Für den Dokumentarfilm „Geister der Titanic“ wurden mit Spezial-U-Booten spektakuläre Aufnahmen vom Schiffswrack gemacht.
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BerlinEs ist einer der berühmtesten Funksprüche der Geschichte: „41° 46'N 50° 14'W – Sinken – brauchen sofort Hilfe“ morste der 25-jährige Funker Jack Phillips am 15. April 1912 um 0.10 Uhr von Bord der Titanic. Eine halbe Stunde vorher hatte der als unsinkbar geltende modernste Passagierdampfer seiner Zeit mitten im Nordatlantik einen gewaltigen Eisberg gerammt.

Fast zwei Stunden lang setzten Phillips und sein Funkerkollege Harold Bride immer dringlicher klingende Hilferufe ab, zuletzt stand ihnen das Wasser in ihrer Kabine schon bis zu den Knien. Dann brach die Stromversorgung zusammen. Kurz darauf sank die Titanic und riss 1514 der über 2200 an Bord befindlichen Passagiere und Besatzungsmitglieder in den Tod. Von den beiden Funkern überlebte nur der 22-jährige Bride die größte Katastrophe der zivilen Schifffahrt.

Die RMS Titanic war bei der Indienststellung am 2. April 1912 das größte Schiff der Welt.
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Seit nunmehr 108 Jahren liegt die Titanic in 3800 Meter Tiefe rund 645 Kilometer südöstlich von Neufundland. Quasi unberührt, denn aus dem Inneren des Wracks durften bislang keine Objekte geborgen werden. Das wird sich nun ändern: Vergangene Woche genehmigte ein Bezirksgericht in Norfolk (US-Bundesstaat Virginia) der Firma R.M.S. Titanic Inc., im August Teile der Funkanlage aus dem Bauch des Passagierdampfers zu bergen, mit der Phillips und Bride in der Katastrophennacht zwei Stunden lang SOS-Rufe in die Weite des Nordatlantiks gemorst hatten.

Für Kritiker ein Tabubruch – sie beklagen nicht nur, dass die Totenruhe der im Wrack eingeschlossenen Leichen gestört wird; sie fürchten auch, dass mit der Bergung des Funkgeräts ein Präzedenzfall geschaffen werden soll, der künftige Tauchgänge in das Schiffswrack erleichtern könnte. Vor 20 Jahren hatte R.M.S. Titanic schon einmal in das Wrack eindringen wollen, um nach dort angeblich versteckten Diamanten zu suchen. Damals lehnte ein Gericht den Antrag ab.

Das Wrack der Titanic wurde erst im Jahr 1985 entdeckt. Neun Jahre später sprach ein US-Gericht der amerikanischen Firma R.M.S. Titanic Inc., ein Tochterunternehmen des Ausstellungsveranstalters Premier Exhibitions, das ausschließliche Eigentums- und Bergungsrecht am Wrack zu. Allerdings muss jeder Tauchgang zu dem untergegangenen Schiff durch ein Gericht genehmigt werden. Bis heute sind mehr als 5500 Objekte, vor allem Geschirr, Goldmünzen, Silberbesteck und andere Artefakte, geborgen worden. Sie stammten durchweg vom Deck des Schiffes oder aus der Umgebung des Wracks.

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In dem jetzt entschiedenen Rechtsstreit hatte die Firma ausdrücklich betont, dass die Bergung des Funkgeräts nicht der Auftakt zu weiteren Einsätzen im Bauch des Schiffs sein soll. Aber die Zeit dränge, da sich der Zustand des Wracks weiter verschlechtere. So könne die Struktur bald kollabieren und „die Reste des bekanntesten Funkgeräts der Welt für immer begraben“, argumentierten die Anwälte des Unternehmens.

