Berlin - Gleich zweimal trickste der CIA-Spion und KGB-Maulwurf Aldrich Ames die Maschine zur Wahrheitsfindung aus: 1986 und 1991 bestand der Doppelagent einen Lügendetektortest. Von seinem sowjetischen Führungsoffizier hatte er den Rat bekommen, die Prüfung ausgeschlafen und entspannt anzugehen. „Es gibt keine besondere Magie. Vertrauen und eine freundschaftliche Beziehung zum Prüfer ist das, was es bewirkt. […] Du lächelst, gibst dich kooperativ und lässt ihn denken, dass du ihn magst.“

Mit diesen Tipps hatte Ames die Maschine überlistet und wurde erst 1994 nach neun Jahren enttarnt. Allerdings nicht mithilfe des Geräts, sondern wegen seines ausschweifenden Lebensstils, den er sich mit seinem Gehalt nie hätte leisten können.

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Die Grundidee des Polygraphen, auch Lügendetektor genannt, geht auf Psychologen zurück.

Schon geringste Schweißausbrüche zeichnet der Detektor auf und schließt so auf Nervosität und Lüge. Neben der Leitfähigkeit der Haut misst er über Sensoren auch Atmung und Puls sowie über eine Manschette den Blutdruck. Der sogenannte Polygraph – der so heißt, weil er mehrere Messgrößen aufzeichnet – ist aber nicht in der Lage zu beurteilen, wodurch die Reaktionen des Körpers ausgelöst werden. Die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ist zwar besser als der Zufall, aber weit davon entfernt, perfekt zu sein.

Die Frage, wie sich zuverlässig Körperzustände messen lassen, trieb auch John A. Larson um. Der junge Physiologe an der University of California in Berkeley kombinierte im Frühsommer 1921 ein Blutdruckmessgerät mit einem Atemmesser und entwickelte damit den ersten modernen Lügendetektor. Das Gerät sollte während eines Verhörs elementare physiologische Parameter über den Probanden in einem Linien-Diagramm aufzeichnen.

Hehres Ziel: die Humanisierung der Verbrechensbekämpfung

Die Idee: Aus den Messdaten lässt sich die innere Anspannung des Testkandidaten ablesen – je mehr Parameter, desto zuverlässiger. Normalerweise steigen beim Lügen Pulsschlag und Atemfrequenz an, die Nervosität nimmt zu. Je feuchter die Haut vom Schweiß ist, desto besser leitet sie den Strom, eine „ehrliche Haut“ schwitzt nicht.

Schon seit 1895 waren Psychologen wie die Italiener Cesare Lombroso und Vittorio Benussi auf der Suche nach Methoden zur Überführung von Lügnern. Anfang des 20. Jahrhunderts ermittelte der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung mit seinem „Galvanometer“ den Hautwiderstand von Befragten, um Schwindler zu entlarven.

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Manhattan-Projekt (1944): eine Frau bei einem Lügendetektor-Test in der geheimen Stadt Oak Ridge

In Harvard hatte der deutsch-jüdische Wissenschaftler Hugo Münsterberg ein Labor für experimentelle Psychologie eingerichtet: „Wir müssen den Menschen an ein Aufzeichnungsgerät anschließen, um herauszufinden, ob in seinem Geist Sonne oder Wolken überwiegen.“ Er stellte sogar die kühne Behauptung auf, mithilfe der wissenschaftlichen Psychologie ließe sich die Glaubwürdigkeit von Gerichtszeugen eindeutig beurteilen.

Schließlich entwickelte sein Fachbereichskollege William Moulton Marston ein Testgerät, das eine starke positive Korrelation zwischen systolischem Blutdruck und Lügen anzeigte und zu einem Bestandteil des modernen Polygraphen wurde. Auf dessen Arbeiten konnte schließlich John Larson aufbauen. Dabei verfolgte er das Ziel, die Verbrechensbekämpfung zu humanisieren.

Larson war der erste amerikanische Polizist mit einem Doktortitel. Sein Assistent Leonarde Keeler erweiterte den Polygraphen, der nun auch auf Fingerschweiß reagierte. Beide hegten ein tiefes Misstrauen gegen korrupte Polizisten, die mit brutalen, also handgreiflichen Verhörmethoden die Geständnisse aus den Verdächtigen herauspressten. Eben das wollte er mit dem neuen Gerät ändern.

