Elle Nerdinger hat keine künstlichen Gliedmaßen. Keine Roboter-Arme oder Kamera-Augen. Sie trägt keine Antenne auf dem Kopf. Trotzdem sagt sie: „Ich bin ein Cyborg.“ Die Technik gehöre zu ihrer Identität, auch wenn sie bislang nicht Teil ihres Körpers wurde. Nerdinger ist Mitglied des Vereins Cyborgs e.V., 2013 haben sich darin die deutschen Cyborgs zusammengeschlossen – Menschen, die sich fühlen wie Nerdinger, oder die, wie Vereinsgründer Enno Park, tatsächlich schon mit Technik in ihrem Körper leben: Park trägt ein Cochlea-Implantat, ohne dass er taub wäre.

Den Körper ergänzen

Aber den Körper ergänzen, ohne dass es medizinisch nötig wäre? „Meine Mutter hat immer gesagt: Man muss zufrieden sein mit dem, was die Natur einem gegeben hat“, sagt Nerdinger, die in Nordrhein-Westfalen als wissenschaftliche Referentin für die Piraten-Partei arbeitet. „Das habe ich nie verstanden. Warum soll ich mir nicht die Haare färben, wenn ich es doch kann?“ Cyborg zu sein, bedeutet für sie genau das: die Möglichkeit, sich das Leben selbst so zu gestalten, wie man es möchte.

Eins steht fest: Die Technik rückt uns immer näher. Und sie wird immer besser. Wo wir früher nur Werkzeuge nutzten, um unsere Kraft zu vergrößern oder die Wahrnehmung zu verstärken, sind Geräte wie Smartphones heute fast unverzichtbar zur Pflege sozialer Beziehungen. Apple Watch, Google Glass und Fitnessarmbänder verknüpfen uns nahtlos mit der digitalen Welt; sie sind immer da, man muss sie nicht einmal mehr aktiv in die Hand nehmen.

Im Bereich der Medizintechnik arbeiten Wissenschaftler an Prothesen, die nicht nur über Hirnströme oder die Impulse verbliebener Nervenenden gesteuert werden können. Sie geben auch Impulse zurück, erlauben es Amputierten also, mit ihren künstlichen Gliedmaßen wieder zu fühlen. Sie entwickeln Computerchips, die Blinde wieder sehen lassen könnten, und Augenlinsen mit Autofokus. Schon auf dem Markt sind Rollstühle und Prothesen, die mit Hirnwellen gesteuert werden.

Während die medizinische Forschung verloren gegangene Fähigkeiten menschlicher Körper zu ersetzen versucht, gibt es da auch die Cyborgs Marke Eigenbau: die Bodyhacker, die Körper und Sinne erweitern möchten. Die sich RFID-Chips in die Fingerkuppen einpflanzen lassen, um zukünftig Handy, Rechner oder Bürotür mit elektromagnetischen Wellen zu entsperren.

Der bekannteste Cyborg dürfte Neil Harbisson sein. Der irisch-spanischstämmige Künstler lebt mit einer Art Antenne am Kopf, 2004 wurde sie dort fest verankert. Er ist der Erste, der damit in seinem Pass abgebildet ist – also quasi ein staatlich anerkannter Cyborg. Das Gerät ist ein Sensor, der Farben erkennt und sie Harbisson als Töne anzeigt, per Knochenübertragung über ein Implantat im Hinterkopf. Harbisson ist völlig farbenblind, er sieht die Welt nur in Schwarz-Weiß, man könnte seine Antenne also als eine Art Prothese, als medizinisches Gerät definieren.

Ganz neue Sinne könnten entstehen

Harbisson selbst sieht das nicht so: „Sie ersetzt keinen Sinn, sondern schafft einen neuen. Ich sehe ja immer noch schwarz-weiß.“ Vier Implantate hat er in seinem Schädelknochen: zwei, um die Antenne zu halten, einen Chip und einen Internetanschluss. Sie wurden ihm heimlich eingesetzt, eigentlich dürfen Ärzte solche medizinisch nicht notwendigen Eingriffe nicht vornehmen.

