Ihm fehlt der Protest, die Revolte. Die Wissenschaftsgemeinschaft heute müsste sich dagegen auflehnen, wie die Erde ausgebeutet und bedroht wird, sagt Jens Reich. Es dürfe nicht sein, dass alles einfach so weitergeht. Für Veränderungen setzte sich der Molekularbiologe bereits zu DDR-Zeiten ein. Der Bürgerrechtler war aktiv im Neuen Forum und kandidierte 1994 für das Amt des Bundespräsidenten. Für den 78-Jährigen sei die politische Karriere aber nie wirklich eine Option gewesen. Reich ging zurück in die Wissenschaft und forschte bis zu seiner Emeritierung 2004 am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch, wo er heute als Ombudsmann tätig ist. Reich arbeitete seit 1968, und damit fast seine gesamte wissenschaftliche Karriere lang, in Buch.

Herr Reich, Sie sagten einmal, dass Ihnen zu DDR-Zeiten immer klar war, keine Ergebnisse von weltweiter Bedeutung erzielen zu können. Warum?

Der Forschung in der DDR fehlte die Weltoffenheit. Wer als junger Mensch in der Wissenschaft arbeiten wollte, hatte keinen freien Zugang zum Austausch von Ideen und Erkenntnissen, die in der Welt stattfanden. Das machte wissenschaftliches Arbeiten und Denken zwar nicht unmöglich, erschwerte es aber sehr stark. Wertvolle Gespräche mit Kollegen aus aller Welt, die ähnliche Ideen haben und auf den gleichen Gebieten arbeiten, waren praktisch unmöglich. Denn diese Kollegen stammten etwa aus Japan, Frankreich oder den USA.

Ein fachlicher Austausch war also gar nicht möglich?

Es war sogar verboten, Kontakt zu Wissenschaftlern aus dem Westen zu pflegen, wenn man nicht als Vertreter des Systems damit beauftragt war. Diese Beziehungen sind Anfang der Sechzigerjahre nach dem Mauerbau gekappt worden. So ist es bis zum Ende der DDR geblieben. Das hat eine Atmosphäre erzeugt, die Schwung und Begeisterung erstickte. Das heißt nicht, dass schlecht gearbeitet wurde, aber gerade für Grundlagenforschung muss man brennen.

Und die nötige Ausstattung haben.

Das war ein weiterer Grund, warum wissenschaftliche Durchbrüche nicht möglich waren. Die Technologie, die wir zur Verfügung hatten, war begrenzt und rückständig. Bei einem Versuch oder einem Forschungsprojekt konnte das schwierig werden. Wollte man zum Beispiel die Zellatmung testen, brauchte man bestimmte Substanzen. Aber ein Mikrogramm davon musste erst beantragt werden. Mit etwas Glück und guten Verbindungen nach oben, wurde das nach einem Vierteljahr genehmigt – sonst bestenfalls erst nach vielen Monaten. Dann war vergessen, warum der Versuch eigentlich gemacht werden sollte. Oder jemand anderes hatte ihn schon gemacht. Aber nicht nur Geräte und Substanzen, auch unsere Computer waren deutlich schwächer als die im Westen.

DDR-Wissenschaftler konnten sich international also nur schwer einen Namen machen?

Wer mit Genehmigung ein Paper bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift des Westens einreichte, dem konnte es passieren, dass inhaltliche Fragen von den Gutachtern kamen, die man nicht beantworten konnte – weil die Methoden und Geräte dafür fehlten und man nicht irgendwo hinfahren konnte, um dort den Versuch zu machen. Also wurde die Arbeit in einer international kaum gelesenen Hauszeitschrift veröffentlicht. Dort verstanden die Gutachter, dass man die fehlenden Sachverhalte nicht klären konnte. Die Publikation war dann weniger wertvoll und hatte keine Aussicht, bei denen einschlägigen Kreisen ernsthaft beachtet zu werden.

Das waren frustrierende Arbeitsbedingungen.

Überall klagten Leute in der Wissenschaft, beengt zu sein und nicht frei forschen zu können. Wir haben ganze Revolutionen verpasst, wie die Informatikrevolution in den Siebzigerjahren. Wir waren eine ganze Epoche der technischen Entwicklung hinterher.

