Ein Roboter im Altersheim soll Bewohnern helfen.
Foto: imago images / Norbert Millauer

BerlinDie Corona-Krise macht alles anders. Wo man sich vor ein paar Wochen um den Hals fiel und innig umarmte, hält man heute einen Mindestabstand von 1,5 oder besser zwei Metern. In Bäckerei- und Supermarktfilialen werden im Kassenbereich dicke Glasscheiben eingezogen, die man sonst nur von Bankschaltern oder Krankenhäusern kannte. Und in Geschäften zahlen selbst die Deutschen, deren Liebe zum Bargeld unverbrüchlich schien, immer häufiger mit Kreditkarte oder kontaktlos per App. Denn: Bargeld ist unhygienisch.

Studien zufolge befinden sich auf 80 Prozent aller Dollarscheine Spurenelemente von Kokain. Auch Bakterienkulturen wurden auf Geldscheinen nachgewiesen. Banknoten sind wahre Keimschleudern. Ob das Coronavirus auch über Geldscheine verbreitet werden kann, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Unstrittig ist, dass man sich damit jede Menge anderer Bakterien und Viren einfangen kann. Die Corona-Krise könnte den Trend zum bargeldlosen Bezahlen befeuern.

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Medikamente ans Bett geliefert

Und noch eine Entwicklung könnte die Corona-Pandemie beschleunigen: die Roboterisierung. Nicht nur in China sind Putzroboter pausenlos im Einsatz, um in Krankenhäusern und auf Straßen Desinfektionsmittel zu versprühen und Keime mit UV-Licht zu töten. Auch in Dänemark wird diese Technik genutzt.

In chinesischen Krankenhäusern bringen Roboter die Medikamente zu den Patienten. Und in den Provinzen kreisen Drohnen, die mit einer KI-gestützten Kamera die Atemschutzmaskenpflicht in der Bevölkerung kontrollieren. Und in Wuhan hat ein voll automatisiertes Krankenhaus eröffnet, wo Roboter rund um die Uhr Arzneimittel an Patienten verteilen und die in Wearables erfassten Gesundheitsdaten wie Herzschlag und Blutwerte auslesen. Die autonomen Pflegeroboter sollen sogar Tänze aufführen und die gelangweilten Patienten bespaßen.

Auch Lieferungen werden kontaktlos

Der medizinische Fortschritt zeigt sich in der Corona-Krise deutlich: Roboter husten und niesen nicht und brauchen auch keine Atemschutzmasken. Auch in Digitalforen diskutierten junge Unternehmer vor allem in den USA über die Zukunft von Robotern, die über Künstliche Intelligenz gesteuert werden. Was kann der Mensch, was die Technik nicht kann, ist eine zentrale Frage.

Auch Lieferdienste setzen in der Krise verstärkt auf Drohnen und Roboter. Kontakte zu minimieren ist das Gebot der Stunde. Zahlreiche Fast-Food-Ketten und Kurierdienste bieten kontaktlose Lieferungen an. Der Kurier stellt die Ware vor der Türe ab und klingelt, der Kunde zahlt elektronisch per Kreditkarte oder App. So wird das Essen oder Paket an die Haustür geliefert, ohne dass sich der Lieferbote und Kunde begegnen müssen.


Deutschland auf Platz drei:

  • Roboter: Der Ursprung des Wortes liegt im tschechischen Wort „Robota“, das mit Zwangsarbeit übersetzt werden kann. Die Bezeichnung wurde vor 100 Jahren von dem Literaten Karel Capek geprägt. Er verwendete sie in einem Theaterstück.
  • Robotik: Das wissenschaftliche Gebiet, das sich mit der Konstruktion von Robotern beschäftigt, heißt Robotik. Ein allgemeines Gebiet, das sich mit Robotern beschäftigt, gibt es nicht. Es geht um Teilgebiete der Elektrotechnik oder des Maschinenbaus.
  • Robotisierung: Deutschland belegt nach einer Studie den dritten Platz weltweit, auf 10 000 Beschäftigte kommen 338 Industrieroboter. Mehr Roboter setzen nur Südkorea und Singapur ein. Die Zahlen stammen aus dem World Robotics Report.

Die kontaktlose Gesellschaft

Schon vor Corona war eine Tendenz zu Social Distancing erkennbar. Statt am Fahrkartenschalter löste man sein Zugticket am Fahrkartenautomaten. An den Check-in-Schaltern an Flughäfen wartet auch kein freundlicher Mitarbeiter, sondern ein mürrischer Automat, der das Gepäckband ausspuckt, das der Passagier selbst um den Koffer wickeln muss (was meist dazu führt, dass die Mitarbeiter der Fluggesellschaft doch eingreifen müssen und die Automatisierungsgewinne zunichtemachen).

Und wer einen Beratungstermin vor Ort bekommen will, kann von Glück reden, wenn er nach einer halben Stunde in der Warteschleife einen menschlichen Mitarbeiter im Call-Center an die Strippe bekommt (der dann häufig wie ein Chatbot ein Skript abarbeitet). Der Schriftsteller Arthur Koestler nannte die USA schon vor Jahrzehnten eine „kontaktlose Gesellschaft“, die von Automaten bevölkert sei.

Das Menschliche darf nicht auf der Strecke bleiben

Die Corona-Krise könnte diese „kontaktlose Gesellschaft“ weiter vorantreiben. Es ist davon auszugehen, dass viele Präventionsmaßnahmen wie kontaktlose Paket- und Essenslieferungen aufrechterhalten werden. Es wirkt ein wenig so, als würde jeder seine Filterblase aus dem virtuellen in den physischen Raum transportieren, als dürften sich die Lebenslinien nicht kreuzen. Bloß keine Berührung, bloß nicht zu nahe kommen!

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Nähe und Distanz zu wahren ist natürlich immer ein Balanceakt. Studien belegen aber, dass Kellner in Restaurants ein höheres Trinkgeld bekommen, wenn sie die Schulter des Kunden berühren. Der Mensch ist auch ein soziales Wesen, das auf Reize reagiert. Man wird in Zukunft fragen müssen, wie viel physischen Kontakt man in einer Risikogesellschaft zulassen will – und ob bei aller Notwendigkeit zur Prävention nicht das Menschliche auf der Strecke bleibt.