Papierkrieg: Während man in Japan stolz darauf ist, ein Hochtechnologiestandort zu sein, ist die Durchsetzung der entsprechenden Innovationen oft spärlich.
Foto: Imago Images

Tokio„Kommt schon, lasst uns endlich damit aufhören“, ächzte ein Twitter-Nutzer Ende April. „Infektionsfälle per Hand berichten? Selbst in Zeiten von Corona schreiben wir mit Bleistift und schicken uns Faxe.“ Binnen Tagen wurde dieser Tweet eines Mannes, der sich als Arzt eines öffentlichen Krankenhauses in Japan zu erkennen gab, tausendfach geteilt. Vermutlich auch deshalb, weil er einen für das Gesundheitssystem seines Landes wenig schmeichelhaften Vergleich angestellt hatte. Die Prozesse der Informationsverarbeitung in den Krankenhäusern des vermeintlich hochmodernen Japan nannte er „Showa-Ära-Zeug.“

Die Showa-Ära, benannt nach der Regentschaft des sogenannten Showa-Kaisers Hirohito, begann im Jahr 1926 und endete mit Hirohitos Tod 1989. Noch zum spätesten Zeitpunkt dieser Periode gab es keine gesellschaftliche Durchdringung digitaler Anwendungen, vom Wort Internet hatten die meisten nie gehört.

Als schnelle Übertragungstechnologie war das Fernschreibesystem Telex gerade vom Fax abgelöst worden. Anders als Telex, das nur eine begrenzte Zahl an Symbolen schreiben konnte, ließ sich per Fax auch das komplexe japanische Schriftsystem Kanji übermitteln. Die Verbreitung der Faxgeräte ab den 1980er Jahren ermöglichten für japanische Behörden und Unternehmen eine Kommunikationsexplosion.

Seither sind gut drei Jahrzehnte vergangen. Die auf die Showa-Ära folgende Heisei-Ära um Kaiser Akihito ist seit 2019 auch Geschichte. Aber das Fax gehört im Land weiterhin zu den Standards der Nachrichtenübermittlung. Laut einer Regierungsumfrage von 2013 wurden im vorangegangenen Jahr noch 1,7 Millionen Faxgeräte verkauft, die teilweise durch das große Erdbeben von 2011 beschädigte Sender ersetzen sollten. Der japanische Durchschnittsbetrieb hat auch heute noch ein Faxgerät im Büro. Auf Formularen für Kontaktdaten steht neben dem Feld für die Telefonnummer in der Regel auch eines für die Faxnummer. Wer dies unausgefüllt lässt, wirkt eher neumodisch.

Wer noch nie in Japan war, könnte anderes erwarten. Immerhin hat die Innovationskraft des ostasiatischen Landes nicht mit den einst hypermodernen Faxgeräten von NEC und anderen Betrieben aufgehört. Es folgten Personal Computer von Toshiba, Laptops von Panasonic oder Smartphones von Sony. In den letzten Jahren haben vor allem intelligente Roboter von Fujisoft oder Softbank die Welt beeindruckt und diese auch in ihrem Kommunizieren und Wirtschaften beeinflusst.

Während man in Japan stolz darauf ist, ein Hochtechnologiestandort zu sein, ist die Durchsetzung der entsprechenden Innovationen aber oft spärlich. Nicht nur Behörden funktionieren vor allem analog und haben Onlineauftritte, die an die 1990er-Jahre erinnern. Auch die von Klein- und Mittelbetrieben geprägte Volkswirtschaft hinkt mit ihren Informationssystemen oft hinterher. Als im Frühjahr 2019 mit dem Beginn einer neuen Kaiserära auch eine neue Jahreszählweise anstand, herrschte bei diversen Unternehmen Panik, ob das eigene Computersystem wohl kollabieren würde.

Auch das Fax ist in Japan eben noch derart etabliert, dass davon ausgehend gern mal ein großer Schrecken durchs Land jagen kann. Im vergangenen Herbst hatten Mitarbeiter des Atomkraftwerksbetreibers Tepco nach einem Erdbeben im Westen des Landes eine Faxnachricht an die zuständige Behörde geschickt, auf der ein Kästchen angekreuzt war, aus dem ersichtlich wurde, dass das Kernkraftwerk Schäden erleiden könnte. Tatsächlich hatten die Mitarbeiter nur falsch angekreuzt. Auf digitalem Wege wäre so ein Fehler durch Bestätigungsabfragen seitens der Software bei besonders folgenschweren Klicks womöglich vermieden worden.

Die Vorgänge des manuellen Ausfüllens waren es auch, die die analogen Gewohnheiten in Japan nun inmitten der Coronakrise in Verruf gebracht haben. Nachdem sich der Twitter-User über das Hantieren mit Dokumenten in einer Notfallsituation beklagt hatte, brach im Land eine Diskussion los. Mittlerweile ist bekannt, dass das offizielle Formular für Covid-19-Erkrankungen, das Krankenhäuser bei dem Gesundheitsministerium untergeordneten Behörden einreichen müssen, aus 19 freien, platzmäßig sparsam bemessenen Feldern besteht, die der behandelnde Arzt ausfüllen muss.

Wer das bisher nicht für Verschwendung knapper Zeit gehalten hat, könnte jetzt anderer Meinung sein. Schließlich operieren die Institutionen des japanischen Gesundheitssystems seit Wochen an der Kapazitätsgrenze. Immerhin, das Gesundheitsministerium hat reagiert. Seit dem 17. Mai sollen Mitarbeiter von Krankenhäusern überall im Land ihre Protokolle durch ein zentrales Eingabesystem auf digitalem Wege übermitteln können.

Nun hängt es wohl einerseits von der verbleibenden Beschwerdelust der Bevölkerung ab, ob in Kürze weitere analoge Dominosteine im Land fallen. Andererseits hängt die Digitalisierung an den Anwendern. Den Ärzten und Assistenten ist es weiterhin nicht verboten, die Formulare per Hand auszufüllen. Und im demografisch schnell alternden Japan hat ein Großteil der Bevölkerung ihr Arbeitsleben in der Showa-Ära begonnen.