Tatsächlich handelt es sich bei der Funkanlage der Titanic um eine legendäre technische Apparatur. Erst seit 1902 gab es überhaupt Funkstationen auf Schiffen. Als Erfinder der drahtlosen Telegrafie gilt der Italiener Guglielmo Marconi (1874–1937), der dafür auch 1909 den Nobelpreis für Physik erhielt. Seine Firma Marconi International Marine Communication Co. hatte auch die Titanic mit einem Funktelegrafen ausgerüstet. Der neuartige Löschfunkensender war das mit Abstand leistungsstärkste Funkgerät seiner Zeit. Er garantierte unabhängig von den atmosphärischen Bedingungen eine Reichweite von 350 Seemeilen.

Der italienische Erfinder Guglielmo Marconi rüstete auch die Titanic mit Funktelegrafen aus.
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Tatsächlich empfingen in jener Aprilnacht 1912 zwölf Schiffe die mit dem Marconi-Apparat abgesetzten Notrufe der Titanic. Sie waren aber zu weit weg, um rechtzeitig zu Hilfe eilen zu können. Lediglich der Passagierdampfer „Carpathia“, der zum Zeitpunkt des Unglücks etwa 90 Kilometer entfernt kreuzte, kam zwei Stunden nach dem Untergang zum Unglücksort und konnte die 705 Menschen, die es in die Rettungsboote geschafft hatten, bergen.

Das gesamte Marconi-Funkgerät will die Firma R.M.S. Titanic gleichwohl nicht aus der Tiefe nach oben holen. Handelte es sich dabei doch um eine aufwändige technische Anlage, die zwei Räume an Bord der Titanic einnahm. Sie waren auf dem obersten Deck untergebracht, zwischen dem ersten und dem zweiten Schornstein des Dampfers. Bergen will das Unternehmen nur einzelne Bauteile, darunter eine Installation mit Motor, Generator und einem sogenannten Scheibenentlader sowie ein Schaltbrett mit Reglern. R.M.S. Titanic will die Teile anschließend restaurieren und mit Nachbildungen ergänzen, so dass es sogar möglich sein soll, das Gerät wieder in Betrieb zu nehmen.

Die Argumente von Gegnern des Projekts, mit der Öffnung des Wracks werde die Totenruhe gestört, begegnete die Firma vor Gericht mit dem Versprechen, man nehme lediglich einen „chirurgischen Eingriff“ vor, mit dem „die Störungen für den Rest des Wracks sowie für die Überreste der 1500 Verstorbenen auf das nötigste Maß“ beschränkt werden.

Laut Plan soll demnach ein ferngesteuerter Tauchroboter punktgenau auf einem Lichtschacht auf dem obersten Deck der Titanic aufsetzen. Um bis zu der Stelle vordringen zu können, wo einmal der Funkraum war, wird der Roboter die stark angerosteten Deckenteile durchtrennen. Die aus Holz bestehenden Trennwände der Kabinen bilden kein Hindernis mehr – sie haben sich im Meerwasser aufgelöst. Nachdem ein kleiner Saugbagger Schlamm entfernt hat, soll der Roboter schließlich zum alten Funkraum gesteuert werden, wo er mit seinen Greifarmen Bauteile der Anlage packt, aus dem Wrack heraustransportiert und in ein Behältnis legt, das man anschließend an die Oberfläche holt.

Sollte das Funkgerät dereinst in Ausstellungen zu sehen sein, wird wohl auch wieder auf seine möglicherweise entscheidende Rolle bei der Titanic-Katastrophe eingegangen werden. Denn die beiden Funker Phillips und Bride sollen als Angestellte der Marconi-Gesellschaft bis kurz vor der Kollision mit dem Eisberg vor allem damit beschäftigt gewesen sein, für die reichen Titanic-Passagiere Telegramme über die Funkanlage zu verschicken.

Ein einträgliches Geschäft für ihren Arbeitgeber, kostete ein Telegramm mit zehn Worten doch zwölf Schilling, auf heutigen Wert umgerechnet 250 Euro. Weil sie aber mit dieser Tätigkeit so beschäftigt gewesen seien, so vermuten es manche, hätten die Funker die Wettermeldungen, in denen vor Eisbergen gewarnt wurde, übersehen oder zu spät an den Kapitän weitergegeben. So war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.