Wo immer die Menschen auch unterwegs sind, das Smartphone mit seinen Informations- und Unterhaltungsmöglichkeiten ist immer dabei. 
Foto: dpa/Darryl Dyck

BerlinAls im März die ersten Ausmaße der Corona-Pandemie sichtbar wurden, meldete sich der Zukunftsforscher Matthias Horx schnell zu Wort. Er sprach von einer Tiefenkrise. „Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen“, sagte Horx. Was den Umgang mit digitalen Medien betrifft, scheint in Deutschland tatsächlich ein Aha-Effekt eingesetzt zu haben. 

Das Statistische Bundesamt hat sich jedenfalls genauer angesehen, was die Bundesbürger in den vergangenen Monaten im Netz angestellt haben. In der Vergangenheit war die Bundesrepublik eher dafür bekannt, die digitalen Möglichkeiten vor allem für Online-Shopping und das Verschicken von E-Mails zu nutzen. Das Spektrum hat sich erweitert, zeigen die Zahlen. Und sie zeigen auch: Die Kommunikation per E-Mail und die Suche nach Informationen über Waren und Dienstleistungen blieben im Vergleich zum ersten Quartal 2019 auf einem konstant hohen Niveau.

Vor allem die Nutzung von Videochats und Onlinetelefonie ist im ersten Quartal 2020 stark gestiegen. Zwischen Januar und März nutzten 68 Prozent der rund 67 Millionen Internetnutzer ab zehn Jahren solche Dienste, berichtete das Bundesamt am Dienstag. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 59 Prozent gewesen. Die Begründung entspricht der Prognose, die der Zukunftsforscher Horx im Frühjahr abgegeben hatte. Die Statistiker führten den Anstieg auf die Kontaktbeschränkungen zu Beginn der Corona-Pandemie zurück. Es könnte also stimmen, dass sich eine neue Welt zusammenfügt.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Destatis

Menschen ändern ihr Verhältnis zur Digitalisierung

Dazu passt auch, dass die Zahl der Nutzer, die Musik über das Internet hören, von 53 Prozent auf 59 Prozent gestiegen ist. Das Interesse an Online-Nachrichten und digitalen Ausgaben von Zeitungen wuchs von 72 Prozent auf 77 Prozent.

Den Eindruck, den die Zahlen vermittelt, bestätigt auch eine Umfrage, die der Digitalverband Bitkom im Juni durchführte. Danach haben viele Menschen ihr Verhältnis zur Digitalisierung in den vergangenen Monaten geändert. Jeder Dritte (32 Prozent) steht der Digitalisierung seither offener gegenüber. Demnach bezeichnen rund drei von vier Befragten (73 Prozent) die Digitalisierung als Chance. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von 5 Prozentpunkten. Demgegenüber sieht jeder Vierte (25 Prozent) die Digitalisierung als Gefahr. Das sind 6 Prozentpunkte weniger als 2019.

Ein großes Thema ist durch die Corona-Krise noch größer geworden: Gesundheit. Im Netz suchten nach Angaben des Bundesamtes Anfang 2020 71 Prozent nach Informationen - im Vergleich zu 68 Prozent im Vorjahreszeitraum. Auch der Branchenverband Bitkom hat sich mit diesem Thema beschäftigt. Ergebnis: Jeder Zweite (53 Prozent) sucht in Vorbereitung auf einen Besuch beim Arzt nach Informationen zu seinen Symptomen im Internet.

Das Thema Gesundheit boomt

Frauen tun dies mit 61 Prozent häufiger als Männer (45 Prozent). Weiter kam heraus, dass der Anteil derer, die sich dann im Anschluss an einen Arztbesuch Informationen zu Symptomen, der Diagnose oder verschriebenen Medikamenten im Internet oder per App einholen, auf 61 Prozent gestiegen ist – auch hier sind Frauen (64 Prozent) etwas stärker vertreten als Männer (59 Prozent).

„Im Netz gibt es heute zahlreiche Informationen zum Thema Gesundheit. Viele junge Unternehmen und Start-ups haben zudem innovative Apps entwickelt, mit denen sich Verbraucher mit hoher Genauigkeit über ihre Symptome und Therapien informieren können“, sagte Ariane Schenk, Bitkom-Expertin für E-Health.

Laut Studie ist denjenigen Patienten, die nach einem Arztbesuch Informationen im Netz suchen, in erster Linie eine Zweitmeinung wichtig: Zwei Drittel (66 Prozent) nennen dies als Grund. 62 Prozent suchten online nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten. Erschreckend allerdings: Fast jeder Dritte (31 Prozent) gab an, die Erläuterungen des Arztes nicht verstanden zu haben. Jeder Fünfte (20 Prozent) konnte sich nicht mehr an alle Details aus dem Arztgespräch erinnern. 

Über 70 Prozent kaufen online ein

Und was haben die Menschen in den vergangenen Monaten sonst noch im Netz gemacht? 73 Prozent der Internetnutzer kauften im ersten Quartal 2020 online ein. Davon bestellte sich knapp ein Drittel Getränke und Essen von Restaurants oder Cateringservices nach Hause. Rund jeder fünfte Nutzer kaufte Lebensmittel und Getränke von Supermärkten über das Internet ein. Reinigungsmittel, Hygiene- und Körperpflegeartikel wurden von 16 Prozent der Nutzer online bestellt.

Aber es ging in den vergangenen Monaten auch darum, in den eigenen vier Wänden nicht einzurosten.  Nach  dem Ausbruch des Coronavirus hat mehr als ein Viertel der Internetnutzer (26 Prozent) erstmals Online-Lernvideos geschaut, etwa auf YouTube oder Vimeo. Gut jeder Fünfte (22 Prozent) hat seitdem zum ersten Mal an Online-Sportkursen teilgenommen. Und mehr als jeder Sechste (17 Prozent) gab in einer Umfrage an, dass er mit Beginn der Pandemie erstmals Online-Seminare zur privaten Weiterbildung besucht habe. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, die im April 2020 durchgeführt wurde. „Durch die Corona-Pandemie erleben digitale Lösungen einen enormen Ansturm“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. „Viele Menschen machen derzeit erstmals Erfahrungen mit Online-Diensten, weil Angebote aus der analogen Welt wegfallen oder nur eingeschränkt nutzbar sind. Das wird das Nutzungsverhalten auch langfristig prägen.“ 

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: trendmicro.com

Aber wo das Interesse steigt, nehmen oft auch die Gefahren zu: Aktuell greifen Kriminelle viel mehr Home-Router an als je zuvor. Das war das Resultat einer Studie des Antiviren-Herstellers Trend Micro, heise.de hatte darüber zuerst berichtet. Zwischen September und Dezember 2019 hat sich die Zahl verzehnfacht, von 23 auf 249 Millionen missbräuchliche Login-Versuche. In der Zeit des weltweiten Lockdowns im März registrierte das Unternehmen fast 194 Millionen solcher Angriffe. Die Experten gehen davon aus, dass die Verlagerung des Beruflichen ins Homeoffice damit zu tun hat. Nunmehr sind viele Firmendaten auch in Heimnetzwerken verfügbar.