Eine App auf dem Smartphone soll die Bürger über Infizierungen informieren, doch die Entwicklung dauert länger als zunächst geplant.  
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BerlinDie Bundesregierung erklärte im März, dass es bald eine Corona-Warn-App geben werde. Sie solle entscheidend helfen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Danach wäre die Rückkehr zur Normalität schnell möglich, so das Versprechen. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und kaum etwas passiert. Waren die Erwartungen zu hoch? Ein Gespräch mit Falk Garbsch vom Chaos Computer Club.

Herr Garbsch, von Enttäuschung war die Rede, als jetzt bekannt wurde, dass die Entwicklung der Corona-Warn-App doch länger dauert als zunächst angekündigt. Wie sehen Sie das?

Falk Garbsch: Aus meiner Sicht waren die Erwartungen von Anfang an zu hoch. Die technische Lösung alleine wird uns nicht in das normale Leben zurückkehren lassen. Eine funktionsfähige App wäre Teil eines großen Puzzles, mehr nicht. Man muss bedenken: Eine solche App ist noch nie eingesetzt worden. Es wäre ein Versuch. Dabei könnte auch herauskommen, dass der Gewinn durch die App so gering war, dass wir ihn gar nicht gemerkt haben.

Das macht nicht gerade Hoffnung.

Es gibt diverse Hürden, die bei der Diskussion bisher vernachlässigt worden sind. Die eine Sache ist, dass mindestens 60 Prozent der Menschen in Deutschland die App nutzen müssten, damit sie auch zum Erfolg würde.

Es gibt Statistiken, wonach 80 Prozent der Bundesbürger ein Smartphone nutzen.

Schon möglich, aber viele haben ältere Geräte. Das bedeutet, dass sie möglicherweise nicht mitmachen können, weil ihre Geräte für ein Update nicht mehr geeignet sind. Das wäre aber nötig, damit die App auch auf den Smartphones funktionieren kann. Und was ist mit Grundschulkindern, die noch kein Smartphone haben? Oder mit der älteren Generation und Menschen, die sich ein geeignetes Smartphone nicht leisten können? Es sind also viele Menschen von vornherein außen vor. Und dann ist da noch ein generelles Problem.

Welches?

Die Technik basiert auf der Funktechnik Bluetooth Low Energy. Diese Technik ist aber nicht zur Abstandsmessung entwickelt worden. Sie kann daher nicht erkennen, ob eine Glasscheibe oder eine dünne Wand zwischen zwei Personen ist. In so einem Fall bestünde keine Gefahr der Ansteckung mit dem Corona-Virus, aber die Gefahr der Falschmeldung, falls eine Person hinter der Scheibe oder der Wand infiziert sein sollte.

Falk Garbsch vom Chaos Computer Club
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Gibt es eine Technik, die besser geeignet wäre?

Wir brauchen ja ein zeitnahes Ergebnis. Die Entwicklung spezieller Technologien oder Hardware für das Tracing würde viel zu lange dauern.

Die Projektleitung wurde in der vergangenen Woche einer Initiative von Unternehmern, Politikern und Wissenschaftlern entzogen. Die Großunternehmen SAP und Telekom haben jetzt das Sagen. Stärkt diese Entscheidung das Vertrauen?

In weiten Kreisen hat das zu amüsanten Kommentaren geführt, auch deshalb, weil die Bundesregierung sehr viel Zeit verloren hat durch die Debatte über die zentrale Datenablage. Das war völlig unnötig, weil für die Umsetzung eine Einigung mit den Smartphone-Herstellern notwendig ist. Apple und Google haben frühzeitig klargemacht, dass mit ihnen nur eine dezentrale Lösung vorstellbar ist.

Und konkret zur Entscheidung für SAP und Telekom.

Zwei und nicht nur ein Konzern, dazu noch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, der Datenschutzbeauftragte, das Robert-Koch-Institut - da ist also ein großes Konsortium entstanden. Gewöhnlich dauert das Erarbeiten von Lösungsansätzen und die Umsetzung sehr, sehr lange, weil Verantwortlichkeiten hin- und hergeschoben werden. Es besteht oft die Angst, verantwortlich gemacht zu werden, wenn etwas schiefläuft. Aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, ein Unternehmen zu wählen, dass sich auf App-Entwicklung spezialisiert hat.

Gibt es das in Deutschland?

Sicher, vielleicht nicht in der Start-up-Szene, da wären Gründer mit so einer großen Aufgabe wohl überfordert. Aber im Mittelstand schon.

Am Ende ist man dann aber doch auf die Unterstützung der Großkonzerne Apple und Google angewiesen, die ihre Schnittstellen bereitstellen müssen. Ohne deren Betriebssysteme würde es nicht gehen.

Stimmt, man kommt um diese Hersteller nicht herum. Es gibt das Versprechen beim dezentralen Ansatz, dass die Daten auf den Endgeräten verbleiben. Das bedeutet, dass Apple und Google die Daten nicht sehen, weil sie nur die Daten nutzen dürfen, die ihnen gesendet werden. Die Unternehmen können also nicht sehen, mit wem der Nutzer Kontakt hatte oder ob jemand infiziert ist.

Aber kann man den Unternehmen vertrauen, dass kein Missbrauch betrieben wird?

Uns bleibt nichts anderes übrig, weil man viele Bereiche in deren Betriebssystemen nicht einsehen kann. Obwohl, bei Android ist schon ein großer Teil Open-Source. Außerdem würden die Unternehmen bei so einem sensiblen Thema wie Gesundheit ihren Ruf zu verspielen, wenn sie anfangen würden, die Daten von den Smartphones zu kratzen und sie in ihrer Cloud einzulagern. Das können sie sich zurzeit nicht erlauben.