Die Schmerzen in Schulter- und Hüftgelenken waren unerträglich: Als Heinrich Schmidt, 68, ein Hanauer Ärztezentrum aufsuchte, konnte sich der Ruheständler kaum noch bewegen. Der behandelnde Orthopäde machte eine Röntgenaufnahme und diagnostizierte eine leichte Arthrose. Der pensionierte Polizist bekam Krankengymnastik und Schmerzmittel verordnet. Außerdem habe der Arzt ihm „dringend“ zu einem Mittel namens „Artrostar Compact II“ geraten.

Hersteller ist die Ormed GmbH in Freiburg. Sie führt das Mittel als „Selbstzahlerkonzept“ in ihrem Sortiment und bewirbt es als „ergänzende bilanzierte Diät zur diätetischen Behandlung leichter bis mittelschwerer Arthrose“. Zweimal täglich eingenommen – morgens in der Kombination Kollagenhydrolysat und Glucosamin, abends Chondroitin, Hyaluronsäure, Vitamine und Mineralstoffe – unterstütze es „die Nährstoffversorgung der Gelenke“ und habe „die Eigenschaft der Entzündungsreduktion“. Schmidt: „Das Mittel war sofort in der Praxis vorrätig und zum Preis von 150 Euro erhältlich.“ Der Ruheständler empfand den Arztbesuch nicht als Beratung, sondern als Verkaufsgespräch und beschwerte sich bei der Landesärztekammer: „In dieser Situation ein derartiges, zumindest in der Wirkung fragwürdiges Mittel als Strohhalm anzuraten, ist für mich verwerflich.“ Die Kammer prüft inzwischen den Fall.

Auch der zuständige Arzt ist eine Woche, nachdem diese Zeitung ihn zweimal zu kontaktieren versuchte, nicht mehr erreichbar: Sein Name ist von der Website der Praxis verschwunden. „Es liegt eine berufsrechtliche Bewertung durch die zuständige Kammer noch nicht vor. Dementsprechend werden wir keine Stellungnahme abgeben und fordern Sie hiermit auf, von weiteren Anfragen Abstand zu nehmen“, antwortet das Praxisteam per Mail. Gleichzeitig betont es, „selbstverständlich keine Nahrungsergänzungsmittel“ zu verkaufen.

Genau das wirft Patient Schmidt dem Arzt aber vor. Denn laut ärztlicher Berufsordnung ist „dem Arzt untersagt, im Zusammenhang mit der Ausübung seiner ärztlichen Tätigkeit Waren und andere Gegenstände abzugeben oder unter seiner Mitwirkung abgeben zu lassen sowie gewerbliche Dienstleistungen zu erbringen oder erbringen zu lassen“. Allerdings folgt nun in Paragraf 3 Absatz 2 ein Zusatz, der dem Arzt auch ein Hintertürchen öffnet: „…soweit nicht die Abgabe des Produkts oder die Dienstleistung wegen ihrer Besonderheiten notwendiger Bestandteil der ärztlichen Therapie sind“.

Verkauf nach Praxisschluss erlaubt

Damit hat die Ärzteschaft ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom 29. Mai 2008 konkretisiert, mit dem sich „einiges gelockert“ habe, sagt eine Sprecherin der hessischen Ärztekammer. Vor dem BGH-Urteil sei es strenger geregelt gewesen: „Nahrungsergänzungsmittel durften nicht mit der Praxis in Zusammenhang gebracht werden.“ Jetzt sei „ein Verkauf nach Praxisschluss erlaubt“. Während der Behandlungszeit – wie im Fall Schmidt – sei dies aber verboten.

Verstöße werden laut Bundesärztekammer in Berlin je nach Schwere mit Ordnungsgeldern, Verwarnungen, Verweisen und berufsgerichtlichen Verfahren geahndet. Tätig werden die jeweiligen Landeskammern aber nur im Beschwerdefall. Anders als die Gewerbeaufsichtsämter seien sie für unangemeldete Stichproben in Arztpraxen „personell auch gar nicht gerüstet“.

Von einer „Grauzone“ spricht deshalb die Apothekerin und Buchautorin Eva-Maria Stoya. Oftmals werde nämlich folgende Variante gewählt: Die Gewerbeanmeldung erfolgt auf den Namen des Ehepartners des Praxisinhabers oder eines anderen Angehörigen, die Produkte werden aber dann trotzdem in der ärztlichen Praxis verkauft oder es werden zumindest dort die Geschäftsbeziehung mit den Patienten geknüpft. Stoya: „Und bekanntlich gilt die Devise: Wo kein Kläger, da kein Richter.“ Korrekt wäre es in ihren Augen gewesen, den Patienten Schmidt darauf hinzuweisen, dass er das Mittel in der Apotheke kaufen kann.

