In der medizinischen Forschung liegt so einiges im Argen. Da ist zum Beispiel der Druck, möglichst spektakuläre Dinge zu präsentieren. Am allerbesten sind Studien, die einen neuen Weg beschreiben, Krankheiten wie Krebs und Alzheimer zu besiegen. Sie werden beachtet und in bekannten Fachjournalen veröffentlicht. So etwas muss ein Wissenschaftler vorweisen, um Karriere zu machen und Fördergelder zu kassieren. Das System verlangt es.

Der Haken daran: Sorgfältiges Arbeiten bleibt oft auf der Strecke. Forscher gehen selektiv vor und berichten nur über die Dinge, die zu ihrer spektakulären Story passen. Misserfolge werden nicht publiziert. Dabei könnte gerade die Kenntnis davon andere Forscher davor bewahren, denselben Weg einzuschlagen. Und so landen Forscher viel zu oft in einer Sackgasse. Dadurch wird nicht nur Zeit, sondern auch Geld verschwendet. Und den vollmundigen Heilungsversprechen folgt oftmals nichts nach.

Qualität und Nutzen von Forschung soll erhöht werden

Ulrich Dirnagl kennt solche Rückschläge aus eigener Erfahrung als Wissenschaftler in der Neurologie. Er ist überzeugt, dass es auch besser geht. Seit vielen Jahren setzt er sich für einen Kulturwandel in der biomedizinischen Forschung ein. „Ich möchte, dass es mehr Anreize gibt für qualitativ hochwertiges Arbeiten und für robuste, also reproduzierbare Ergebnisse“, sagt er. Seiner Meinung nach sollte auch die Publikation negativer Ergebnisse, wenn also nicht das herauskommt, was ursprünglich hypothetisiert wurde, belohnt werden.

Lange Zeit hat der Mediziner, der an der Berliner Charité die Abteilung für Experimentelle Neurologie leitet, sich eher nebenbei für den Kulturwandel eingesetzt. Neuerdings kann er sich diesem Ziel noch viel intensiver widmen. Dirnagl wurde am Berlin Institute oft Health (BIH), der Gesundheitsforschungseinrichtung der Charité Universitätsmedizin und des Max-Delbrück-Centrums, zum Gründungsdirektor des Quest Center for Transforming Biomedical Research berufen. Das Zentrum soll die Qualität und den Nutzen der biomedizinischen Forschung am BIH und darüber hinaus erhöhen.

Quest hat bereits mehr als zehn laufende Projekte

Dirnagl hat am BIH zugleich den ersten der insgesamt fünf wichtigen Schlüsselposten inne, Chairs genannt. Sie sind gedacht für exzellente Forscherpersönlichkeiten, die Pioniere für wissenschaftliche Programme oder Plattformen sind. Während für die anderen Chairs zurzeit noch die besten Kandidaten ausgelotet werden, hat Dirnagl seinen Posten bereits seit fast einem Jahr und das Quest Center wurde im November eröffnet.

Mit seinen sechs Mitarbeitern hat Dirnagl Räume in der Geschäftsstelle des BIH in der Anna-Louisa-Karsch-Straße in Mitte bezogen, nahe der Friedrichsbrücke, die auf die Museumsinsel führt. Quest hat bereits mehr als zehn laufende Projekte. Dazu gehören die Einführung von elektronischen Laborbüchern, eine anonyme Umfrage zum Forschungsklima, geänderte Berufungsverfahren für Charité-Professuren, eine Studie zur Publikationsrate von klinischen Studien in Universitätskliniken sowie Maßnahmen zur Erhöhung des Open-Access-Anteils bei Publikationen. Mit Open Access sind Veröffentlichungen gemeint, die auch für die Allgemeinheit frei verfügbar sind. „Das Besondere an unserem Zentrum ist, dass wir zu unseren Themen sowohl allgemein Forschung betreiben als auch nach innen wirken und am BIH Projekte anstoßen“, sagt Dirnagl.

An der Charité werden zum Beispiel gerade elektronische Laborbücher eingeführt. Sie sollen die in vielen Forschungsgruppen erstaunlicherweise immer noch üblichen Papierkladden ablösen, in denen Wissenschaftler ihre Experimente und Ergebnisse dokumentieren. Dirnagl findet es höchste Zeit, dass auch in diesem Bereich die Digitalisierung Einzug hält. „Früher hat man zum Beispiel von Messergebnissen Ausdrucke gemacht oder Mikroskopfotos ausgedruckt und ins Laborbuch geklebt. Heute liegen die Daten meist ohnehin schon digital vor, teilweise können sich die Maschinen direkt mit dem Laborbuch verbinden“, erläutert er.

Wie ist das Forschungsklima in der Charité ? 

Das elektronische Laborbuch ist aber nicht nur praktisch, es hilft auch bei dem für das Quest Center wichtigen Ziel, die Forschung transparenter zu machen. „Die Daten, die ohnehin zehn Jahre aufzubewahren sind, werden auf einem zentralen Server gespeichert. Sie sind also auch dann nicht verloren, wenn ein Forscher das Institut verlässt und womöglich seine Kladde mitnimmt“, sagt Dirnagl.

Noch dazu könne man mehrere Laborbücher verbinden, so dass Gruppen, in denen zu einer Fragestellung mehrere Versuche laufen, sich stets einen Überblick darüber verschaffen können, was der Rest des Teams herausgefunden hat. Der Wechsel zu elektronischen Laborbüchern ist kein Zwang an der Charité, lediglich ein Angebot. „Es wird gut angenommen. Ein paar hundert Forscher benutzen es schon. Bis Ende des Jahres werden wir wohl alle der bislang 1000 beantragten Lizenzen vergeben haben“, freut sich Dirnagl.

