„Das Runde muss ins Eckige“, sagen die Fußballspieler. Die Daten-Analyse soll den Sportlern helfen, ihr Ziel zu erreichen. 
Foto: kick Id

Berlin-Reinickendorf - Endlich Feierabend, die beiden Männer in den schwarzen Trainingsanzügen ziehen die letzten Kisten aus dem Kombi und tragen sie in eine Lagerhalle. Es ist dunkel in dem Industriekomplex in Reinickendorf, direkt hinter dem Landesarchiv. Drei Tage lang waren sie in Belgien beim KAS Eupen unterwegs. Sie wollen dabei helfen, den Fußball in Deutschland besser zu machen mit Computern, Videokameras und Künstlicher Intelligenz. Wirklich kein leichter Auftrag.

Sechs Jahre Arbeit

Der Mann, der die Idee dazu hatte, mit Datenanalyse die Lieblingssportart der Deutschen zu verändern, begrüßt seine Mitarbeiter mit einer Umarmung, bevor er sich in einem Durchgangszimmer in ein Sofa plumpsen lässt. Hischam Telib ist in Berlin groß geworden und hatte als Junge immer nur Fußball im Kopf, er hat es bis in die dritte Liga zum FC Ingolstadt geschafft. Dann ist er Vater geworden, und als er mit seinem Sohn wieder auf die Fußballplätze in Berlin ging, stellte er fest, dass sich so gut wie nichts geändert hatte. „Was ich vermisste“, sagt er, „war eine zeitgemäßes Hilfsmittel, um den Nachwuchs zu begeistern.“

Eltern wissen, dass ihre Kinder nicht mehr mit der Vorstellung leben, dass Freizeit immer nur Bolzplatz, Lederball und Gedanken an den nächsten Gegner bedeutet. Inzwischen gibt es Smartphones, Messenger-Gruppen und eine sehr einfallsreiche Computerspiele-Welt. Selbstoptimierung und Selbstinszenierung sind wichtig. Oliver Bierhoff, Direktor beim Deutschen Fußball-Bund, hat vor einigen Wochen Innovationen gefordert, damit Deutschland auch in Zukunft Weltmeister werden kann.

Das Team (von links): Angelo Vier, Dietmar Beiersdorfer, Laura Mielke, Hischam Telib, Andreas Bergmann und Felix Welling. 
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Hischam Telib könnte mit seinem Start-up KickID helfen, damit Bierhoffs Wunsch in Erfüllung geht. Telib ist ein eher ruhiger Typ, seit sechs Jahren arbeitet er an der Idee, eine objektive Spielbewertung zu ermöglichen. Neben ihm auf dem Sofa sitzt Dietmar Beiersdorfer, der im Profi-Fußball unterwegs war, Nationalspieler wurde und im Management beim Hamburger SV und RB Leipzig gearbeitet hat. Zum Team gehören auch Andreas Bergmann, früher Bundesligatrainer bei Hannover 96, Angelo Vier, ehemaliger Sportdirektor beim BFC Dynamo Berlin, und seit neuestem: Felix Welling, der im Management des VfL Wolfsburg tätig war. Kaum verwunderlich also, dass Bundesligavereine wie Bayern München, TSG Hoffenheim und Borussia Mönchengladbach schon mit dem Berliner Start-up zusammenarbeiten, sie wollen mit dem Konzept ihren Nachwuchs besser machen.

Aber wie soll das gehen? Die Daten von Fußballspielern ermitteln bisher vor allem Anbieter im Profibereich. Laufleistung, Zweikampfführung, Passgenauigkeit – das sind die Werte. Aber was passiert, wenn der Trainer die Taktik der Mannschaft ändert und einzelne Spieler besondere Aufgaben erhalten? Welche Aussagekraft haben die Zahlen bei hohen Siegen oder deftigen Niederlagen? Telip suchte sich ein Team von Tech-Experten wie der Datenanalystin Laura Mielke und bat seine Fußball-Fachleute um Rat, um ein objektives Vergleichsmodell entwickeln zu können.

Herausgekommen ist eine Methode, die standardisierte Werte hervorbringt. Auf einem immer gleich großen Spielfeld treffen zwei Mannschaften mit jeweils fünf Spielern zu vier Trainingsspielen von vier Minuten Dauer aufeinander. Ein Videokamera zeichnet die Bewegungen auf, die Trainingsleibchen sind mit Nummern versehen, die die Algorithmen später bei der Analyse erkennen und so individuelle Werte erheben können. Es geht also um klar definierte Leistungen, die ein Computerprogramm ermitteln kann. Eine Kamera, ein Stativ und reichlich Rechnerleistung – das ist die technische Ausstattung.

Ständige Vergleichbarkeit

Vergleichbarkeit, dieser Begriff taucht immer wieder auf im Gespräch. Kinder kennen das von Computerspielen, wo sie zum Highscore streben, aber doch immer wieder merken, dass es Bessere gibt. Trotzdem strengen sie sich an. So soll es auch beim Fußball sein. Nicht nur das Ergebnis, der Tabellenstand der Mannschaft zählen. Auch die persönlichen Werte, die von KickID erhoben werden, sollen die Motivation fördern. Und für den Spitzenfußball bietet diese Methode den Vereinen die Möglichkeit, die Arbeit der Trainer zu überprüfen (Welche Spieler werden wirklich besser im Vergleich?) und das Talent von Kindern frühzeitig zu sichten. „Das“, sagt Beiersdorfer, „kann auch für Länder interessant sein, in denen das Scouting noch schwierig ist.“ Beiersdorfer sagt aber auch: „Es geht nicht in erster Linie darum, neue Messis oder Ronaldos zu finden, sondern die Motivation der fußballspielenden Kinder zu fördern.“

Telip lehnt sich am Ende des Gesprächs entspannt gegen die weiche Rückenlehne des Sofas. Zurzeit läuft es gut, die Auftragslage stimmt, noch hat das Start-up 60 Mitarbeiter, am Ende des Jahres sollen es 250 sein. Ein mittlerer siebenstelliger Betrag ist bisher in das Projekt geflossen, so langsam, sagt er, zahlt sich der unternehmerische Mut aus.