Toronto.
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BerlinEs sollte die Stadt der Zukunft werden. Nach den Plänen der Google-Schwester Sidewalk Labs sollte in Toronto eine Modellsiedlung entstehen: Bewohner sollten in luftigen Holz-Lofts wohnen, eine spezielle Regenmantel-Hülle die Fußgänger vor Niederschlag schützen, Radfahrer auf beheizten Radwegen fahren. Doch bevor die ersten Bagger rollen konnten, ist das urbane Experiment Geschichte. Wie Unternehmenschef Daniel Doctoroff auf dem Portal Medium mitteilte, wird das Projekt eingestellt.

 Der Grund seien vor allem hohe Kosten sowie die „wirtschaftliche Unsicherheit“ am Immobilienmarkt. Das Projekt sei finanziell nur schwer zu stemmen, „ohne Kernteile zu opfern“, so Doctoroff. Zu solchen Abstrichen war man bei Google, wo man gerne größer denkt, offenbar nicht bereit. Was bleibt, sind ein paar Hochglanzbroschüren und das Gefühl, dass sich die Planer mit ihrem 1,3 Milliarden Dollar teuren Projekt verkalkuliert haben.

In Berlin war Toronto als warnendes Beispiel genannt worden, als es darum ging, eine Start-up-Schmiede, die „Google-Campus“ heißen sollte, in Kreuzberg zu verhindern. Auch in Toronto gab es Proteste, schon während des Genehmigungsverfahrens meldeten Datenschützer ihre Bedenken an. Google würde massenhaft Daten der Bewohner sammeln, hieß es, das Ganze sei eine überwachungskapitalistische Maschinerie, eine Skinner-Box, in der Menschen genauso wie im virtuellen Raum getrackt und konditioniert würden. In Berlin stoppte die Protest-Bewegung das Projekt, in Toronto nicht. Da musste erst die Corona-Krise kommen.

Smarte Städte galten mal als Antwort auf das urbane Chaos. Sensoren melden, wenn die Abfalltonne voll ist oder pumpen den Müll gleich durch unterirdische Rohre in die Deponien. Die Beschleunigungssensoren im Handy senden via App die GPS-Daten von Schlaglöchern an die Stadtverwaltung, die dann Reparaturdrohnen aussendet. Und intelligente Algorithmen steuern den Verkehr so, dass zu keiner Tageszeit Stau entsteht. Alles läuft reibungslos wie in einer gut geölten Maschinerie.

Die Planer träumen von einem elektronischen Gehirn, einem „City Brain“, das mittels Fühlern die letzten Zuckungen und Regungen der Bewohner erspürt. Die Idee eines kybernetischen Urbanismus, einer Stadtmaschine, die sich wie ein Thermostat mit Feedbackschleifen reguliert, war ja schon immer utopisch, doch im Lichte der Corona-Pandemie erscheint diese zentralistische Steuerungsform noch viel realitätsfremder.

Was nutzen intelligente Parkuhren, wenn kaum noch Autos fahren? Was bringen Bewegungssensoren auf Parkbänken, wenn Bewohner wegen einer Ausgangssperre nicht in Parkanlagen dürfen? Und worin liegt der Nutzen einer Überwachungskamera, wenn sie mit großer Fehlerrate Menschen in der Menge identifiziert statt den datenschutzrechtlich viel unbedenklicheren Abstand zwischen zwei Passanten zu messen? Obwohl: Britische Forscher haben kürzlich einen Algorithmus entwickelt, der genau das kann.

Was aber auch zeigt: Smarte Städte können immer nur auf definierte Probleme antworten. Und bei einer Pandemie sind die angeblich so cleveren Geräte auch überfordert, weil nicht dafür programmiert. Der Soziologe Richard Sennett schreibt in seinem Buch „Die offene Stadt“, dass die smarte Stadt verdumme, weil die Städte so benutzerfreundlich seien. Alles ist vorprogrammiert, man folgt im Grunde nur noch dem Navigationssystem und den Instruktionen von Algorithmen.

Sennett verwirft die Idee der smarten Stadt nicht in Gänze, sondern differenziert zwischen geschlossenen und offenen Systemen. Er macht das am Beispiel einer Videoüberwachungsanlage deutlich: „In einer geschlossenen Rückkopplungsschleife gibt es Elemente der Selbstkorrektur hinsichtlich der Ausrichtung und der Brennweite der Kameras, aber die Menschen, die diese geschlossenen Systeme bedienen, denken nicht, sie sollten nicht weiter spionieren, wenn sie zwei Liebende sehen, die einander küssen. In einem offenen System würde der Kameramann dagegen die Kamera aus Taktgefühl oder Scham abwenden.“ Daraus folgt, dass es auch im Design urbaner Informationsarchitekturen ethische Standards braucht.

Beispielhaft für solche offenen Systeme sind Open-Source-Architekturen, wo jeder Bürger Zugriff auf die Datenpools hat und wie sie es in einigen Städten bereits gibt. Das in Boston ansässige Architekturbüro MASS Design Group, dessen Planer Erfahrung in zahlreichen Infektionsgebieten wie Haiti und Südafrika haben, hat vor wenigen Wochen eine Open-Source-Handreichung veröffentlicht, wie man hygienesichere Behandlungsräume baut. Es sind viele dezentrale Gehirne, die eine Stadt flexibel und leistungsfähig machen.

Das Scheitern von Sidewalk Toronto könnte Signalwirkung auch für andere datengetriebene Modellstädte haben. Geschlossene Betriebssysteme, die hierarchische Nutzungen vorgeben und an denen die Benutzer nicht mitbasteln können, erweisen sich in Krisensituationen als wenig resilient und funktional – und könnten zumindest in demokratischen Systemen auf größere Widerstände der Bürger treffen. Dass einer so lebendigen Stadt wie Toronto eine Privatstadt erspart bleibt, dürfte allerdings ein Gewinn für die offene Stadtgesellschaft sein.

Sidewalk Toronto ist auch nicht die erste Smart-City-Initiative, die gescheitert ist. PlanIT Valley, eine intelligente Forschungsstadt, die in der Nähe von Porto hätte entstehen sollen, wurde nie gebaut. Und die Smart Citys, die gebaut wurden, sind entweder seelenlose Räume oder Geisterstädte. In Masdar City, einer Öko-Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, leben gerade einmal 1300 Bewohner (glaubt man dem Lokalaugenschein eines Reporters, sind die noch nicht einmal zu sehen). Das südkoreanische Songdo, das als Blaupause für Smart Citys gilt, ist ein hyperüberwachter Raum mit einem Big-Brotheresken Kontrollzentrum, in dem Bürger auf Schritt und Tritt überwacht werden. Und in Saudi-Arabien wächst der Widerstand gegen die geplante Megacity Neom.