommt ein Welthit aus Polen, den so kein deutsches Studio je geschafft hat. Derzeit entstehen in Spiele wie „Chernobylite“ und „Cyberpunk 2077“, die schon jetzt   Aufsehen erregen.
Das Spiel: Der Hersteller ist das polnische Independent-Studio Pixelated Milk, das Spiel ist seit September auf dem Markt. In „Warsaw“ wird der Warschauer Aufstand thematisiert. Das Spiel ist für den PC auf der Plattform Steam erschienen, ab 16 Jahren, es kostet 20 Euro.

Die polnische Videospielbranche ist sehr aktiv und enorm erfolgreich. Mit der Reihe „The Wichter“ kommt ein Welthit aus Polen, den so kein deutsches Studio je geschafft hat. Derzeit entstehen in Polen Spiele wie „Chernobylite“ und „Cyberpunk 2077“, die bereits vorab Aufsehen erregten – erste Präsentationen sahen fantastisch aus.

„Warsaw“ ist im Vergleich dazu ein echtes Independent-Spiel – das so nur in einer lebendigen Gaming-Szene entstehen konnte. Und es hat ja auch eine Besonderheit, die es so noch überhaupt nicht gab: „Dies ist nicht das erste Spiel aus Polen“, sagt Chefentwickler Krzystztof Paplinsky noch. „Aber das erste über Polen.“