Das Smartphone haben die Menschen, hier in Sankt Petersburg, immer dabei. Deshalb können auch Daten zur Gesundheit ständig ermittelt und gespeichert werden. 
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Berlin Per Sprachkommando das Licht dimmen, Essen bestellen oder Informationen abfragen – so stellt man sich im Silicon Valley die Zukunft vor. Nun soll Sprachsteuerung auch bei der Erkennung von Covid-19-Symptomen helfen. Amazon hat vor wenigen Wochen ein neues Feature seiner Sprachassistentin Alexa präsentiert. Nutzer in den USA können der Assistentin Fragen rund um das Coronavirus stellen.

Der virtuelle Agent beantwortet Fragen zum nächsten Krankenhaus, gibt Hygienetipps und bespaßt die Nutzer mit morgendlichen Fun Facts, damit der Alltag im Lockdown nicht zu langweilig wird. Alexa, das Mädchen für alles.

Alexa gibt Therapie-Tipps gegen Migräne

Amazon ist schon länger im Gesundheitssektor engagiert. So hat der Konzern mit dem chronisch unterfinanzierten britischen Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) eine Kooperation zum Aufbau einer cloudbasierten Gesundheitsplattform geschlossen, bei der Amazon Zugriff auf Gesundheitsdaten bekommt. Amazons Algorithmen sollen auf der Webseite des NHS Informationen über Symptome und Behandlungsmethoden etwa bei Migräne oder Grippe extrahieren und diese als standardisierte Antwortbausteine in das Skript von Alexa einspeisen. Auf die Frage „Wie behandle ich Migräne?“, gibt Alexa dann ein paar therapeutische Handreichungen. Die sprachbasierte Gesundheitsauskunft soll vor allem blinden und sehbehinderten Patienten helfen.

Amazon denkt groß. So hat der Konzern 2018 zusammen mit der US-Bank JPMorgan Chase und Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway eine eigene Krankenkasse gegründet, die sich um die Versorgung der Mitarbeiter kümmern soll. Im vergangenen Jahr hat der Online-Händler für eine Milliarde Dollar die Online-Apotheke PillPack übernommen.

Per Stimmerkennung Krankheit erkennen

Schaut man sich an, an welchen Technologien der Konzern forscht, ergeben diese Zukäufe durchaus Sinn. So hat Amazon ein Patent auf eine Technologie angemeldet, die anhand der Stimme erkennen soll, ob jemand krank ist und gleich das passende Medikament ordert. Wenn Alexa hört, dass jemand hustet oder heiser ist, bestellt sie Erkältungstee in der hauseigenen Versand-Apotheke. Das Ziel der Plattform-Ökonomie ist es, diverse Angebote nach und nach auf die eigene Plattform zu holen. Smartphones und auch Smartspeaker bilden dabei die Schnittstelle.

Eine EU-finanzierte Forschungsgruppe hat vor kurzem eine mobile App entwickelt, die anhand von Körpergeräuschen automatisch feststellen soll, ob eine Person an Covod-19 erkrankt ist. Machine-Learning-Algorithmen sollen Unregelmäßigkeiten bei Geräuschen wie dem Herzschlag, dem Seufzen, dem Atmen und der Stimme erkennen und in Kombination mit der Krankheitsgeschichte eine erste Diagnose stellen.

Voruntersuchungen via App

Geht es nach den Tech-Konzernen, sollen smarte Gadgets künftig zur mobilen Arztpraxis aufgerüstet werden. Der Patient soll seine Symptome mit einem KI-System checken, bevor er einen Arzt konsultiert. Das spart Zeit und Geld. Unnötige Arztbesuche und Tests kosten die Krankenkassen Milliarden. Warum nicht Voruntersuchungen via App durchführen?

Smartwatches oder Fitness-Tracker verfügen schon heute über zahlreiche medizinische Funktionen. Die Apple Watch etwa misst mithilfe eines optischen Herzsensors den Puls am Handgelenk. Erkennt der Algorithmus wiederholt Abweichungen in den Schlag-zu-Schlag-Intervallen, könnte dies auf ein Vorhofflimmern hindeuten. Mit einer App können Patienten sogar ihr EKG aufzeichnen. „Diese Real-World-Daten können Ärzten dabei helfen, informiertere und schnellere Entscheidungen bezüglich der weiteren Untersuchung und Behandlung zu treffen“, heißt es auf der Webseite. Die neueste Apple Watch verfügt zudem über eine Sturzerkennung. Registriert der Beschleunigungs- und Gyrosensor einen Sturz und reagiert der Träger eine Minute lang nicht, wird automatisch ein Notruf abgesetzt.

Viele sensible Patientendaten

Der Vorteil solcher medizinischer Apparaturen liegt darin, dass man sie 24/7 am Handgelenk trägt. Wenn man Tag und Nacht am EKG hängt, können Erkrankungen schneller erkannt werden. Vor allem: Die außerklinische Patientenüberwachung kostet nichts (abgesehen vom Cloudspace in Rechenzentren, wo die Daten gespeichert werden müssen). Das Problem: Bei diesen Screenings fallen jede Menge sensibler Gesundheitsdaten an: Schritte, Puls, Herzfrequenz. Nach kurzer Zeit entsteht eine elektronische Patientenakte, aus der man sehr viel über die Alltagsroutinen des Trägers herauslesen kann.

Die Frage ist, mit wem diese Daten geteilt werden: Mit Versicherungen? Dem Arbeitgeber? Wer hat darauf Zugriff? Und wie sicher sind diese Daten? Müsste ein Versicherter, bei dem Alexa eine Raucherstimme erkennt, höhere Beiträge zahlen? Und bekäme ein Nutzer, der häufig erkältet ist, Produktwerbung für Medikamente?

Der Internetkritiker Evgeny Morozov hat schon vor einigen Jahren beschrieben, wie die Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley mit ihren Diensten den Wohlfahrtstaat umbauen. Das Postamt? Haben Amazon und Googlemail quasi ersetzt. Sozialarbeiter und Lehrer? Dafür gibt es Algorithmen und Künstliche Intelligenz. Und Krankenhäuser? Braucht es bald nicht mehr, weil jeder smarte Geräte wie Smartwachtes am Körper trägt, die einen vor Bluthochdruck oder einem Herzinfarkt warnen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich.

Dass dieses neoliberale Modell an seine Grenzen stößt, beweist ein Fall aus den USA. Eine 66-jährige Frau in einem Pflegeheim, die über Amazon Echo Show regelmäßig Videoanrufe mit ihrer Schwester startete, erkrankte vor einigen Wochen schwer am Coronavirus. Als der Zustand sich verschlechterte, bat sie Alexa um Hilfe. „Wie bekomme ich Hilfe?“, soll die Frau immer wieder gefragt haben. Und: „Wie komme ich zur Polizei?“ Doch es half nichts. Der Sprachassistent konnte keinen Notruf absetzen, weil die Funktion nicht einprogrammiert ist. Die Frau wurde zwar gefunden und noch ins Krankenhaus gebracht, dort verstarb sie wenig später. Gegen eine Epidemie scheint auch die Künstliche Intelligenz machtlos zu sein.