Für Stephan Natz, den Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, ist die Angelegenheit klar: „In die Toilette gehören Spülwasser, Toilettenpapier und die Dinge, die aus dem Körper kommen – und sonst nichts.“ Viele Menschen befolgen diese Sanitärregeln jedoch nicht. Die Badkeramik wird zweckentfremdet als Müllschlucker für Hygienetücher, Tampons, Slipeinlagen, Essensreste und vieles mehr, das sich per Spültaste schnell aus dem Blick- und Geruchsfeld befördern lässt. Ein Knopfdruck, weg ist es.

Für andere fangen damit die Probleme erst an. Unterhalb der Straßen Berlins, im Abwassernetz, sorgt der fix weggespülte Müll für Komplikationen. Verschärft wird die Lage dadurch, dass eine gleichbleibende Menge an Feststoffen von einer abnehmenden Wassermenge durch das Rohrsystem befördert werden muss. Allerlei wassersparende Haushaltstechnik ist der Grund dafür.

Vliestücher lösen sich nicht auf

„Die Konzentration von Faserstoffen im Abwasser wird zunehmen“, prognostiziert Jan Waschnewski von der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Berliner Wasserbetriebe. Jeder Berliner verbrauche im Schnitt 112 Liter Trinkwasser pro Tag, sagt Waschnewski. Den Leipzigern reichen nur 86 Liter. Anfang der 90er-Jahre betrug der Bundesdurchschnitt noch fast 150 Liter.

In den USA ist die Abwassermenge auch heute noch mit 230 Litern pro Kopf und Tag deutlich höher. Dennoch treten selbst dort massive Probleme mit Verstopfungen auf. Die Hauptursache ist hier wie dort eine relativ neue: Vliestücher. Die Hygienelappen, die im Haushalt etwa in Form von Baby- oder Brillentüchern sowie zur Küchenreinigung zum Einsatz kommen, bestehen – anders als Toilettenpapier – in der Regel nicht aus Zellstofffasern. Es sind sogenannte Vliesstoffe, oft zusammengesetzt aus einem Viskose-PET-Gemisch, das sie reiß-, wring- und wasserfest macht.

Meterlange Zöpfe

Entsprechend lösen sich die Tücher auch nach längerer Verweildauer im Wasser nicht auf, sondern werden nahezu unverändert durch das System gespült und sorgen dort immer wieder für Verstopfungen. Die Probleme treten zum einen an den Rechen der Klärwerke auf, die das Abwasser mechanisch reinigen sollen. Vor allem aber sind die empfindlichen Punkte des Systems betroffen: die Pumpen, die dafür sorgen, dass das Abwasser in einer gefällearmen Stadt wie Berlin abgeleitet wird.

Im Ansaugbereich der Pumpen entstehen Verwirbelungen, in denen sich die Vliestücher, oft auch in Verbindung mit anderen Stoffen, zu Zöpfen verknoten, die die Pumpe lahmlegen. „Die Zöpfe werden teils oberschenkeldick und mehrere Meter lang“, sagt Wasserbetriebe-Sprecher Natz. „Wir haben im Schnitt sechs – für die Mitarbeiter extrem eklige – Einsätze des Entstörungsdienstes pro Tag, weil Pumpen verstopft sind oder kurz davor stehen“, ergänzt er.

Die Kosten für die Beseitigung solcher Zöpfe belaufen sich in Berlin mittlerweile auf fast eine Million Euro pro Jahr. Dies sei mehr als eine Vervierfachung gegenüber 2009, sagt Abwasser-Experte Waschnewski. Da Berlin mit dem Vliesproblem nicht allein dasteht, trafen sich kürzlich in Magdeburg erstmals Vertreter von Abwasserverbänden und Herstellern, um Lösungen zu diskutieren.

Fasern oft miteinander verzahnt

Waschnewski sieht die Hersteller in der Mitverantwortung, Feuchttücher zu entwickeln, die im Wasser zerfallen und biologisch abbaubar sind. In den USA sei „flushable“ (wegspülbar) bereits ein wichtiges Kriterium. René Suhr, Entwickler beim Hersteller Innovate in Naumburg, hält die Chancen, die Feuchttuchproduktion flächendeckend auf einen solchen Standard umzustellen, jedoch für gering. Bei Babytüchern sei dies vielleicht möglich, bei Haushalts- oder Autoreinigungstüchern eher unrealistisch: „Viele Materialien sind nur bedingt für Wiederauflösung geeignet. Die Fasern sind oft auch durch Schmelzvorgänge miteinander verzahnt, weswegen sie sich nicht auflösen.“

Technische Möglichkeiten lösliche Tücher zu produzieren, gibt es bereits. Die Firma Kelheim-Fibres, die vor allem als Produzent von Tampon-Fasern ihr Geld verdient, hat eine Viskose-Faser entwickelt, die das ermöglichen soll. Viloft heißt das Produkt. Daraus hergestellte Tücher zersetzten sich bereits nach zehn Minuten im Wasser zu 90 Prozent, berichtet Mitarbeiter Horst Wörner.

Kürzere Fasern könnten helfen

„Unsere Fasern sind kürzer als bei herkömmlichen Vliestüchern, und sie sind nicht miteinander verwoben“, erläutert er. Viloft entstehe durch Aussieben der Fasern aus einem Wasserbad oder durch Luftströme, wirrlagige Faserbildung genannt. Die einzelnen Stücke werden anschließend durch Behandlung per Wasserstrahl zu Tüchern verfestigt.

Wörner ist überzeugt, dass sich das Verstopfungsproblem zu hundert Prozent durch derartige Tücher lösen lasse. „Allerdings sind die Produkte teilweise noch nicht verfügbar – auch weil die Vorgaben noch nicht entsprechend sind. Und für den Verbraucher ist es derzeit anhand der Verpackung oft schwer zu erkennen, welche Tücher löslich sind und welche nicht“, sagt er.