Countdown zur langen Nacht der Wissenschaften in Berlin: Ein Auto zum Aufpusten

Keine Lücke weit und breit, also noch eine Runde um den Block. Das macht schlechte Laune und kostet Zeit. Forscher haben berechnet, dass Autofahrer in Deutschland 41 Stunden im Jahr mit der Parkplatzsuche verbringen. Viel Zeit, in der sie Benzin verschwenden und sinnlos Abgase produzieren.

„Gerade in Städten wie Berlin wird es immer schlimmer, weil zunehmend Parkplätze zurückgebaut werden“, sagt Ullrich Hoppe, Professor für Fahrdynamik und Simulation an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW).

Mit dem Auto in die Wohnung

Der Ingenieur hat daher ein aufblasbares Auto entwickelt, für das man keinen Parkplatz braucht. Am Ziel angekommen, lässt man die Luft aus der Karosserie, drückt alles flach und klappt den festen Unterboden in der Mitte zusammen. Das faltbare Auto sieht dann aus wie ein großer schwarzer Koffer mit Rollen. Man kann es an einem Baum befestigen oder mit in die eigene Wohnung nehmen.

Bei der Langen Nacht der Wissenschaften am 15. Juni in Berlin kann man sich Dandelion (zu Deutsch: Pusteblume), das aufblasbare Auto, auf dem Campus Wilhelminenhof der HTW in Oberschöneweide ansehen. In einer Ecke der Fahrzeughalle, wo Studierende an zahlreichen Autos Versuche und Messungen vornehmen, bastelt Hoppe an einem zulassungsfähigen Prototyp. Man kann damit noch nicht fahren, auf- und zuklappen lässt sich der Zweisitzer aber bereits.

Schon als Junge träumte Ullrich Hoppe von einem aufblasbaren Auto. In der kleinen Straße in Berlin-Lichterfelde, auf der er als Kind spielte, gab es in den 60er-Jahren gerade mal drei Autos. Über fehlende Parkplätze beschwerte sich damals noch keiner. „Ich fand aber die Idee einfach toll, dass man etwas so Großes und Schweres wie ein Auto ganz klein machen könnte, um es mitzunehmen.“

Ein Kindheitstraum wird wahr

Den Entschluss, diesen Traum in die Tat umzusetzen, fasste er vor ein paar Jahren während eines Campingurlaubs mit seiner Frau. Der Stellplatz, auf dem das Wohnmobil der Hoppes stand, ließ sich in Abwesenheit nicht reservieren. Das ist auf den meisten Wohnmobilstellplätzen so üblich. Fährt man mit dem großen Vehikel zu einem Tagesausflug oder zum Einkaufen in den nächsten Ort, ist der Platz möglicherweise von jemand anderem besetzt, wenn man zurückkommt.

Zudem muss man dafür jedes Mal alles zusammenräumen: Markise, Gartenstühle, Fahrräder – das ist aufwendig. Hätten wir jetzt ein Auto zum Zusammenklappen, das man hinten im Wohnmobil mitnehmen könnte, wären wir viel flexibler, dachte sich Hoppe damals. Zwar gibt es Wohnmobile mit integrierter Garage für einen Kleinwagen, diese können sich aber die wenigsten leisten.

Hoppe begann Skizzen zu machen und recherchierte, welche aufblasbaren Gefährte es in der Geschichte der Mobilität bereits gegeben hat. Auf dem Wasser sind sie längst Realität: Schlauchboote, die von einem Motor angetrieben werden. Selbst ein aufblasbares Flugzeug hat es schon gegeben. In den 50er-Jahren entwickelte ein US-Reifenhersteller für die Airforce das Inflatoplane, das sich in zehn Minuten selbst aufbläst und an die 270 Meilen weit fliegen konnte. Es sollte hinter den feindlichen Linien abgeworfen werden, damit sich die eigenen Soldaten dann damit retten können. Da es aber zu leicht abgeschossen werden konnte, wurde die Produktion des Inflatoplane wieder eingestellt.