Kalter Krieg: Der Lügendetektor als Garant nationaler Sicherheit

Larson sammelte Hunderte von Akten über Strafsachen, an denen sein Polygraph erfolgreich an der Aufklärung von Morden, Raubüberfällen, Diebstählen und Sexualverbrechen beteiligt gewesen war. Dennoch bereute er später sein Engagement und versuchte, das Gerät zur Diagnose von psychischen Krankheiten in der Kriminalpsychologie einzusetzen. „Durch unbeherrschbare Faktoren und im Interesse praktischer Anwendungen wurde diese wissenschaftliche Untersuchungsmethode, anders als erwartet, zu einem Monster Frankensteins, gegen das ich 40 Jahre lang kämpfte“, stellte er kurz vor seinem Tod 1965 fest.

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Beliebtes Hollywood-Requisit: Robert De Niro prüft seinen künftigen Schwiegersohn Ben Stiller in „Meine Braut, ihr Vater und ich“ (2000) auf Herz und Nieren.

Keeler hingegen ließ sich bereits 1924 mit dem „Emotographen“ einen Lügendetektor patentieren, der als Prototyp aller modernen Polygraphen gilt. Er funktionierte so gut, dass die Polizei sogar mit einer Attrappe anstelle eines Lügendetektors Geständnisse erwirkte. Larson beklagte diese Einschüchterungsmethoden, trotzdem kauften in den folgenden Jahrzehnten Polizeibehörden, FBI und CIA Keelers Geräte zuhauf. Auch beim Militär und in der Wirtschaft warb Keeler mit Erfolg für sein Produkt. Er gründete ein eigenes Institut und bildete Polygraphie-Experten aus.

Im Kalten Krieg wurde der Lügendetektor in den USA als Garant nationaler Sicherheit inszeniert – kein Spion sollte sich noch sicher fühlen können. „Der Polygraph geriet zur amerikanischen Obsession“, schreibt der Historiker Ken Alder in seinem 2007 erschienenen Buch „The Lie Detectors“. Trotz des massiven Einsatzes von Lügendetektoren in den USA kam die Nationale Akademie der Wissenschaften (NAS) in einem Bericht allerdings zu dem Schluss, der Großteil der Polygraphie-Forschung sei „unzuverlässig und unwissenschaftlich“. Übrigens stufte auch der deutsche Bundesgerichtshof den Lügendetektor 1998 in einem Urteil als ein „völlig ungeeignetes Beweismittel“ ein.

Hirnforscher sollten alsbald nach Alternativen suchen. So probierten sie Magnetresonanztomographen aus, um in bestimmten Regionen des Gehirns unterschiedliche Erregungsmuster auszumachen. Denn neurologisch betrachtet müssen Lügen kompliziert zusammengesetzt werden, die Wahrheit lässt sich dagegen leicht abrufen. Doch diese Verfahren weisen die gleichen Mängel auf wie ein klassischer Lügendetektor, denn hartgesottene Kriminelle sind nur schwer aus der Fassung zu bringen.

Guter Durchschnitt: Jeder Menschen lügt 25 Mal am Tag

Und noch ein Funfact zum Schluss: Die urbane Legende, dass jeder Mensch durchschnittlich 200 Mal pro Tag lügt, beruht auf einer Verwechslung. In den 1970er-Jahren hatte der amerikanische Psychologe Jerry Jellison in einer Studie herausgefunden, dass wir täglich rund 200 Unwahrheiten hören würden. Daraus wurde dann die Lügengeschichte gestrickt. Neuere Untersuchungen kommen daher zu anderen Ergebnissen. „Häufig sagen wir die Wahrheit, aber durchschnittlich lügt jeder 25 Mal am Tag. In bestimmten Situationen lassen wir Informationen weg oder geben sie nicht korrekt wieder“, schätzt die Schweizer Rechtspsychologin Revital Ludewig.

Alles eine Frage des Maßes. Vorsicht nur, wenn Lügen uns in die Irre leiten und das Vertrauen nachhaltig beschädigen: Das kann gesellschaftliche Ausmaße annehmen, gegen die jeder Lügendetektor machtlos ist. Laut den „Faktencheckern“ der Tageszeitung Washington Post stellte der ehemalige US-Präsident Donald Trump am 7. September 2018 einen Tagesrekord auf, indem er 125 „unwahre oder irreführende“ Aussagen machte.