Frauen sind anders krank als Männer. Weil sich ihr Hormonspiegel verändert, haben sie öfter Depressionen oder andere seelische Probleme. Wir sprachen darüber mit der Psychiaterin Prof. Stephanie Krüger vom Vivantes Humboldt-Klinikum.

Wie häufig sind Depressionen bei Frauen?

Depressionen zählen zu den größten Volkskrankheiten. Etwa vier Millionen Deutsche sind zurzeit davon betroffen. Frauen erkranken doppelt so oft wie Männer. Das sind grob gerechnet 2,6 Millionen Frauen und 1,3 Millionen Männer. Die meisten von ihnen erkranken aber nur vorübergehend. Deshalb kann man sagen, dass etwa jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann irgendwann im Leben einmal unter Depressionen leidet.

Warum sind Frauen häufiger betroffen?

Depression können erblich bedingt sein, aber auch durch Arbeitsplatzverlust oder Trennung vom Partner oder zu viel Stress ausgelöst werden. Bei Frauen spielen auch die Hormone eine große Rolle. Immer, wenn sich die weiblichen Hormone stark verändern oder heftig schwanken, sind Frauen besonders gefährdet. Dazu gehören beispielsweise die Tage vor der Monatsblutung, Schwangerschaften, Wochenbett und Wechseljahre. Frauen haben in dieser Zeit ein 14-fach höheres Risiko als zu jedem anderen Zeitpunkt ihres Lebens, in dieser Zeit psychisch zu erkranken.

Warum haben die Hormone einen so großen Einfluss auf die Seele?

Das fragen mich meine Patientinnen auch oft. Sie wollen wissen, was ihre Eierstöcke mit dem Gehirn zu tun haben. Dann erkläre ich ihnen das Geheimnis der Botenstoffe. Die Botenstoffe im weiblichen Gehirn, die für ausgeglichene Stimmung, Konzentration und gute Laune sorgen, haben kleine Andockstellen für weibliche Geschlechtshormone. Diese müssen immer in einem bestimmten Verhältnis besetzt sein. Wenn das nicht der Fall ist, gerät das Gefüge der Botenstoffe aus dem Gleichgewicht. Die Kommunikation zwischen den Hirnregionen stimmt dann nicht mehr. Das wiederum kann alle möglichen psychischen Erkrankungen hervorrufen oder verschlimmern.

Aber ein Psychiater kann doch Depressionen wirkungsvoll behandeln?

Ja. Aber das Problem ist, dass viele Patientinnen nicht zum Psychiater gehen, sondern zum Hausarzt, und dort auch nicht über ihre Depressionen sondern über körperliche Symptome sprechen, 70 Prozent der betroffenen Frauen leiden tatsächlich unter Schlafstörungen, Rücken-, Bauch- oder Kopfschmerzen. Für Hausärzte, Internisten oder Orthopäden ist dann es nicht immer leicht, eine Depression als Auslöser und behandlungsbedürftige Krankheit sofort zu diagnostizieren.

Traurigkeit oder depressive Verstimmungen kommen bei den meisten Menschen mal vor. Wann soll man damit zum Arzt gehen?

Der Gang zum Psychiater fällt jedem schwer, weil man nicht als verrückt gelten möchte. Doch ein Facharzt für Psychiatrie kann bei seelischen Problemen und Depressionen gut helfen. Ganz besonders dann, wenn die Symptome das tägliche Leben massiv beeinflussen. Ich würde einen Psychiater aufsuchen, wenn ich zwei bis vier Wochen lang unter Antriebs- und Konzentrationsstörungen oder Ängsten leide.

Wenn bei Frauen mit Depressionen die Hormone eine große Rolle spielen, behandeln Sie dann die Patientinnen auch mit Hormontherapien?

Zunächst behandeln wir die Patientinnen klassisch mit Psychotherapien und antidepressiven Medikamenten, wo es nötig ist. Wenn es aber sinnvoll erscheint und die Frauen es auch wünschen, setzen wir zusätzlich Hormone ein.

Wann sind Antidepressiva nötig?

Wenn der Schweregrad der Depression in den Wechseljahren so ausgeprägt ist, dass eine psychotherapeutische Behandlung nicht ausreicht.

Machen diese nicht süchtig?

Nein. Moderne Antidepressiva beeinflussen die Botenstoffe im Gehirn. Sie machen entgegen vieler Vorurteile nicht süchtig und verändern den Menschen nicht. Sie helfen dem Gehirn, wieder selbstständig und in normaler Weise zu funktionieren.

Wie sieht die zusätzliche Hormonbehandlung aus?

Sie richtet sich individuell nach Ausprägung und Stadium der Beschwerden. Eine Frau, die ganz am Anfang der Wechseljahre steht und Depressionen hat, kann man zum Beispiel mit einer bestimmten Antibabypille helfen. Erst später verschreiben wir dann eine etwas stärkere Hormontherapie. Manchmal helfen auch schon pflanzliche Hormonpräparate.

Welche pflanzlichen Mittel kommen da zum Einsatz?

Zum Beispiel Soja oder Yamswurzel. Auch Omega-3-Fettsäuren können die Psyche in den Wechseljahren stabilisieren.

Worin unterscheidet sich die Wirkung der Antidepressiva bei Männern und Frauen?

Frauen brauchen meist eine niedrigere Dosis als Männer. Außerdem rufen diese Mittel bei Frauen häufig andere und gefährlichere Nebenwirkungen hervor, wie zum Beispiel Herzrhythmusstörungen oder Bluthochdruck.