In den letzten Jahren die digitalen Entwicklungen exzessiv weiterentwickelt. 
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BerlinWenn von neuen Technologien wie Algorithmen, Robotik oder Künstlicher Intelligenz die Rede ist, dann mischen sich in die Gespräche auch immer diffuse Ängste. Die KI, so ein Drohszenario, könnte die Herrschaft übernehmen und die Menschheit unterjochen. Doch die Angst vor innovativer Technik ist so alt wie die Technik selbst. Schon bei der Erfindung des Buchdrucks gab es Befürchtungen wegen der Fülle an Druckerzeugnissen. 

Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz klagte seinerzeit, dass das „Bücherwesen wegen der übergroßen Menge“ nicht zu bewältigen sein werde. Eine Klage, der sich viele seiner Zeitgenossen anschlossen. Wenn jährlich 100, oder gar 1000 neue Bücher hinzukämen, würden „gute Bücher durch schlechte wegen der Neugierigkeit der Menschen ausgestoßen werden und viel nützliche Nachrichtungen entweder verloren gehen und letztlich in dem abscheulichen Wald der unzählbaren Bücher wohl nicht mehr werden gefunden werden können“, schrieb Leibniz.

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Dass in Deutschland pro Jahr gut 78.000 Neuerscheinungen auf den Markt kommen und eine Wissensgesellschaft über Suchmaschinen organisiert wird, hätte sich der Philosoph wohl nicht träumen lassen. Doch die Frage, wer das alles lesen soll, ist nicht neu, im Gegenteil. Schon der Stoiker Seneca sorgte sich im ersten Jahrhundert nach Christus – der Buchdruck und das Smartphone waren da noch Jahrhunderte entfernt – um eine Zerstreuung des Geistes. „Die Menge der Bücher zerstreut.

Erfinder und die Kritik

Buchdruck: Die Erfindung des modernen Buchdrucks und der Druckerpresse wird Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert zugeschrieben. Kritiker fürchteten, dass die Leser bei der großen Auswahl die wirklich guten Bücher nicht mehr finden werden.

Telefon: Erste Apparaturen wurden um 1860 herum der Öffentlichkeit vorgestellt. Der deutsche Lehrer und Erfinder Johann Philipp Reis präsentierte sein „Telephon“ in Frankfurt am Main. Früh gab es die Angst, von Spionen abgehört zu werden.

Fotografie: Die Erfindung löste ebenfalls Sorgen vor Eingriffen in die Privatsphäre aus. 1890 postulierten US- Rechtswissenschaftler „Das Recht auf Privatheit“, das  als Abwehrrecht gegen die öffentliche Abbildung entwickelt wurde.

Angst vor dem Telefon

Da du also nicht so viel lesen kannst, als du haben möchtest, so genügt es, so viel zu haben, als du lesen kannst.“ Über die Aktualität von Seneca ließen sich ganze Seminare bestreiten. Man kann darin auch eine Kritik an Smartphones und deren ablenkender Wirkung lesen. Das ist ja das Bemerkenswerte an den Zitaten von Seneca und Leibniz: Dass sich die Sorgen der Menschheit über die Jahrhunderte nicht verändert haben – und zwar unabhängig von ihren Technologien, die ja immer mit dem Anspruch daherkommen, bestimmte Probleme zu lösen.

Auch bei der Erfindung des Radios im 19. Jahrhunderts wurden Sorgen geäußert, das Medium werde die jungen Leute ablenken und ihre Konzentrationsfähigkeit mindern. Nachdem 1979 der erste Walkman von Sony verkauft wurde, lamentierten Kulturkritiker, das Gerät isoliere die Menschen und mache sie zu Autisten. Auch dem Telefon schlug im 19. Jahrhundert viel Skepsis entgegen. So berichtete der New Yorker darüber, dass Menschen bei Gewittern einen Bogen um Telefonapparate machten, weil sie Angst hatten, dass der Blitz darin einschlagen könnte.

Und natürlich gab es schon damals Bedenken, die Telefone könnten zu Spionagezwecken missbraucht werden. Die Erfindung der Fotografie löste im 19. Jahrhundert ebenfalls Sorgen vor Eingriffen in die Privatsphäre aus. 1890 postulierten die Rechtswissenschaftler Samuel D. Warren und Louis D. Brandeis in der Harvard Law Review „Das Recht auf Privatheit“, das explizit auf die Fotografie Bezug nimmt und als Abwehrrecht gegen die öffentliche Abbildung entwickelt wurde.

Etwas Skepsis kann nicht schaden

Die Autoren schreiben: „Fotografische Momentaufnahmen und das Zeitungsgeschäft sind in die heilige Umgebung des privaten und häuslichen Lebens eingedrungen.“ Und durch viele mechanische Geräte droht es Wirklichkeit zu werden, dass, „was auf der Toilette geflüstert wurde, vom Dachfirst aus proklamiert werden wird“. Vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Smartphone-Fotografie erscheint der Aufsatz in ganz neuem Licht.

Der technische Fortschritt wurde zuweilen auch durch irrationale Technikskepsis blockiert. So ließ US-Präsident Benjamin Harrison, der von 1889 bis 1893 das Land regierte, das Licht im Weißen Haus ausknipsen, weil er Angst vor Stromschlägen hatte.

In der historischen Rückschau zeigt sich, dass sich nicht alle Befürchtungen im Hinblick auf die Technik bestätigt haben, die technologischen Entwicklungen aber neue Probleme wie die Verletzlichkeit der Privatsphäre geschaffen haben, auf die Technik nur bedingt antworten kann. Angesichts der zunehmenden Überwachung und Cybergefahren, die mit der Verbreitung internetfähiger Geräte einhergehen, kann eine gesunde Technikskepsis auf keinen Fall schaden.