Der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser von der Arzneimittelinformation Berlin (arznei-telegramm) vermisst eine „harte“ Indikation für Artrostar. Sie werde vom Hersteller nicht genannt, auch wenn die „arzneimittelähnliche Aufmachung“ des Produkts auffalle.

Ormed-Produktmanager Heribert Höbler pocht indes auf den Unterschied zwischen Nahrungsergänzungsmittel und ergänzender bilanzierter Diät: „Für letztere braucht man einen Wirksamkeitsnachweis. Das Produkt hat dann eine Indikation und ist zur Behandlung einer Erkrankung vorgesehen. Der Arzt darf es dann auch in seiner Praxis abgeben.“ Allerdings schreibt der Gesetzgeber nur für die einzelnen Wirkstoffe des Produkts Studien vor, nicht für das komplette Mittel. Und die Prüfung erfolgt auch nicht durch die Arzneimittel-, sondern nur durch die Lebensmittelbehörde. Deshalb seien diese Produkte im Vergleich zu streng zulassungspflichtigen Arzneimitteln „rasch realisierbar und wenig kostenintensiv einzuführen“, betont Stoya. Der Status Nahrungsergänzungsmittel werde „deshalb mittlerweile häufig benutzt, um Produkte mit Arzneimittelcharakter unter Umgehung des Zulassungsweges auf den Markt zu bringen“.

Seitdem Patient Schmidt durch eine zweite ärztliche Diagnose weiß, dass er nicht an Arthrose, sondern an Rheuma leidet, gegen das er später Cortison verschrieben bekam, wirft er dem erstbehandelnden Arzt vor, der Artrostar-Verkauf könne „die Diagnose beeinflusst“ haben. Produktmanager Höbler bestreitet aber, dass an Ärzte Provisionen gezahlt werden: „Das ist nicht erlaubt, unsere Außendienstmitarbeiter halten sich an die gesetzlichen Vorschriften.“

Ärzte "schießen übers Ziel hinaus"

Seit dem BGH-Urteil von 2008 nutzten Ärzte es aber gern, Artrostar direkt an Patienten abzugeben, weil sich dadurch „engere Arzt-Patienten-Bindungen“ ergäben und der Arzt sich bei entsprechender Indikation „besser um den Patienten kümmern“ könne. Dabei sei „nicht auszuschließend, dass manche Ärzte übers Ziel hinausschießen“, sagt Höbler.

Für den Münchner Medizinrechtler Jörg Heberer, der den Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie berät, stellt sich der Fall so dar: Auch nach der neuen Ärzte-Musterberufsordnung, zuletzt geändert in Kiel 2011, sei „eine Werbung für Produkte im Zusammenhang mit der ärztlichen Tätigkeit unzulässig.“ Auch die Abgabe von Produkten und Dienstleistungen bleibe verboten.

Der Verordnungszusatz, wonach eine Verbotsausnahme im besonderen Fall gestattet sei, greife im konkreten Fall nicht, meint Heberer: „Meines Erachtens sind Nahrungsergänzungsmittel kein notwendiger Bestandteil der ärztlichen Therapie.“ Allerdings, so räumt auch er ein, liege „die Entscheidung der medizinischen Notwendigkeit entsprechend der Rechtsprechung allein beim Arzt“. Zum Zeitpunkt der ärztlichen Behandlung besitze dieser einen „Ermessensspielraum“.

Schaut man in die „Interdisziplinäre Leitlinie frühe rheumatoide Arthritis“, dann findet sich dort aber nur der Hinweis: „Zur Frage der Beeinflussung der rheumatoiden Arthritis und deren Symptomatik durch Ernährung wurde keine methodisch akzeptable Übersichtsarbeit gefunden.“ Ob man vor diesem Hintergrund von Artrostar als „notwendigem Bestandteil der ärztlichen Therapie“ sprechen kann, scheint mehr als fraglich. Becker-Brüser sagt, er persönlich würde „Orthopäden, die dem Patienten beim Erstbesuch ein Nahrungsergänzungsmittel verkaufen, meiden“.