Was hat Sie motiviert?

Zunächst einmal gab es für mich einige frustrierende Rückschläge. Zum Beispiel wurde mir in den Sechzigerjahren mehrmals ein Studienaufenthalt in einem Max-Planck-Institut in der Bundesrepublik angeboten. Doch die Einladung wurde vom Personalchef der Universität sehr herablassend abgelehnt. Er fragte, was ich mir einbilden würde, mich allein gegen die politische Linie des Staates stellen zu wollen, die gegen jede Kooperation mit dem Westen gerichtet war. Da habe ich für viele Jahre resigniert, aber natürlich nicht aufgehört zu arbeiten. Es war ja interessant, was ich gemacht habe, und wir haben uns eingeredet, dass wir etwas Erstklassiges leisten könnten. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet. Aber es fehlte der internationale Vergleich. 

Woran haben Sie dann gearbeitet?

Ich gab irgendwann die Idee auf, den fortgeschrittenen Stand des Wissens experimentell weiterzutreiben. Als ich etwas älter wurde, wandte ich mich der Systembiologie zu. Ich dachte, wir müssten das, was in den letzten zwanzig Jahren an Fakten, Wissen und Überblick zusammengekommen ist, in einem System darstellen. Also ein mathematisches Modell einer lebenden Zelle entwickeln. Es ging um das System des Energiestoffwechsels der Zelle. Daran habe ich mit einem sowjetischen Wissenschaftler gearbeitet. Wir haben gemeinsam ein Buch darüber geschrieben und konnten es im Westen publizieren.

Ging das so einfach?

Wir hatten das Glück, dass mein sowjetischer Kollege das in der Akademie der Wissenschaften genehmigt bekam und wir somit auf Englisch publizieren konnten. Systembiologie war damals noch eine Nische, heute ist dieser Zweig ein großes Thema. Bei uns fehlte allerdings in den Siebzigern noch die Genombiologie als steuernder Hintergrund des Stoffwechsels der Zelle. Das war uns auch bewusst.

Welche Änderungen kamen nach dem Fall der Mauer auf die Wissenschaftler zu?

Es wurde zunächst einmal alles zugemacht, die ganze Akademie der Wissenschaften mit dem in ihr konzentrierten wissenschaftliche Potenzial der DDR ist mit dem Einigungsvertrag aufgelöst worden. In den darauffolgenden Monaten haben sich junge Forscher an anderen Einrichtungen beworben. Ein gutes Beispiel ist Peer Bork, er war damals Doktorand in meiner Abteilung, es vergingen kaum drei Monate, da ging er nach Heidelberg an das Europäisches Laboratorium für Molekularbiologie und ist dort geblieben. Nun ist er ein Weltklasse-Wissenschaftler in der Genomforschung. Mit der Stagnation vor dem Mauerfall und der Unsicherheit danach entstand eine Lücke von etwa einer Dekade, in der die Kontinuität der Forschung im Osten weitgehend unterbrochen war.

Aber es sind ja nicht alle Wissenschaftler weggegangen.

Nein, Weggehen war nun wirklich – wenn überhaupt denkbar – ein sehr schwerwiegender Entschluss. Für die ältere Generation bedeutete diese Warteschleife oft, dass sie in vorzeitige Rente gehen mussten, für die Mittelalten, dass sie warten mussten, ob überhaupt noch etwas möglich war. Viele junge Menschen gingen in den Westen. Und die, die es nicht geschafft und die Veränderungen übelgenommen haben, denen geht es auch heute oft nicht besonders gut. Daraus resultiert ein Teil des Nach-DDR-Frustes, der ja noch vorhanden ist. Für viele war es schwer zu verkraften, dass auf einmal ein völlig anderer Wind wehte. Plötzlich galten Werte der offenen, liberalen, rein kapitalistischen Gesellschaft.

Wie veränderte sich der Arbeitsalltag in der Forschung?

