Halina Malutko hat Blutkrebs. Auf die Idee käme niemand, wenn die 63-Jährige, die locker für Mitte 50 durchginge, begeistert von den Blumen und Kräutern bei sich zu Hause erzählt, sonnengebräunt von der Gartenarbeit, dezent geschminkt und modisch frisiert.

2005 diagnostizierten die Ärzte bei ihr eine akute myeloische Leukämie, wie es im Fachjargon heißt. Daraufhin erhielt sie in Abständen immer wieder Chemotherapie – mit den bekannten Nebenwirkungen: Haarausfall, Übelkeit, Erbrechen, entzündete Mundschleimhaut und Hautausschläge. 25 Kilogramm verlor sie in jener Zeit. Nach fünf Jahren intensiver Behandlung meinten die Ärzte, sie vertrage womöglich keine weitere Chemotherapie.

Doch Halina Malutko hatte Glück. Eine Bekannte las in der Zeitung, dass die Charité Leukämiepatienten suchte, die sich im Rahmen einer klinischen Studie mit einem Impfstoff gegen diese Art von Krebs behandeln lassen wollten. Seit fast sechs Jahren kommt Halina regelmäßig zum interdisziplinären Krebszentrum am Steglitzer Campus Benjamin Franklin der Charité, um sich den Impfstoff spritzen zu lassen. „Das Blut zeigt kaum noch Erkrankungszeichen“, sagt die behandelnde Oberärztin Anne Letsch, die diese Studie begleitet.

Zielgerichtete Wirkstoffe

Halina Malutko gehört zu jenen Krebskranken, die davon profitieren, dass die Grundlagenforschung immer besser versteht, wie die körpereigene Abwehr funktioniert. Das Wissen hat die Entwicklung vielversprechender Behandlungsmethoden ermöglicht. Die sogenannten Immuntherapien zielen nicht direkt auf den Tumor, sondern machen sich die natürlichen Eigenschaften des Immunsystems (siehe Kasten) zunutze, um Krebs zu bekämpfen. 2013 erklärte das Science-Journal sie zu einem der wissenschaftlichen Durchbrüche des Jahres.

Operieren, „Chemo“ und Bestrahlen waren lange Zeit die einzigen Möglichkeiten, gegen Krebs vorzugehen. Das änderte sich Ende der 90er-Jahre, als die zielgerichteten Therapien aufkamen: Biotechnologisch hergestellte Botenstoffe und Antikörper, die jenen des Immunsystems nachgebildet sind. Als eine Art molekulare Spürhunde sind sie jeweils auf ein bestimmtes Protein abgerichtet, das bei kranken Zellen aktiver ist als bei gesunden oder verstärkt gebildet wird. Haben sie das passende Protein aufgespürt, heften sie sich daran. So hindern manche dieser Mittel die Krebszellen daran, neue Blutgefäße zu bilden und drehen dem Tumor die Sauerstoff- und Nahrungszufuhr ab. Andere unterdrücken Wachstumsreize oder lassen die Krebszellen direkt absterben.

Nicht alle zielgerichteten Wirkstoffe zeigten die erhofften Erfolge, und sie richten sich meist auch nicht nur gegen Tumorziele. „Das ist erst möglich, wenn man genau weiß, welche Mutationen des Erbguts zu einer Krebserkrankung geführt haben“, sagt Antonio Pezzutto, Ärztlicher Leiter der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité in Steglitz und Leiter einer Immuntherapie-Forschungsgruppe.

Nach Pezzuttos Einschätzung haben vor allem zwei Antikörper-Arzneien durchschlagende Verbesserungen gebracht: Rituximab, 1998 als erster Antikörper gegen Krebs überhaupt zugelassen, hat die Überlebensprognose für Menschen mit Lymphdrüsenkrebs um 10 bis 20 Prozent erhöht. Die zweite Erfolgsgeschichte liefert Trastuzumab, ein Antikörper gegen das Oberflächenprotein HER2, das bei etwa jeder vierten Brustkrebspatientin verstärkt gebildet wird. Frauen, die positiv auf HER2 getestet wurden, hatten früher deutlich schlechtere Prognosen als HER2-negative, inzwischen haben beide Gruppen fast gleiche Überlebenszeiten.

Die meisten der neu entwickelten Antikörper mobilisieren durch das Andocken zusätzlich das Immunsystem. Doch jetzt geht die Entwicklung einen Schritt weiter: Immuntherapien versetzen die körpereigene Abwehr in die Lage, die Tumorzellen allein zu erledigen.