Auf sein zweites internes Projekt, eine anonyme Umfrage zum Forschungsklima an der Charité, ist er ebenfalls stolz. Das Thema ist durchaus delikat. Dirnagl und sein Team wollen herausfinden, wie viel Wert in der Einrichtung auf verantwortungsvolle, integre Forschung gelegt wird. „Der zuständige Dekan ist sehr offen dafür und auch der Betriebsrat hat nichts gegen die Befragung“, berichtet Dirnagl.

Man will keine Forscher an den Pranger stellen

Seit gut einer Woche sind die mehr als 7000 Wissenschaftler und Doktoranden der Charité nun also aufgefordert, einen Katalog mit 82 Fragen zu beantworten. „Trifft es zu, dass der Druck zu publizieren, die Integrität der Forschung in Ihrer unmittelbaren Forschungsumgebung negativ beeinflusst?“, ist eine dieser Fragen, deren Antworten nicht nur das Quest-Team brennend interessieren dürfte.

Dirnagl zufolge geht es bei der Umfrage jedoch nicht darum, Forscher an den Pranger zu stellen. „Wir wollen die Problemzonen identifizieren. Und es geht darum herauszufinden, wie der Status quo an der Charité ist. In zwei oder drei Jahren wollen wir überprüfen, ob sich etwas verändert hat“, berichtet er. Die Ergebnisse sollen veröffentlicht werden – vermutlich gemeinsam mit anderen internationalen Einrichtungen, die dieselbe Befragung bei sich durchführen.

Überhaupt ist Open Access, also die freie Verfügbarkeit von Studienergebnissen, ein wichtiges Thema für Dirnagl. Viele Journale, vor allem traditionell hoch angesehene, stellen Studien nämlich nur gegen hohe Abogebühren oder für teure Einzelpreise zur Verfügung. „Es kann nicht sein, dass ein Arzt, der online eine Studie einsehen will, 99 Euro dafür zahlen muss“, kritisiert Dirnagl. Das Quest Center will darum die BIH-Forscher ermuntern, ihre Resultate vermehrt in Magazinen zu veröffentlichen, die frei zugänglich sind. Während exklusive Journale sich über Aboeinnahmen finanzieren, nehmen Open-Access-Zeitschriften Gebühren von etwa 2000 Euro pro Publikation. An der Charité gibt es jetzt einen Fonds, der diese Gebühren übernimmt. Dafür wurden Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworben.

Etwa die Hälfte aller Patientenstudien wird nicht veröffentlicht

Ein weiterer Erfolg: Auch für künftige Berufungen von Professoren der Charité hat Dirnagl erreicht, dass Stichworte wie Open Access zur Sprache kommen. „Bewerber müssen jetzt immer auch kurz schriftlich Stellung dazu nehmen, wie sie Transparenz und öffentlichen Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen bisher praktiziert haben und was sie an der Charité hierzu künftig planen“, berichtet er. In der Berufungskommission werde dieses Thema dann zumindest auch diskutiert.

Die Ergebnisse eines anderen wichtigen Projekts des Quest-Teams dürften demnächst wohl deutschlandweit Beachtung finden. Zusammen mit Kollegen aus Hannover und Freiburg haben die Berliner untersucht, wie viele der klinischen Studien an sämtlichen 37 medizinischen Fakultäten in Deutschland nach ihrer Beendigung überhaupt publiziert werden.

Eigentlich sollte man meinen, dass fast alle Patientenstudien veröffentlicht werden. Weit gefehlt: „Aus der Literatur ist bekannt, dass etwa die Hälfte nicht publiziert wird“, berichtet Dirnagl. Details zu den Ergebnissen kann er noch nicht verraten, weil die Veröffentlichung noch ansteht. „Kurz gesagt: Es ist nicht ganz so schlimm wie befürchtet. Es gibt aber deutliche Unterschiede zwischen den Einrichtungen“, sagt er. Bedenklich findet Dirnagl es, dass es sehr lange dauert, teils fünf Jahre und mehr, bis die Ergebnisse publiziert sind. „In dieser Zeit haben andere womöglich schon angefangen, das Gleiche noch mal zu untersuchen“, sagt er.

Dass die Forscher die Publikationsrate überhaupt analysieren können, haben sie auch dem Deutschen Register klinischer Studien zu verdanken, das seit zehn Jahren besteht. Der Eintrag in einem Studienregister ist Voraussetzung bei der Förderung durch Institutionen wie die DFG.

Für präklinische Studien, also Versuche mit Zellkulturen oder Tieren, gibt es keinerlei Register. Dirnagl würde sich so etwas wünschen. „In diesem Bereich arbeiten wir erst an der Idee, überhaupt zur Registrierung zu kommen“, sagt er. Mit seiner seriösen, bedachtsamen und beharrlichen Art ist es Dirnagl zuzutrauen, dass er die Forschergemeinde dazu bringt.

Ulrich Dirnagl (57) ist am Berlin Institute of Health (BIH) Gründungsdirektor des Quest Center for Transforming Biomedical Research, das sich für Qualität in der Forschung einsetzt. Er kam 1993 nach Berlin an die Charité  und  leitet seither  die Abteilung für Experimentelle Neurologie. 2008 bis 2017 war er darüber hinaus Direktor des Centrums für Schlaganfallforschung Berlin.

Der Neurologe ist  gebürtiger Münchner und studierte Medizin in seiner Heimatstadt. Er promovierte  bei Karl Max Einhäupl, damals Neurologie-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, heute Vorstandsvorsitzender der Charité.   Dirnagl forschte in München und  zwei Jahre an der Cornell University in  den USA.