Die jungen Spieler haben viel Zeit in der Corona-Krise - die Hersteller merken das. Die Umsätze steigen.
Foto: Imago

BerlinSchon der Blick auf die drei Titelanwärter beim Deutschen Computerspiele-Preis macht deutlich: 2019 war ein besonders gutes Jahr für die deutsche Spielebranche. Aufbau-Strategiespiel „Anno 1800“ war dabei sicherlich das erfolgreichste. Wie in unzähligen „Anno“-Spielen zuvor bauen Spieler hier Städte auf, planen, handeln und versinken in einer leicht beschönigten Version der Vergangenheit.

Der Modellbau-Charme verfängt nicht nur in Deutschland. Die Serie hat eine lange Geschichte, aber das neue Abenteuer wurde besonders oft verkauft. Meditation und Radfahren. Deutlich ungemütlicher ist das ambitionierte „Sea of Solitude“. Das ebenfalls nominierte Kunstspiel handelt von einer Heldin, die in der Depression zu versinken droht. Der Kampf gegen innere Dämonen soll gar keinen Spaß machen. Das Spiel ist entwaffnend offen in der Darstellung von Trauer, Wut und Scheitern.

Mit dem Fahrrad die Bergwelt erobern, darum geht es in dem Spiel "Lonely Mountains". 
Foto:  Megagon Industries

Die Metaphern dazu sind überdeutlich: Die Welt wird überschwemmt, und im Wasser schwimmt ein schwarzes, haariges Ungeheuer. Fast schon dokumentarisch wirkt dagegen „Through the Darkest of Times“: Eine Widerstandsgruppe im Dritten Reich versucht, gegen das Regime zu arbeiten und dabei irgendwie zu überleben. Es ist ein besonderes Spiel für Berlin. Der Titel wurde hier entwickelt und gründlich recherchiert. Er greift kenntnisreich Orte und Ereignisse der lokalen Geschichte auf.

Das einfache Strategiespiel lebt von seiner beklemmenden Stimmung, von dem Fokus auf realistische Menschen und ihre Entscheidungen in der Ausnahmesituation. Die Moral von der Geschichte ist nicht zu übersehen, das Spiel kann sich anfühlen, wie ein Lehrmittel im Geschichtsunterricht. Das ist auch so gewollt. Andere, außergewöhnlich starke Spiele wie die 400-tägige Meditation über die Einsamkeit „The Longing“ oder die wunderschöne Mountainbike-Abfahrt „Lonely Mountains: Downhill“ haben es nur in Nebenkategorien auf die Liste der Nominierten geschafft.

Auch das sagt viel über die Qualität des Jahrgangs. Nicht jedes Jahr bietet die deutsche Branche eine dermaßen bunte Leistungsschau. Diesmal wirkt die Freude darüber fast deplatziert. Der Gaming-Branche geht es so, wie vielen anderen im Digitalsegment auch – ihre Ware ist in Zeiten der Corona-Krise gefragt wie nie, sie kann grundsätzlich gut im Homeoffice arbeiten und ihr Publikum ist sowieso online.

Dazu ist nach langem Hickhack erstmals eine groß angelegte deutsche Games-Förderung mit einem Volumen von 50 Millionen Euro angelaufen. Im Detail stecken nach wie vor viele Teufel: Bei der Auszahlung der Förderung hat es gewaltig gehakt, die kürzlich verkündete Absage des Branchentreffs Gamescom schmerzt gewaltig und vor allem größere Studios bekommen irgendwann doch Probleme, wenn das Team nicht zusammensitzen kann.

So dauert alles etwas länger. Weltweit wurden bereits die Termine für die Veröffentlichung vieler Spiele verschoben. Doch kurzfristig geht es der Branche gut. Onlineverkäufe und Spielerzahlen bewegen sich seit Wochen auf Rekordniveau. Onlinespielemacher wie das Browsergame-Studio CipSoft („Tibia“) leisten sich bereits Spenden für wohltätige Zwecke. Die Veranstalter des Deutschen Computerspiel-Preises bezeichnen ihren Livestream als „Digital-Gala“.

„Zu wem würde ein solches Digital-Event besser passen als zur Games-Branche?“ – so rechtfertigt Felix Falk, Geschäftsführer des Branchenverbandes Game, die Entscheidung und weckt damit eine gewisse Erwartungshaltung. Zwar wurde die jährliche Auszeichnung für das beste deutsche Computerspiel auch in der Vergangenheit schon als Livestream übertragen. Aber es wurde auch eine echte Gala veranstaltet, mit Hunderten geladenen Gästen im jährlichen Wechsel zwischen München und Berlin.

Nicht nur am Bildschirm, auch vor Ort fiel das Zuschauen bisweilen schwer. Einerseits ist der DCP eine wichtige Auszeichnung für die deutsche Branche. Andererseits war die Gala des Öfteren eine zähe, fachfremd moderierte und von Politikern zerquatschte Veranstaltung. Schöneberger moderiert. Besonders virtuell wird dieses Jahr Markus Söder auftreten: Er wird dem in Spandau produzierten Livestream nur zugeschaltet und überreicht den Hauptpreis komplett virtuell. Vielleicht hilft ja die kleinere Bühne und die einsamen Festredner kommen im Studio schneller auf den Punkt.

Vielleicht flimmern auch besser passende Promis über den Bildschirm. Moderieren wird immerhin nicht Ina Müller, die im vergangenen Jahr Publikum und Preisträger mit zotigen Respektlosigkeiten irritierte. Falk ist sicher, „dass Barbara Schöneberger und Nino Kerl würdevoll und charmant durch den Abend führen“. Schöneberger hat den DCP bereits mehrmals moderiert, Kerl hat als YouTuber mit sonorer Stimme viele Fans in der Gaming-Community.

Die DCP-Verleihung wird am Montag ab 19.30 Uhr auf deutscher-computerspielpreis.de gestreamt.