Anfangs hat Sarah Darwin die Natur auf den Galapagos-Inseln nur gezeichnet. Das hat ihren Forscherdrang geweckt. Ähnlich war es wohl bei ihrem berühmten Vorfahren, dem Naturforscher Charles Darwin. Er wäre am heutigen Donnerstag 206 Jahre alt geworden. Es ist zwar kein runder Geburtstag, aber für Sarah Darwin dennoch ein Anlass, eine neue Veranstaltungsreihe im Berliner Museum für Naturkunde zu starten. Denn die gebürtige Britin, 50 Jahre alt, ist mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen von London an die Spree gezogen.

Frau Darwin, Sie sind Botanikerin und erforschen die Natur – genauso wie Ihr Ururgroßvater. Steckt das in den Genen?

Ich werde das sehr oft gefragt, aber das ist natürlich sehr schwer zu beantworten. Die Natur ist meine Leidenschaft. Aber steckt es in den Genen, oder ist es Zufall? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem.

Charles Darwin hatte viele Kinder. Wie viele Nachkommen gibt es heute noch?

Es gibt eine ganze Menge von uns. Zu Charles Darwins 200. Geburtstag im Jahr 2009 hatten wir ein tolles Familientreffen in London. Dort sind um die 500 Nachfahren zusammengekommen. Mein Bruder Robert hat das organisiert.

Charles Darwin hat eine Zeit lang auf den Galapagos-Inseln verbracht. Sie haben auch dort geforscht. Wie kam es dazu?

Eigentlich wollte ich dort nur einen einmaligen Familien-Urlaub machen, am Ende bin ich einige Monate geblieben. Ich habe ein Buch über die Tier- und Pflanzenwelt auf den Galapagos-Inseln illustriert. Währenddessen ist mir aufgefallen, dass die Tomate, die von den Einwohnern als einheimisch bezeichnet wurde, nicht zu den Beschreibungen im Buch passte. Also habe ich das näher untersucht. Fünf Jahre später habe ich am Natural History Museum in London meine Doktorarbeit über die Galapagos-Tomate geschrieben.

Und was haben Sie genau erforscht?

Es gibt vier essbare Tomatenarten auf der Welt. Alle kommen auf den Galapagos-Inseln vor. Zwei davon sind endemisch, das heißt, sie wurden nirgendwo anders gefunden. Zwei weitere wurden von Menschen im vergangenen Jahrhundert dort eingeführt. Ich habe an allen vier Arten erforscht, was passiert, wenn sich ihre Verbreitungsgebiete überlappen, sie also in derselben Gegend wachsen und sich mithilfe der auf den Galapagos-Inseln heimischen Biene kreuzen und Nachkommen bilden. Neue Pflanzen teilen dann die Merkmale von zwei Arten.

Stimmt es, dass Sie den Tomaten aus Darwins Werk „Über die Entstehung der Arten“ vorgelesen haben?

Ja, das stimmt. Das war aber im Rahmen eines lustigen, also nicht ganz ernst zu nehmenden, Wettbewerbs. Die Tomaten sind danach allerdings tatsächlich schneller gewachsen.

Kannte Darwin die Galapagos-Tomaten denn auch schon? Man denkt ja immer, er hätte sich die meiste Zeit mit Finken beschäftigt.

Ja, er hat diese Tomaten gesammelt. Am Natural Museum in London konnte ich sogar an seinen Originalproben arbeiten. Es war für mich sehr aufregend, etwas zu berühren, das er selbst gesammelt hat. Zum Glück bewahren Museen und Forschungsinstitute solche Objekte über sehr lange Zeiträume auf, weil sich irgendwann neue wissenschaftliche Fragen stellen, und man an solchen Sammlungen immer wieder neue Entdeckungen machen kann. In London war ich damals wissenschaftliche Assistentin von Johannes Vogel, den ich 2003 geheiratet habe.

