Wie nur umgehen mit dem aggressiven Populismus im Netz? Kluge Köpfe sollten für Mäßigung und Abkühlung werben, sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.
Illustration: Ikon Images

Berlin Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ist einer der aufmerksamsten Beobachter der gesellschaftlichen Entwicklungen. Jedes Jahr ist er auch einer der Redner bei der Gesellschaftskonferenz re:publica. Die beginnt am Donnerstag, wegen der Corona-Krise in diesem Jahr nur online. Pörksen wird aus Tübingen dabei sein. Ein Gespräch über die Bedeutung von Gesprächen und Kommunikation in der Krise. 

Herr Pörksen, eigentlich sind Sie zu dieser Zeit Anfang Mai immer in Berlin. Diesmal halten Sie an diesem Donnerstagabend erzwungenermaßen Ihren Vortrag nur online. Sehen Sie in dem Umzug ins Internet vor allem einen Verlust?

Das Buch

Bernhard Pörksen hat mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun den kommunikativen Klimawandel analysiert. Sie zeigen Auswege aus der Polarisierungsfalle in Zeiten der großen Gereiztheit und der populistischen Vereinfachungen. Dabei entwerfen sie eine Ethik des Miteinander-Redens, die Empathie und Wertschätzung mit der Bereitschaft zum Streit und zur klärenden Konfrontation verbindet. Ihr Buch »Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik« ist im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

Ich vermisse den direkten Austausch schon sehr. Denn die re:publica war und ist für mich immer zweierlei. Zum einen ein Festival der neugierigen Erforschung des Digitalen, zum anderen ein Ort für Begegnungen mit einer eigenen, im besten Sinne antiautoritären Magie – abseits des öden, von Buzzwords und Geldgier regierten Eventgeschäfts. Nun habe ich die letzten Wochen exzessiv an meinem Vortrag gearbeitet …

… und schalten sich aus einem kleinen Fernsehstudio in Tübingen zu.

Eines weiß ich schon jetzt: Ich werde direkt danach meinen Rechner aufklappen und hoffe auf das große, grummelnde Gespräch, die Korrektur von Thesen und Ideen im Miteinander-Reden. Denn ohne den Disput und ohne Dialog ist alles nichts.

Sie haben Ihr neues Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens“ nicht nur gemeinsam mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun geschrieben, es ist auch ein Dialog geworden. Warum diese Form?

Weil wir, um Friedemann Schulz von Thun zu zitieren, der Auffassung sind, dass „die Wahrheit zu zweit“ beginnt. Erst im Miteinander-Reden und -Ringen entsteht etwas Neues. In dieser Form liegt die zentrale Botschaft, die da heißt: Die Mono-Perspektive reicht nicht.

Als "widersprüchlich, schillernd" empfindet Bernhard Pörksen die Kommunikation der Regierung zurzeit. 
Foto: Hanser/Albrecht Fuchs

Ein allgemeines Rezept zum Diskutieren geben Sie in dem Buch nicht. Aber schon viele Handreichungen, oft an konkreten Beispielen. Warum ist das angemessener?

Kommunikationsrezepte für alle Fälle sind unsinnig, das ist unsere feste Überzeugung. Denn menschliche Kommunikation ist auf eine wunderbare und verstörende Weise unberechenbar. Aber es gibt ein paar Leitlinien für eine unvermeidlich individuelle Kunst des Herausfindens.

Was gehört dazu?

Der Abschied von Dogmen und absoluten Wahrheitsvorstellungen, die Vermeidung pauschaler Attacken, die Freude an der Nuance, das Bemühen, den wertvollen Kern in der Auffassung des Anderen ausfindig zu machen – darum geht es. Aber all diese Prinzipien sind keine Rezepte, sondern idealerweise eine Ermutigung zur persönlichen Kreativität, ein Angebot zur Entdeckung eigener Lösungspfade, mehr nicht.