Dort, wo überhaupt intensive Grundlagenforschung noch oder neu finanziert wurde, änderte sich der Alltag nicht entscheidend. Was im Westen grundsätzlich anders ist, ist die Lebenssituation der Forscher. In ihrer Mehrzahl sind sie bis in die späten vierziger Lebensjahre immer nur in befristeten Verträgen. Das verhindert die Verkrustung der Strukturen, die wir im Osten oft sahen, fördert auch Austausch und Innovation, bedeutet aber auch extreme Selbstausbeutung und belastet das gesamte Leben und das der Familie. Die Erneuerung der ostdeutschen Forschung dauerte unter diesen Bedingungen seine Zeit. Erst gegen Ende der Neunzigerjahre haben der Aufbau der Forschung und ihre Finanzierung Fahrt aufgenommen. Heute gibt es auch im Osten Deutschlands Institute und universitäre Forschungsgruppen mit Weltniveau.

Wie erging es Ihnen in dieser Zeit?

In den Achtzigerjahren wurde die Arbeitsgruppe, die ich leitete, aus politischen Gründen aufgelöst – ich war mit meinem kritischen Engagement für Freiheit und Bürgerrechte als Leiter untragbar geworden. Ich konnte aber noch allein weiterforschen und habe mich vor allem mit dem neuen Gebiet der informatischen Analyse von Protein- und DNA-Sequenzen beschäftigt. Genauer gesagt, mit den mathematischen und statistischen Methoden. Das hat mir nach dem Ende der DDR weitergeholfen. Als das Institut in Buch 1992 im Geiste von Max Delbrück neu gegründet wurde, passten meine methodischen Kenntnisse auf dem explodierenden Gebiet der Humangenom-Aufklärung sehr gut in das Forschungsprogramm. Wir wurden dann auch Teil des weltweiten Genom-Projekts. Das ist ein Glücksfall gewesen.

Welche Vorstellungen hatten Sie für die Wissenschaft nach dem Mauerfall?

Die Visionen, die wir hatten, waren pragmatisch, nicht illusionär. Wir wollten, dass Wissenschaftler frei darin sind, das zu untersuchen, was sie herausfinden wollen. So ist es letztlich ja auch gekommen.

Ist das derzeitige, globale Wissenschaftssystem gut strukturiert?

Nein, das finde ich nicht. Man kann zwar gut arbeiten und es gibt ungeheure Fortschritte. Aber wenn ich daran denke, welche Stellung die Wissenschaft im Gesamtsystem des Kapitalismus hat – er wird ja eigentlich von ihr mit ihren Innovationen und neuen Methoden am Leben gehalten. Eigentlich müsste die Wissenschaft eine starke Position des Protestes dagegen einnehmen, wie gerade mit unserem Planeten umgegangen wird. Mit den Regenwäldern, den Meeren und wie verantwortungslos auf den Klimawandel reagiert wird. Eigentlich müsste die Wissenschaftsgemeinschaft revoltieren.

Da zeigten sich ja beim „March of Science“ vergangenes Jahr schon Ansätze.

Die Frage, wie sehr politisch Wissenschaftler sich einbringen sollten, ist sehr schwierig zu beantworten. Man muss objektiv bleiben und darf nicht zum interessengeleiteten Einflüsterer in der Politik werden. Sonst schwindet das einzige Kapital, das man hat – die Glaubwürdigkeit.

Also doch nicht einmischen?

Doch, doch, unser Platz ist nicht in abgeschlossenen Nischen. Das fordert auch ein nachdenklicher Teil der jüngeren Generation. Es darf nicht sein, das einfach immer alles so weitergeht. Es ist unbestreitbar, dass der Klimawandel ganz erhebliche Auswirkungen haben wird. Die Pole und die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel wird steigen, der Regenwald wird verschwinden. Was fehlt, sind energische Handlungen – und das weltweit. Dazu müsste die ganze Wirtschaftsstruktur umgestellt werden. Die Bedrohung des Planeten durch die globale Industrie- und Konsumwirtschaft ist seit nunmehr 50 Jahren an der Tagesordnung. Jetzt haben wir 2018, und immer noch ist unser Blick in die Zukunft auf die nächsten fünf Jahre anstatt auf die nächsten fünfzig Jahre gerichtet. Es geht einfach alles so weiter mit ein paar kosmetischen Änderungen.

Sie sind ein politisch engagierter Mensch. Sie waren im Neuen Forum aktiv und demokratisch in die Volkskammer der DDR gewählt worden. Sie gingen 1992 wieder in die Forschung. Warum haben Sie nicht in der Politik weitergemacht?

