Rassismus Ende der 60er-Jahre, darum geht es in dem Computerspiel „Mafia 3“.
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BerlinSind Videospiele politisch? Viele Fans verneinen die Frage aus Überzeugung. Sie sollen nur Spaß machen, so der regelmäßig gehörte Refrain in Kommentarspalten. Auch die Menschen, die sie machen, sehen das gelegentlich so. Tim Sweeney, Chef des „Fortnite“-Studios Epic Games, deutete im Februar in einer Rede an, einzelne Spiele könnten und sollten politische Statements machen, aber die Firmen, die sie herausgeben, eher nicht. Sweeney forderte, die „Marketingabteilung aus der Politik herauszuhalten“.

Einige Marketingabteilungen stürzen sich allerdings in die Politik – oder sie erkennen, dass sie bereits mittendrin stecken. In den USA ist es zur Zeit schwer, sich nicht zur Black-Lives-Matter-Bewegung zu positionieren. Das erkannte auch das Team hinter dem Basketballspiel NBA 2K20 und ließ aus Respekt letzte Woche den Spielbetrieb für einige Stunden ruhen. Nur eine virtuelle Lobby blieb offen. Gleichzeitig wurden digitale Trikots mit Aufschriften wie „Black Lives Matter“ oder „I Can’t Breathe“ verschenkt.

Spontan bildeten sich Demonstrationen in dem Online-Raum. Bilder von Versammlungen mit Dutzenden Spielfiguren kursierten. Wie viele Menschen letztlich teilnahmen, ist kaum zu erfassen. In digitalen Räumen stehen Menschen nicht zwangsläufig zusammen, sie können über verschiedene Server auf verschiedene virtuelle Lobbys verteilt werden.

Fachpresse und Spieler lobten die Aktion – in den Kommentarspalten finden sich aber auch zuverlässig immer Stimmen, die in solchen Aktionen nur einen profitorientierten PR-Gag erkennen wollen. Dabei hat die NBA-2K-Serie schon immer den Anspruch gehabt, den Sport lebensnah abzubilden. Und ein T-Shirt mit der Aufschrift „I Can’t Breathe“ trug LeBron James bereits 2014.

Andere Spielefirmen haben schon früher anerkannt, dass ihre Unterhaltung zwangsläufig auch politisch ist. Spielefirma Bethesda bewarb 2017 den schrillen Anti-Nazi-Shooter „Wolfenstein II“ mit einer klaren Botschaft: „If you are a Nazi, GTFO“ – „Hau ab, wenn du ein Nazi bist.“ Der Text umrahmte ein Spielvideo, in dem einem Nazi-Soldaten ins Gesicht geschlagen wird.

Auf Twitter wurde das Video zigtausendmal geteilt und gelobt. Viele erkannten hier eine konkrete Botschaft gegen die „Unite-the-Right“-Demonstration im August des Jahres in Charlottesville. Doch auch damals fanden sich Spieler, die sich über die Politisierung ihrer Unterhaltung aufregten.

Die Lage ist kompliziert. Rund sieben Jahre nach dem Start der „Black-Lives-Matter“-Bewegung, knapp vier Jahre nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten ist in den USA nichts mehr unpolitisch, vor allem keine Unterhaltung. Traditionell meidet die Spieleindustrie politische Positionen – Tim Sweeney hat im Februar nur ausgesprochen, was bei vielen Firmen offenkundige Strategie ist. Und doch haben alle größeren Publisher Solidarität mit den Protesten bekundet. 

 Die Madden-NFL-Serie etwa, ein jährliches Spektakel-Sportspiel rund um American Football wurde zum geplanten Termin nicht vorgestellt. Es steht zwar auch im Kontext von Colin Kaepernicks berühmt gewordener Protestgeste: dem Niederknien während der Nationalhymne, aber die  Spielefirma Electronic Arts wollte nicht ablenken von den politischen Diskussionen nach dem Tod von George Floyd.  „Wir stehen mit unseren afro-amerikanischen/schwarzen Freunden, Spielern, Kollegen und Partnern“, so lautete die offizielle Begründung des Konzerns. 

Viele Firmen spenden nun an wohltätige Zwecke, aber gemessen an den Budgets aktueller Großproduktionen geht es da eher um die Kaffeekasse. Ubisoft und Square Enix verteilen sechsstellige Summen an gemeinnützige Organisationen in den USA, EA immerhin eine Million. Mehrere Firmen nennen keine Summen, sondern verpflichten sich, private Spenden ihrer Angestellten zu verdoppeln.

Bei allem guten Willen wirkt die Spieleindustrie wie ein schwerfälliger Gigant. Im Medium selbst ist die Politik kaum angekommen. Deutlich unterrepräsentiert sind Spiele, die sich mit Rassismus auseinandersetzen. Einen deutlichen Akzent setzte das 2016 erschienene „Mafia 3“, in dem ein schwarzer Vietnam-Veteran Ende der 1960er-Jahre im Süden der USA Ausgrenzung und  Anfeindung zu spüren bekommt. Es ist eine politisch heftige Zeit in den USA: Feminismus, Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Ermordung Martin Luther Kings.  Auch das wird mit diesem Beispiel deutlich. Aber solche Beispiele sind selten.  

Die unabhängige Spieleszene macht es besser; sie entwickelt seit Jahren explizit politische Spiele. Und sie hat mehr gespendet. Im Download-Store itch.io verramscht ein beachtlicher Teil der Szene seine Spiele in einem Paket aus mehr als 1400 Titeln. Neben Obskurem finden sich kleine Hits wie „Celeste“ und Geheimtipps wie „Minit“ im „Bundle for Racial Justice and Equality“. Es wird für insgesamt fünf Dollar verkauft, gespendet wird der komplette Erlös. Mehr als  3,7 Millionen Dollar sind bisher so zusammengekommen.