Noch immer ist nicht ganz klar, wie groß die Bedrohung ist, die von dem neuen Coronavirus, auch „Middle East respiratory syndrome coronavirus“ (Mers-Cov) ausgeht. Aus Saudi-Arabien werden laufend weitere Todesfälle durch die grippeähnliche Infektion gemeldet: Zwei dort lebende Gastarbeiter im Alter von 46 und 21 Jahren seien an der Erkrankung gestorben und zwei Patienten in der stark betroffenen Ost-Provinz, berichtete das saudi-arabische Gesundheitsministerium am Montag. Damit hat das Land seit September 2012 nun 32 Mers-Cov-Opfer zu beklagen, weltweit dürfte damit die Zahl der Todesfälle auf 38 steigen.

Einer der externen Todesfälle ereignete sich in Deutschland: Ein 73 Jahre alter Patient aus Abu Dhabi, der im März zur Behandlung nach München verlegt worden war, erlag der Infektion im April. Im Fachmagazin Lancet berichten die behandelnden Mediziner nun über den Fall und die Eigenheiten der neuartigen viralen Infektion.

Ihr Fazit: Das neue, vor allem im Nahen Osten verbreitete Coronavirus scheint sich vor allem über die Atemwege zu verbreiten. Im Gegensatz zum Sars-Erreger, der ebenfalls zu den Coronaviren zählt und an dem an dem vor zehn Jahren etwa 800 Menschen starben, finden sich im Stuhl von Patienten nur wenige Viren, berichten die Autoren um den Virologen Christian Drosten von der Universitätsklinik Bonn.

#image1

Der Patient aus Abu Dhabi hatte zunächst grippeartige Symptome und wurde zwei Tage später in ein Krankenhaus in Abu Dhabi gebracht. Die Ärzte dort diagnostizierten eine Lungenentzündung und verordneten dem Patienten Antibiotika und künstliche Beatmung. Am 19. März, dem zwölften Tag der Erkrankung, wurde der Patient nach München verlegt. Die Atemprobleme verschlimmerten sich, zudem erlitt der Mann Nierenversagen. Er starb am 18. Tag der Erkrankung an einer Blutvergiftung (Sepsis) und multiplem Organversagen.

Erreger in Urin und Stuhl

Wie die Mediziner berichten, war die Virenlast in den unteren Atemwegen am größten. Dies bestätigt die WHO-Empfehlung, bei Patienten Virenproben aus diesem Areal zu entnehmen. Geringe Erregermengen fanden die Mediziner in Urin und Stuhl des Patienten, aber nicht im Blut. Die Erreger im Harn könnten darauf hindeuten, dass sich das Virus in den Nieren vermehren kann, vermuten sie. Dies könnte erklären, warum der Mann – wie auch einige andere Patienten – Nierenversagen erlitt.

Die niedrigen Virenmengen im Stuhl unterscheiden sich dagegen deutlich vom Sars-Erreger. Diese Erkenntnis ist für die Praxis wichtig, denn bislang orientierten sich Ärzte bei der Behandlung auch am Sars-Verlauf. Die hohe Erregerlast in den unteren Atemwegen deutet den Forschern zufolge darauf hin, dass das Virus hauptsächlich über die Atemwege ausgeschieden wird. Solche Labordaten seien sehr wichtig, um Prognose und Infektionsrisiko besser einschätzen zu können, betonen sie.

In einem Kommentar schreiben Benoit Guery und Sylvie van der Werf vom Hopital Huriez in Lille (Frankreich), dass der Mers-Cov-Ausbruch – gemessen am Verlauf von Sars vor zehn Jahren – noch in der Frühphase sein könne. Daher müsse die internationale Forschergemeinschaft dringend wirksame Therapien finden und bewerten.

Experten wünschen sich derweil mehr Informationen von den arabischen Behörden. Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hatte kürzlich erklärt, die unzureichende Information erschwere es, die Übertragungswege und das Infektions- und Erkrankungsmuster abzuschätzen. (mit dpa/fwt)