Ein Grund war, dass in Berlin-Buch die Kollegen auf mich warteten und hofften, dass es wieder losgeht mit der Forschung. Einige äußerten sehr deutlich den Wunsch, dass ich wieder zurückkomme. Zudem war ich, was meine Ansprüche an mich selbst angeht, für politische Arbeit nicht wirklich talentiert. Ich brauche zum Beispiel zu lange, um eine Antwort zu finden. Als Sprecher der Volkskammer-Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen wurde von mir immer eine knallige und keine nachdenkliche Antwort erwartet.

Erinnern Sie sich an eine bestimmte Situation?

1990 passierte ungefähr jeden Tag etwas Weltbewegendes. Da standen schon morgens die Mikrofone und die Kameras bereit. Bald sollte zum Beispiel die D-Mark eingeführt werden, und dann wurde man als Sprecher gefragt, ob man das richtig oder falsch findet. Da muss man wie aus der Pistole geschossen eine kurze wohlformulierte Antwort haben. Ich hätte mich lieber erst einmal gründlich mit der Materie vertraut gemacht. Ich wollte mich informieren, was man alles beachten muss, bevor man darüber öffentlich redet.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Es kam dann zur Abstimmung im Parlament. Wir in der Fraktion waren zu dem Schluss gekommen, dass das nicht so schnell funktionieren und dramatische Folgen haben könnte. Wir hätten Ost-Mark und D-Mark noch eine Weile irgendwie parallel laufen lassen wollen, mit vorsichtiger Konvergenz, aber wir wurden total überstimmt.

Sie hätten also lieber mehr Zeit für die Inhalte gehabt?

Ich wollte zudem kein politischer Mecker-Oppositioneller werden, der jeden Morgen im Radio zu hören ist und alles schlecht findet, was gerade gemacht wird. Das war nicht meine Art zu denken. Wer in der Politik arbeitet, muss viele Talente haben. Zum Beispiel beim Umgang mit anderen Menschen und mit dem eigenen Wissen. Man braucht eine extrovertierte Persönlichkeit, wenn man nach vorne geschoben wird. Aber eigentlich bin ich ja später doch in der Politik geblieben mit meiner Arbeit beim Ethikrat.

Was war an dieser Arbeit anders?

Das war eine sehr spezielle Politik, da ging es zum Beispiel um das Thema Klonen und das Schaf Dolly. Das hat mir Spaß gemacht und es war thematisch begrenzt auf ethisch-medizinische Fragen. Dafür konnte man sich fit machen. Man hatte Zeit, sich da hineinzuarbeiten.

Aber zwischen Volkskammer und Ethikrat lag ja 1994 noch die Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten.

Das ist eine symbolische Kandidatur gewesen. Es ging damals darum, dass es 1994 immer noch niemand aus dem Osten gab – außer der PDS mit Gregor Gysi –, der einen Beitrag zur Sichtbarkeit des Ostens im vereinigten Deutschland leistete. Da bin ich aufgefordert worden, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Ich hatte eine überparteiliche Unterstützergruppe, die mich als Vorschlag in die entsprechenden Gremien eingebracht hat. Außerdem gab es eine Initiative von jungen politisch interessierten Menschen, ebenso überparteilich, die sich bemühten, eine richtige Kampagne für die Kandidatur zu entfachen. Das Amt des Bundespräsidenten kann, wie wir wussten und neuerdings auch gesehen haben, auch ein Ostdeutscher ausfüllen, der keine jahrzehntelange politische Laufbahn hinter sich hat.

Wie haben Sie die Kandidatur erlebt?

In der Zeit habe ich, durch die vielen Veranstaltungen, auf denen ich eingeladen war, aus meinem Ostdeutsch-Sein heraus verstanden, wie der Westen tickt. Ich habe völlig verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Kreisen kennengelernt, etwa aus Wirtschaft, Politik, Kirche. Aber mir war völlig klar, dass ich das Amt nicht übernehmen würde und nach Berlin-Buch zurückkehre. Die Idee, als ostdeutscher Bürgerrechtler Bundespräsident zu werden, war verfrüht. Das ist Joachim Gauck dann knapp 20 Jahre später gelungen.