Ihr Mitautor beschreibt im Nachwort die Balance zwischen Achtung und Ächtung politischer Gegner als Navigation zwischen Skylla und Charybdis, den  Meeresungeheuern aus der griechischen Mythologie. Das sei zwar nicht leicht, „aber Odysseus ist schließlich auch durchgekommen“ – teilen Sie diese Zuversicht?

Nicht ganz. Wir sind in einer offenen Entscheidungssituation, weil ein aggressiver Populismus von der veränderten Medienwelt und einem schwächer gewordenen Journalismus profitiert, und weil wir zwar alle medienmächtig sind, aber noch nicht medienmündig. Für mich lautet die Schlussfolgerung daher: Die gesellschaftliche Mitte ist gefordert wie selten zuvor.

Und was ist die Aufgabe?

Sie muss in Zeiten der plakativen Vereinfachungen um eine Sprache der Mäßigung und Abkühlung werben – auf dem Weg zu einer Zukunftstugend der respektvollen Konfrontation. Man darf eben gerade nicht selbst in die Abwertungsspirale einsteigen. Aber sich auch nicht wegducken, nicht ausweichen. Weil sonst die Lauten und die Hassenden – kleine, extremistische Minderheiten – das Kommunikationsklima von den Rändern her bestimmen.

Sie erkennen in der Art und Weise unseres Diskurses einen Gradmesser demokratischer Vitalität. Wie erleben Sie den öffentlichen Diskurs in der aktuellen Corona-Krise?

Weil sonst die Lauten und die Hassenden – kleine, extremistische Minderheiten – das Kommunikationsklima von den Rändern her bestimmen.

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler aus Tübingen

Widersprüchlich, schillernd. Meine zeitdiagnostische Formel lautet für den Moment: Wir erleben die paradoxe Gleichzeitigkeit des Verschiedenen. Hass und Hetze. Berührende Solidarität und ein Fest künstlerischer Kreativität. Seriöse Information. Und eine Explosion irrwitziger Verschwörungstheorien. All dies auf einem einzigen Kommunikationskanal. Dieser Clash von Parallelöffentlichkeiten ist eine Tiefenursache der großen Gereiztheit.

Wie beurteilen Sie die Krisenkommunikation der Regierung?

Die erste Rede der Kanzlerin schien mir als eine Meisterleistung der Krisenkommunikation – ein berührender Appell an die Mündigkeit, ein Werben um Zustimmung. Danach hat sich die Tonalität geändert, es regierte über eine längere Phase hinweg eine schärfere Diktion. Und den Versuch von Bundes- und Landespolitikern, eine Diskussion über den Sinn von Einzelmaßnahmen und massiven Einschränkungen der Grundrechte abzuwehren, halte ich für einen gravierenden Fehler.

Was stört Sie daran?

Weil damit die Debatte über die Zukunftsperspektive gleich mit abgeräumt und eine Diskurslücke sichtbar wurde, die von folgenden Fragen handelt: Wie sieht die Gesamtstrategie aus, die lange Linie des Konzepts? Wie lässt sich die Balance von Gesundheitsschutz und Kollateralschäden transparent machen? Und warum genau hat man – nach erfolgter Abwägung – so entschieden, und nicht anders? Darüber gilt es zu informieren und zu debattieren. Diese Dilemma-Analyse ist zumutbar, und sie ist kein virologisches Spezialproblem. Eben diese Dilemma-Analyse gerät im Zuge der Öffnungdiskussion jetzt stärker in den Blick. Aber noch etwas: Wir bekämpfen nicht nur ein furchtbares Virus. Und wir ringen nicht nur mit einer Infodemie. Wir verhandeln implizit immer auch über Menschenbilder und die Würde des demokratischen Diskurses.

Bernhard Pörksen ist bei der re:publica am Donnerstag von 21 Uhr bis 21.30 Uhr zu Gast. Zu sehen auf dem re:publica-TV-Kanal 1