Mittlerweile hat Neil Harbisson den Funktionsumfang seines Fühlers noch erweitert. Damit kann er nun ultraviolette und Infrarot-Strahlen hören und übers Internet Farben an weit entfernten Orten. Oder, über eine Satelliten-Verbindung, das Weltall. Wie sich das anhört? „Es ist ziemlich laut, da gibt es ja viel ultraviolette Strahlung, verschiedene Farben. Ich bin noch dabei, mein Gehirn zu trainieren, um damit umgehen zu können.“

So könnten ganz neue Sinne entstehen. Ein Sensor, wie Harbisson ihn trägt, kann schließlich auch auf andere Dinge programmiert werden. Harbissons Partnerin Moon Ribas trägt einen Chip in ihrem Ellenbogen, der mit Seismographen verbunden ist. Sobald irgendwo die Erde bebt, vibriert es in ihrem Ellbogen, sie habe nun einen „seismischen Sinn“, sagt Harbisson.

Riesennetzwerk Gehirn

Die Technik mag näher gerückt sein, aber wie gut verstehen sich Mensch und Maschine wirklich? Daran forscht Dirk Mayer, Doktor der Chemie und Gruppenleiter für Molekulare Bioelektronik am Forschungszentrum Jülich: Wie kann man Zellen und elektrische Bauteile eine Verbindung eingehen lassen, ohne dass das lebende Gewebe Schaden nimmt? Und wie kommunizieren Zellen und Elektronik?

Dass sie das tun, ist seit langem bekannt: Schon bei der Erforschung der Elektrizität im 18. Jahrhundert stellte der italienische Mediziner Luigi Galvani fest, dass Froschschenkel wieder zu zucken begannen, wenn man sie mit statisch aufgeladenem Metall berührte. Elektronische Elemente sind Elektronenleiter, die Zellen Ionenleiter – beide können also kommunizieren.

Mayer und seine Kollegen am Peter-Grünberg-Institut erforschen, wie die so angestoßenen Signalwege funktionieren. Bei sensorischen Systemen – Sehen, Riechen, Hören – ist das gut nachzuvollziehen: Dort gibt es meist eine Nervenschicht, die ein Signal von außen empfängt und weiterleitet. Nervenzellen in neuronalen Netzwerken haben aber verschiedene Arten von Zellfortsätzen, die entweder senden oder empfangen. „Eine Zelle kann bis zu 100.000 Verknüpfungen haben“, sagt Mayer. In einem riesigen Netzwerk wie dem menschlichen Gehirn gezielt Verbindungen anzusteuern, sei eine „Riesenherausforderung“.

Ein Magnet in der Fingerkuppe

Zurzeit gebe es Versuche, Elektroden in weiche Polymere einzubetten. Klein zusammengerollt, kann man sie per Spritze ins Gehirn injizieren, wo sie sich wieder entfalten. „Es scheint so zu sein, dass das Gehirn, das ja selbst sehr weich ist, solche flexiblen Materialien weniger abstößt. So kann man länger Signale übertragen“, sagt Mayer.

Eine Computer-Gehirn-Schnittstelle rückt rein technisch so näher. Und wenn Dirk Mayer weit in die Zukunft blickt, hält er es für keine grundsätzlich abwegige Idee, künstliche Intelligenz und menschlichen Geist zu kombinieren: „Die künstliche Intelligenz hat eine größere Wissenskapazität, das humane Gehirn kann assoziativ denken – warum sollte man diese Stärken nicht kombinieren?“

Muss die Technik Teil des Körpers werden?

Elle Nerdinger will sich im kommenden Jahr einen Magneten in eine Fingerkuppe einsetzen lassen, um auszuprobieren, ob sie so einen Sinn für elektromagnetische Felder entwickelt. Auf einer Party, mit der sie mit ihren Freunden den Übergang zum richtigen Cyborg-Dasein feiert.

Dabei ist auch im Verein umstritten, ob sie erst das Implantat zum Cyborg macht: Muss die Technik Teil des Körpers werden? Oder sind wir durch unsere Smartphones längst alle Mischwesen? Immerhin erweitern auch sie unsere Sinne. Wir haben uns längst daran gewöhnt, uns von ihnen durch die Städte navigieren zu lassen, Informationen überall nachschlagen zu können. Wir kommen kaum noch ohne sie aus, sie gehören quasi fest zu uns. Wie ein neuer, technischer Körperteil.