Ein Verkehrspolizist überprüft vor der Christ-Erlöser-Kathedrale die Dokumente eines Autofahrers.
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MoskauDie Internetseite der Moskauer Stadtverwaltung öffnet sich erst nach 70 Sekunden, das Fenster „Den digitalen Passierschein erhalten“ nach 20 Sekunden, dann klemmt das System: „Es gibt technische Probleme, verwenden Sie einen anderen Zugang.“ Die Behörden sprachen von einem Hackerangriff.

Trotzdem versuchten die Moskauer in Massen, auf dem am Montag freigeschalteten Portal mos.ru die aus 16 Buchstaben und Ziffern bestehenden Digitalparolen zu beantragen. Denn ohne sie darf man sich ab Mittwoch nicht mehr im Auto oder in öffentlichen Verkehrsmitteln durch die russische Hauptstadt bewegen.

Die Passiercodes sollen die Bewegungen der Moskauer überwachen und die Ausbreitung des Coronavirus aufhalten. Sie sind aber seit Wochen umstritten. Menschenrechtler warnen, die Behörden könnten die dabei eingesetzte Technik auch nach dem Ende der Pandemie nutzen, um die Bürger auszuspähen. Ursprünglich war geplant gewesen, dass die Moskauer sogar für jeden Gang nach draußen online einen neuen Code beantragen müssen. Wegen heftiger Kritik wurde darauf verzichtet.

Die Einrichtungen sind schon jetzt am Anschlag

In Moskau ist nicht nur das Portal mos.ru überlastet. Im Internet kursierten am Wochenende Videos, die Schlangen von mal 30, mal mehr als 60 Ambulanzwagen zeigten. Stundenlang warten sie vor Krankenhäusern, die Covid-19-Kranke behandeln. „Die Aufnahme ist mit Kranken überfüllt, die Mehrzahl mit den gleichen Symptomen. Fast alle haben Lungenentzündungen“, schreibt auf Facebook der Bürgerrechtler Georgi Fedotow, der selbst mit Erstickungsanfällen in einer Klinik im Stadtteil Kusminki landete. „Ich sah mehrere schwerkranke alte Leute, die sofort auf die Intensivstation gebracht wurden.“ Alle anderen kämen in gewöhnliche Zimmer, offenbar gingen die Betten zu Ende. „Die Ärzte arbeiten wie im Krieg.“

Die offizielle Zahl von 18.328 Corona-Infizierten in Russland ist weiter gering, sie stieg aber allein von Sonntag auf Montag um 2558. Mehr als die Hälfte der neuen Fälle wurden in Moskau diagnostiziert, insgesamt gibt es dort 11.513. Die bisher 148 Corona-Toten russlandweit könnten nur die Spitze eines Eisbergs sein.

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Der Moskauer Iwan, der gerade eine Lungenentzündung überstanden hat, erzählt, seine Frau sei mit denselben Symptomen wie er positiv getestet und stationär behandelt worden. Seine Tests seien negativ ausgefallen. Der Publizist Maxim Schewtschenko postet nach zweiwöchigem Klinikaufenthalt: „In den Krankenhauskorridoren sitzen massenhaft Leute mit Lungenentzündung, die Corona haben.“

Steigende Zahl der Lungenentzündungen

Denis Prozenko, Chefarzt der Seuchen-Klinik Kommunarka sagt, Moskaus Intensivstationen hätten 2500 Betten. Vizebürgermeisterin Anastasia Rakowa gab am Freitag bekannt, die Zahl der Lungenentzündungen habe sich seit der Vorwoche auf 5500 verdoppelt, „Krankenhäuser und Notärzte arbeiten am Anschlag.“ Bürgermeister Sergei Sobjanin gestand, man sei erst „am Fuße“ der Covid-19-Infektionskurve.

„Natürlich befürchten wir, dass Teile des virtuellen Passierscheinsystems auch später Anwendung finden werden“, sagte der Menschenrechtler Lew Ponomarjow am Montag. „Aber das Virus breitet sich in Moskau stürmisch aus. Darum sind auch scharfe Maßnahmen gerechtfertigt.“