Die knuddelige heile Welt gibt es beim Spiel „Animal Crossing: New Horizons“.
Nintendo

BerlinAufsteigende Kurven lösen in diesen Tagen Unruhe aus. Diese eine nicht: Etwa 22 Millionen Menschen trieben sich am vergangenen Wochenende gleichzeitig auf Steam herum, der weltweit wichtigsten Plattform für PC-Spiele. Das ist ein Rekord, aber noch nicht die Spitze. Normal sind zur Hauptsaison Spielerzahlen von bis zu 16 Millionen. Wenn sich in den USA eine stärkere Phase der Isolation durchsetzt, dann dürften die Zahlen noch einmal deutlich steigen.

„Quarantäne ist mein Ding“

Das Publikum spielt generell da, wo es auch sonst spielt. Der nach Spielerzahl erfolgreichste Titel auf Steam ist der Multiplayer-Shooter „Counter-Strike: GO“. Das hat spürbare Effekte. In der Community beschweren sich viele darüber, dass die Zahl der windigen Betrugsmaschen im Spielechat zugenommen habe. Je nach Region bemerken Spieler, eine stärkere Auslastung des Internets. Ansonsten kämpfen Spezialeinheiten gegen Terroristen. Wie immer.

Ein martialisches Ballerspiel wie „Counter Strike“ mag Außenstehenden nicht als gelungene Ablenkung von den Geschehnissen vor der Tür erscheinen. Aber wer es regelmäßig spielt, nimmt in aller Regel nicht mehr an der Fantasie des Spiels teil. Für Stammgäste ist das Spiel auch ein Kneipenersatz – hier werden soziale Kontakte gepflegt, auch wenn gerade keine Pandemie ausbricht.

Auch in populären Internetforen wie „Reset Era“ oder „r/gaming“ auf Reddit treffen sich Spieler zum Plaudern. Sie scherzen darüber, dass sich ihr Hobby für die Krise eignet – dass andere Menschen angesichts eines Ausgehverbotes verzweifeln, während sie frohlockend den Gaming-PC hochfahren. „Quarantäne ist mein Ding“, schreibt einer und bekommt dafür besonders viele Likes. Gaming-Fans sind natürlich nicht per se kontaktscheu, aber kontaktscheue Menschen finden in der Szene ein Zuhause. „Ich hatte schon immer eine starke Abneigung gegen Menschenmengen“, schreibt ein anderer Nutzer und spekuliert, ob das vielleicht „ein evolutionärer Vorteil“ sein könnte. Viele stimmen zu.

Unzeitgemässe Heldinnen

Nutzung: Der Betreiber des weltweit größten Internetknotens DE-CIX in Frankfurt am Main teilte in der vergangenen Woche mit, dass eine Zunahme von etwa 25 Prozent bei Online- und Cloud-Gaming verzeichnet wurde.

Rekord: Die bei Gamern besonders beliebte Plattform Steam meldet einen neuen Rekord. Am Wochenende besuchten 22 Millionen Gamer die Plattform, eine Woche zuvor waren es schon 20 Millionen gewesen.

Ärger: Der Branchenverband Bitkom meldete vor zwei Jahren, dass die Hälfte der Gamer in Deutschland Frauen sind. Sie stört, dass die weiblichen Figuren nicht zeitgemäß in den Spielen dargestellt werden.

Ein gewisser Galgenhumor ist weit verbreitet. Natürlich dient er auch dazu, Sorgen zu überspielen. Ein Forennutzer behauptet, er verlasse in seinem asiatischen Heimatland seit zwei Monaten nur noch zum Einkaufen das Haus. Den ersten Monat habe er vor lauter Unruhe kaum spielen können. Erst mit einer Verbesserung der allgemeinen Lage sei die Laune zum Spielen zurückgekehrt.

Unheimlich ist das Virus vielen Menschen, auch den Spielefans. Und auf eine unheimliche Weise vorbereitet fühlen sie sich, weil Spiele laufend Krisen behandeln. Bildschirmfotos aus dem 2013er-Spiel „State of Decay“ machen die Runde, in denen ein Mensch vom Ausbruch einer Krise erzählt: Er wisse heute noch nicht, warum ausgerechnet Toilettenpapier innerhalb weniger Tage ausverkauft gewesen sei. Fans von „Fallout“ posten stolz Fotos ihrer gesammelten Kronkorken – nach dem Zusammenbruch der Zivilisation werden sie in ihrer Spieleserie zum Zahlungsmittel.

Beruhigend ist das auch für Fans nicht. In den Geschichten dieser Spiele eskalieren Krisen immer weiter. Sonst wären sie nicht besonders spannend. Die Vorstellung, dass es so schlimm wird wie in einer üblichen Spieleproduktion, mag sich auch in den Foren keiner richtig ausmalen. Da geht meistens die Welt unter, die Zivilisation bricht zusammen, und Spieler müssen um sich schießen, um die Menschheit zu retten. Das wünscht sich auch auf Reddit niemand.

„Spendet Rechenzyklen!“

Bei genauem Hinsehen sind die Bedrohungen in Spielen allerdings auch deutlich dramatischer. In „State of Decay“ ist es mal wieder eine Zombie-Apokalypse, in „Fallout“ ein atomarer Weltkrieg. Selbst in „The Division“, einem Spiel über den Überlebenskampf nach dem Ausbruch einer Seuche, tut es kein herkömmlicher Coronavirus. Da müssen es schon Bioterroristen sein, die einen besonders gefährlichen Erreger entwickeln und absichtlich platzieren.

Auf so viel Weltuntergang haben momentan auch viele Spielefans keine Lust. Sie sehnen sich nach Harmonie – und vermissen irgendwann die frische Luft. Fachpresse und Publikum feiern in diesen Tagen besonders überschwänglich das Erscheinen von „Animal Crossing: New Horizons“. In dem knuddeligen Nintendo-Switch-Spiel ziehen die Spieler auf eine virtuelle Insel voller freundlicher Tiere. „Mutazione“ und „A Short Hike“ sind weitere begehrte Spiele über idyllische Inselfluchten. Und seit Monaten kaufen Menschen verstärkt Virtual-Reality-Brillen – die größtmögliche Weltflucht.