Und Johannes Vogel ist seit drei Jahren der Direktor des Berliner Museums für Naturkunde. Deswegen sind Sie von London nach Berlin gezogen. Wie gefällt es Ihnen hier?

Ich liebe Berlin. Es ist eine aufregende und dynamische Stadt. Man kann hier sein, was man sein will. Es gibt so viel Freiraum, Kunst, Musik und Wissenschaft. Außerdem empfinde ich Berlin als eine sehr familienfreundliche Stadt.

Kann man sich denn in einer Großstadt als naturverbundener Mensch überhaupt richtig wohlfühlen?

Ja, es gibt sehr viel Natur hier in Berlin – Parks, Seen, Wälder und freie Flächen, um sich zu entspannen.

In Zukunft wollen Sie mit den Berlinern jedes Jahr Darwins Geburtstag im Museum für Naturkunde feiern. Warum?

Wissenschaft ist in Berlin sehr lebendig, und die Themen Evolution und Biodiversität haben hier im Museum für Naturkunde ein fantastisches Zuhause. Zu Darwins Geburtstag soll es in dieser schönen Atmosphäre jedes Jahr interessante Gäste und Diskussionen geben. Dieses Mal werden zwei Vorträge über die Evolutionsgeschichte der Säugetiere zu hören sein. Außerdem können sich die Geburtstagsgäste natürlich die tollen Ausstellungen ansehen.

Welche Bedeutung hat Darwins Arbeit denn heute noch?

Sie ist heute noch genauso relevant wie damals, als er in den 1830er-Jahren damit begann. Einer der wichtigsten Verdienste von Charles Darwin ist für mich, dass er gezeigt hat, wie Menschen und Tiere miteinander verwandt und eng verbunden sind. Zu Darwins Zeiten dachten immer noch viele, dass der Mensch über allem steht. Heute kann die moderne Genforschung beweisen, dass Tiere und Menschen miteinander verwandt sind. Wir wissen jetzt zum Beispiel: 95 Prozent unser DNA teilen wir mit den Schimpansen.

Trotzdem verhält sich der Mensch auch heute noch wie die Krönung der Schöpfung. Was würde Charles Darwin davon halten?

Wenn er heute leben würde, wäre er sicher schockiert über die Ausmaße der Zerstörung von Arten durch den Menschen, den großen Verlust an Lebensraum oder den Klimawandel. Die Natur war Charles Darwins Inspiration. Er wäre wahrscheinlich sehr erstaunt, wie sehr sich Mensch und Natur durch das Konsumdenken voneinander entfernt haben. Unser Überleben hängt von unserer Verbindung zur Natur ab. Dabei geht es nicht nur um die Natur als Quelle sauberen Wassers, gesunder Luft und Nahrung. Studien zeigen auch, dass Menschen, die Zeit in der Natur verbringen, gesünder sind, besser mit Stress umgehen können und sich schneller von Krankheiten erholen.

Was glauben Sie, woran Darwin forschen würde, wenn er in unserer Zeit gelebt hätte?

Er war schon damals an einer großen Bandbreite von Themen interessiert. Heute würden ihn sicher die Genetik und die Epigenetik faszinieren – und natürlich auch die vielen hochwertigen Fossilien, die in den vergangenen 100 Jahren entdeckt worden sind und die seine Evolutionstheorie durch natürliche Selektion beweisen. Einige davon sind ja sogar im Berliner Museum für Naturkunde zu sehen.

Das Interview führte Alice Ahlers.

„Berlin feiert Darwin“ findet am Donnerstag, 12. Februar, ab 19.30 Uhr im Sauriersaal des Museums für Naturkunde in der Invalidenstraße 43 in Berlin-Mitte statt. Einen Blick auf die Evolutionsgeschichte der Säugetiere werfen der Paläontologe Marcelo Sánchez von der Universität Zürich und der Sinnesphysiologe Hans-Ulrich Schnitzler von der Universität Tübingen. Der Eintritt ist frei.