BerlinAuch das noch: Ein Investor hat in Los Angeles inzwischen Klage gegen das polnische Studio hinter dem Computerspiel „Cyberpunk 2077“ eingereicht. Im Vorfeld der Veröffentlichung habe das Studio CD Projekt Red Erwartungen geweckt, die das fertige Produkt nicht einhalte. Dadurch sei Investoren ein finanzieller Schaden entstanden, hieß es.

Die Manager von CD Projekt Red hätten falsche und irreführende Aussagen getroffen, schreiben die Anwälte des Investors in der Klageschrift. Das am 10. Dezember veröffentlichte Videospiel sei technisch allerdings in einem derart schlechten Zustand, dass es vor allem auf PS4 und Xbox One praktisch unspielbar sei. In Deutschland hatte heise.de zuerst ausführlich darüber berichtet. 

Dabei war das Spiel mit großen Erwartungen gestartet. In der Gaming-Szene wurde es auch als das wohl meistbegehrte Spiel 2020 gehandelt, in der Hauptrolle ist Hollywood-Star Keanu Reeves zu sehen. „Die nächste Generation des Open-World-Abenteuers“ – so hatte das polnische Entwicklerstudio CD Projekt Red „Cyberpunk 2077“ angekündigt. Und genau das erwarteten viele Fans, die dem neuen Spiel der Macher von „The Witcher“ seit Jahren sehnsüchtig entgegenfieberten. 

Während die ersten Kritiken der Fachpresse eher positiv ausfielen, waren die sozialen Medien noch in der Release-Nacht voll von Aufnahmen diverser Spielfehler. Gerade auf den Konsolen der letzten Generation, also Playstation 4 und Xbox One, berichteten Spielerinnen und Spieler von Abstürzen und unzähligen Grafikfehlern.

Bugs schmälern den Spielspaß

Die Sony-Tochter Sony Interactive Entertainment zog bald Konsequenzen und entfernte  „Cyberpunk 2077“ bis auf weiteres aus dem Playstation Store. Man biete ab sofort allen Spielern, die „Cyberpunk 2077“ im Playstation Store bereits gekauft haben, eine vollständige Rückerstattung an, teilte das Unternehmen mit.

Doch nicht nur die betagteren Konsolen haben mit dem ambitionierten Spiel Schwierigkeiten. Auch im Test auf dem PC gab es immer wieder kleinere und größere Probleme, die das Erlebnis schmälern. Darunter etwa in der Luft befindliche Gegenstände, im Kreis laufende Charaktere, Grafik-Stotterer oder Aufträge, die sich nicht abschließen lassen.

Überraschend ist das einerseits, weil die Veröffentlichung mehrfach verschoben worden war – ursprünglich war ein Release für April 2020 angekündigt worden. Andererseits mussten die Angestellten von CD Projekt Red sogar Pflicht-Überstunden schieben. Die Folge war erneut eine große Diskussion über die Arbeitsbedingungen in der Gaming-Industrie.

Immerhin ist davon auszugehen, dass Bugs in den kommenden Wochen und Monaten laufend mit Updates behoben werden. So war es auch bei „The Witcher 3“, dem letzten großen Spiel der Entwickler, das zum Start ebenfalls alles andere als fehlerfrei war. Auch für die Playstation-Version von „Cyberpunk“ soll es nach Angaben von CD Projekt weiter Patches geben.

Der technische Zustand dieses Spiels kann also vor allem mit einem Wort beschrieben werden: schade. Denn klammert man die Bugs aus, ist „Cyberpunk 2077“ ein gigantisches Spiel, das den Spielenden enorme Freiheiten lässt und riesige Ambitionen hat.

Das beginnt bereits bei der Charaktererstellung. Der Hauptcharakter, schlicht V genannt, lässt sich komplett selbst gestalten – angefangen bei Haar- und Hautfarbe, über Gesichtszüge und sichtbare Cyber-Implantate bis hin zum Geschlechtsteil. Ob V eine weibliche oder männliche Stimme hat, lässt sich unabhängig davon wählen. Die Stimme – nicht das Geschlechtsteil – bestimmt auch darüber, ob V von anderen Charakteren als männlich oder weiblich angesprochen wird.

Ebenfalls eingestellt werden können verschiedene Eigenschaften von V. Auf fünf Attribute wie Intelligenz oder Coolness verteilen die Spielenden Punkte, die dann später den Spielablauf beeinflussen. Wer sehr cool ist, kann beispielsweise gut schleichen. Daran hängen dann auch weitere Talente, die V das Leben erleichtern. Das bietet jede Menge Möglichkeiten – kann zu Beginn jedoch überfordern.

Kleinkriminelle in der Unterwelt

Wirklich frei sind die Spielenden auch darin, sich die Aufgaben zu suchen. V ist eine Art Kleinkriminelle, die von sogenannten Fixern Aufträge bekommt. Zwar gibt es eine Haupt-Geschichte, in der es um den von Keanu Reeves gespielten Rockstar – und Terroristen – Johnny Silverhand und einen ominösen Biochip geht. Doch das Spiel lebt noch mehr von seiner überwältigenden Anzahl an Mini-Aufgaben und Nebenquests, die überall in der Welt verteilt sind.

Schon bei einer kleinen Spritztour mit Auto oder Motorrad füllt sich die Karte mit kleinen Symbolen, die besucht werden wollen. Diese Welt, die Stadt Night City, ist der eigentliche Star von „Cyberpunk 2077“. An jeder Ecke wirkt die Metropole belebt und authentisch. Sie ist voll von Neonlicht und aufdringlicher Werbung, Mega-Konzernen und Straßengangs, Luxushotels und Underground-Clubs. Und auch, wenn es Night City heißt, scheint hier tagsüber die Sonne. Manchmal regnet es auch – für Kalifornien, wo die Stadt liegt, vielleicht etwas zu oft.

Spielerisch gibt es aber kaum Innovationen, beim Spielfluss liegt „Cyberpunk“ irgendwo zwischen „Skyrim“ und „Grand Theft Auto“, die Aufträge erinnern dazu an „Deus Ex“ und „Watch Dogs“. Oft führen viele Wege ans Ziel, um eine Mission zu erledigen: Ein Lager voller Gegner lässt sich hackend erobern und auseinandernehmen, heimlich infiltrieren oder mit roher Gewalt in Grund und Boden ballern.