Mit dem Handy die Infektionskette aufspüren: Das soll die Tracing-App leisten.
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BerlinAm Anfang schien das Projekt gar nicht so kompliziert zu sein: Gesucht wurde eine App, die dabei hilft, möglicherweise Infizierte schnell zu informieren und somit Infektionsketten zu unterbrechen. Das alles sollte auf freiwilliger Basis basieren, die Bürger sollten einfach Bluetooth auf ihrem Handy aktivieren und die entsprechende App herunterladen, dann sollten sie per Push-Nachricht informiert werden. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stellte in Aussicht, dass die App innerhalb weniger Wochen vorliegen könnte.

Nun wird die Sache allerdings von Tag zu Tag komplizierter. Am Anfang hatte Spahn davon gesprochen, dass die App kurz nach Ostern auf den Markt kommen sollte, jetzt ist von Mai die Rede. Was die ganze Sache noch erschwert: Die Art der Kommunikation von Bundesregierung und  IT-Unternehmer Chris Boos stößt zunehmend auf Kritik. 300 besorgte Wissenschaftler aus den Bereichen der IT-Sicherheit und Privatsphäre veröffentlichten am Montag eine Stellungnahme. Die Unterzeichner fordern unter anderem, dass die Entwicklung von Corona-Warn-Apps völlig transparent laufen müsse und nur so viele Daten wie zum Eindämmen der Pandemie nötig gesammelt werden dürften. „Zu diesem Zweck müsse wahrscheinlich ein dezentraler Ansatz zur Verwaltung der Daten verfolgt werden“, heißt es weiter.

Zum Verständnis: Die Schwierigkeiten der Tracing-App beginnen, sobald ein Corona-Fall erfasst wird. Beim zentralen Ansatz würden die Informationen womöglich beim Robert Koch-Institut zusammenlaufen und auf einen zentralen Server hochgeladen werden, sobald eine Person positiv auf das Virus getestet wurde. Dieser berechnet das Risiko einer Infektion und verständigt die Risiko-Kontaktpersonen per Push-Nachricht. „Das hat den Vorteil, dass die Daten, die dort anonym verarbeitet werden, besser analysiert und damit auch zielgerichteter Personen gewarnt werden können“, sagte Boos der Berliner Zeitung.

Bei der anderen Technologie, die DP-3T genannt wird, läuft der gesamte Prozess auf den Smartphones ab. „Beide Modelle haben Vor- und Nachteile und beide schützen die Privatsphäre der Nutzer“, sagte Boos. Die dezentrale Lösung hat allerdings den Nachteil, dass alle Geräte die sensiblen Daten untereinander kommunizieren müssten. Damit könne eine potenzielle Datenschutzlücke entstehen. Darauf hat der Berliner Jurist Ulf Buermeyer im Podcast „Lage der Nation“ hingewiesen.

Die 300 Wissenschaftler scheinen sich trotzdem auf das zweite Modell verständigt zu haben. Konrad Rieck, Institutsleiter Systemsicherheit an der TU in Braunschweig und einer der Unterzeichner des Briefes, bezeichnete DP-3T als eine vielversprechende Technik, die einen guten Kompromiss zwischen Tracing-Genauigkeit und Datenschutz erziele. Boos setzt auf „eine interoperable Lösung, die europaweit eingesetzt werden kann. Jedes Land solle dann selbst entscheiden, für welchen Ansatz es sich entscheidet. Für ihn gibt es also keinen Favoriten.

Die Grünen im Bundestag haben für diesen Mittwoch im Innenausschuss einen Bericht der Bundesregierung beantragt. Die Frage, welches Modell die Bundesregierung und das Robert Koch-Institut entwickelt haben und bereits testen lassen, sei noch immer unbeantwortet, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Konstantin von Notz. „Die Intransparenz ist wirklich grotesk.“

Weiterhin sei unklar, wann die App nun zur Verfügung stehe. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Ulrich Kelber, sei derzeit nicht in der Lage, die App angemessen zu prüfen. Auch der FDP-Bundestagsabgeordnete Mario Brandenburg hält die  Situation für „sehr, sehr unschön“. Der Streit gefährde den Gesamterfolg des Projektes. „Es ist aufgrund dieser Entwicklung jetzt höchste Zeit, dass das Parlament informiert wird. Es kann nicht sein, dass wir uns die Informationen auf Twitter zusammensuchen müssen“, sagte er. Dass der Quellcode der App öffentlich einsehbar ist, hält er für unverzichtbar. Boos sagte der Berliner Zeitung, dass der Quellcode freigegeben werden soll. „Er wird veröffentlicht, sobald er getestet und geprüft wurde. Ich halte nichts davon, dass Software beim Kunden reift“, sagte er.

Der digitalpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Jens Zimmermann, hält das Projekt noch nicht für gescheitert. Er sieht bei der Auseinandersetzung zwischen den Wissenschaftlern zwei verschiedene Ebenen, die technische und die kommunikative. Es sei nicht ungewöhnlich, dass unterschiedliche Forschungsrichtungen auch verschiedene Interessen hätten. So wollten die Epidemiologen verwertbare Daten für ihre Forschungen. Doch sei der Datenschutz in dieser Angelegenheit unverzichtbar, sagt Zimmermann. „Sonst wird das ganze Projekt ein Rohrkrepierer.“ Noch könne das Projekt sein Ziel erfüllen.

In den USA haben Google und Apple offensichtlich auch Schwierigkeiten bei der Entwicklung ihrer Corona-App. Branchenexperten erklärten, dass  auf ältere Smartphones die Funktechnik nicht umgesetzt werden könne. Von rund zwei Milliarden Geräten weltweit sprach Neil Shah, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Counterpoint Research.