Erstes Schlauch-Auto der Welt

Ein Schlauch-Auto gab es jedoch noch nicht. „In China hat noch jemand ein ähnliches Patent angemeldet, aber käme Dandelion auf den Markt, wäre es das erste aufblasbare Auto der Welt.“ Der Aufbau geht schnell. In nicht einmal zehn Minuten lassen sich Karosserie und Sitze mit einer Luftpumpe aufpusten.

Mit einer Geschwindigkeit von höchstens 60 Kilometern pro Stunde ist es allerdings nicht sehr schnell. „Für den Stadtverkehr ist das vollkommen ausreichend“, sagt Hoppe. Für die Autobahn sei sein aufblasbares Auto ohnehin nicht gedacht. Eher für zwei Personen, die kürzere Strecken zurücklegen – zum Beispiel zum Wocheneinkauf oder zum Gassigehen im Wald. Ein Hund passt nämlich auch noch rein.

Hinten befindet sich der Elektromotor, der etwa 30 Kilometer schafft, bevor die vier Akkus aufgeladen oder gegen volle ausgetauscht werden müssen. Mit 120 Kilogramm im zusammengeklappten Zustand ist Dandelion so schwer, dass man es nur im Aufzug in eine höher gelegene Wohnung oder über eine Rampe in ein Wohnmobil schieben kann. Es ist dann nur noch einen Meter hoch, 1,20 Meter lang und 75 Zentimeter breit.

Doch wie geschützt ist man in diesem Fahrzeug bei einem Unfall? „Es ist in jedem Fall sicherer als ein Roller“, meint Hoppe. „Im Grunde fährt man mit einem Airbag spazieren.“ Da es als leichtes vierrädriges Kraftfahrzeug in die Fahrzeugklasse L7e eingestuft würde, gelten für Dandelion andere Sicherheitsstandards als für einen normalen Kleinwagen.

Das Design des aufblasbaren Autos hat Hoppe gemeinsam mit Studierenden des Studiengangs Industriedesign an der HTW erarbeitet. Derzeit entwickeln sie gemeinsam mit einer Firma in Thüringen ein spezielles Material für die aufblasbaren Elemente der Karosserie. Das Gewebe ähnelt dem eines Stand-up-Paddleboards. „Es gibt aber noch keine Technologie, mit der man die Rundungen der flächigen Elemente herstellen kann“, sagt Hoppe. „Deswegen werden sie jetzt extra für uns gestrickt.“

Geldgeber gesucht

Aktuell finanziert die Hochschule die Konstruktion. Hoppe sucht aber nach Geldgebern und Förderern. „Hätte ich ausreichend finanzielle Mittel, könnte der Prototyp in anderthalb Jahren zulassungsfähig sein“, sagt Hoppe. Sein Ziel ist, dass das aufblasbare Auto eines Tages tatsächlich in Serie produziert wird. Er schätzt, dass es dann zwischen 2.000 und 5.000 Euro kosten würde. Einen Hersteller zu finden, der das Auto bauen will, sei nicht einfach. „Alles, was nicht in einer bestimmten Stückzahl gebaut wird, lohnt sich in der Fertigung nicht oder wird zu teuer“, sagt Hoppe. Doch wer weiß, vielleicht findet sich doch noch ein begeisterter Investor für das Auto, das keinen Parkplatz braucht.

Dandelion – das aufblasbare Auto am 15. Juni an der HTW Berlin, Campus Wilhelminenhof, Oberschöneweide, Halle D, 18 bis 23 Uhr.

Die Präsentation ist eine von mehr als 2000 Veranstaltungen der Langen Nacht der Wissenschaften, die am Sonnabend, 15. Juni 2019, von 17 bis 24 Uhr in Berlin und auf dem Potsdamer Telegrafenberg stattfinden. 65 wissenschaftliche Einrichtungen öffnen ihre Türen von 17 bis 24 Uhr (in Buch von 16 bis 23 Uhr).

Tickets kosten 14 Euro, ermäßigt 9 Euro, für Familien 27 Euro.

Wir verlosen 25-mal zwei Kartenberliner-zeitung.de/wissensnacht. Die Aktion läuft bis 7. Juni, 14 Uhr.