Die Welt von morgen baut auf Wasserstoff. Wie unser Zeichner sich vorstellt, werden ganze Betriebe, Züge, Schiffe, ja sogar Fahrräder über H2 mit Energie versorgt. 
Zeichnung: Paul Paetzel

HamburgJa, wo ist sie nun, die große Zukunft? Viel zu sehen ist noch nicht. Stattdessen ragt ein rostiges Stahlwerk-Ungetüm in die Höhe. Es wurde um 1970 errichtet. Die Besucher, die an diesem Tag in das Stahlwerk auf dem Gelände des Hamburger Hafens gekommen sind, tragen lange Schutzjacken und Helme. Sie fotografieren sich gegenseitig vor dem Gebilde aus Kesseln, Schachtofen, sich windenden Rohren und hoch aufragenden Gerüsten. Es sind Teilnehmer einer Exkursion zum Thema „Klimaretter Wasserstoff?“, und sie sind neugierig, auf welche Weise hier das Gas eingesetzt werden soll, das seit einiger Zeit als klimarettendes Wunder-Element angepriesen wird.

Jetzt aber

Wie ein Miteinander von Mensch und Planet doch noch gelingen kann. Ein Wissenschafts-Dossier.

Teil 1: Wir müssen nur wollen
Teil 2: Essend dem Planeten helfen
Teil 3: Der Wald von morgen 
Teil 4: Wie werden wir morgen wohnen?
T
eil 5: So werden wir künftig mobil sein
Teil 6: „Wir sollten das ohne Sintflut schaffen"
Teil 7: Plastik - und wie wir das Problem lösen können
Teil 8: Der Wiedergutmacher

Das Hamburger Werk gehört zum Unternehmen ArcelorMittal, dem größten Stahlerzeuger der Welt, der pro Jahr allein in Deutschland acht Millionen Tonnen Stahl produziert. In Hamburg ist es Walzdraht, der in großen Rollen auf dem Gelände steht. Der Rohstoff dafür liegt bergeweise am Rand der Anlage. Es sind Eisenerz-Pellets, Milliarden kleiner Kügelchen, mit denen man sich die Hände rostbraun färben kann. Hinzu kommt Schrott.

Auch wenn die Corona-Pandemie es etwas verdrängt hat: Der Klimawandel ist weiter ein großes Thema, vor allem der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) durch die menschliche Zivilisation. Die Herstellung von Stahl, der in unzähligen Industrien gebraucht wird, ist weltweit mit sieben Prozent daran beteiligt. Allein die Stahlwerke in Deutschland setzen jährlich rund 50 Millionen Tonnen CO2 frei. In Hamburg soll nun eine Innovation getestet werden, die es bis 2030 möglich macht, das bisher genutzte Erdgas durch sogenannten grünen Wasserstoff zu ersetzen und damit CO2-neutral zu produzieren. Es sei eine Weltneuheit, ein Projekt, das „die Stahlindustrie in die Zukunft“ führt, wie aus einem Werbefilm zu erfahren ist. Immerhin will Europa bis 2050 „klimaneutral“ sein.

Doch welche Rolle spielt Wasserstoff bei diesem Projekt? Hier wird es ein kleines bisschen technisch: Die Milliarden rostroter Eisenerz-Kügelchen müssen nämlich erst einmal durch die 1970 gebaute Anlage hindurch. In einem bestimmten Verfahren, der sogenannten Direktreduktion, wird ihnen dabei Sauerstoff entzogen. Es entsteht Eisenschwamm, eine poröse Masse, die man direkt einschmelzen und zu Stahl weiterverarbeiten kann. Für die Direktreduktion braucht man im Schachtofen bis zu 1000 Grad Hitze, und man muss bestimmte Gase hineinblasen. Gegenwärtig wird Erdgas dafür verwendet – zum Heizen und in Bestandteilen als Gas für den Prozess selbst. Aber Erdgas ist ein fossiler Rohstoff, und es entsteht Kohlendioxid (CO2) als Abgas.

Die Vorreiter der grünen Stahlindustrie sitzen im Hamburger Hafen

„Wir wollen nun sehen: Wie funktioniert der ganze Prozess nur mit Wasserstoff“, sagt ArcelorMittal-Geschäftsführer Uwe Braun bei einem kleinen Vortrag in der Werkschule mitten auf dem Hamburger Betriebsgelände. Künftig sollen die Eisenerz-Kügelchen nämlich mit reinem Wasserstoff reagieren, um zu Eisenschwamm zu werden. Ja, der ganze Betrieb soll mit Wasserstoff laufen, ohne Erdgas, ohne CO2-Emissionen. Um das zu testen, soll 2024 eine Pilotanlage in Betrieb genommen werden. Ein sogenannter Elektrolyseur wird auf dem Gelände errichtet, um den Wasserstoff aus Strom und Wasser zu gewinnen. In einigen Jahren soll dieser Strom dann von einem eigenen großen Offshore-Windpark – also Windrädern auf dem Wasser – kommen. „Wir brauchen etwa 200 Windräder, die noch nicht existieren, um die ganze Anlage völlig grün zu betreiben“, sagt Uwe Braun. Die Hamburger seien die Ersten, die so etwas in großem Stil versuchten.

Uwe Braun, ArcelorMittal-Geschäftsführer. Im Hintergrund das Stahlwerk auf dem Gelände des Hamburger Hafens. Es soll Vorreiter bei der Nutzung von Wasserstoff werden.
Foto: ArcelorMittal

Wer das hört, hat erst einmal einige Fragen: Was ist überhaupt grüner Wasserstoff? Und wie genau gewinnt man ihn? Dazu ein kleiner Exkurs: Wasserstoff (H) ist das häufigste chemische Element im Universum und das mit der geringsten Atommasse. Unter den Bedingungen auf der Erde kommt er normalerweise als molekularer Wasserstoff H2 vor. Er ist ein farb- und geruchloses Gas, leichter als Luft und ungiftig. In gebundener Form ist er unter anderem Bestandteil des Wassers und sämtlicher lebender Organismen. Das Besondere: Wasserstoff ist ein ideales Speicher- und Transportmedium für Energie. Erst im Sommer dieses Jahres hat die Bundesregierung ihre Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet, um Wasserstofftechnologien in großem Stil auszubauen. H2 sei ein „Schlüsselrohstoff einer langfristig erfolgreichen Energiewende“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier.

Der Hintergrund ist, dass die aus Sonne und Wind gewonnenen Energien zwar klimaneutral, aber eben nicht immer vorhanden sind – oder zu reichlich. Zum Beispiel in der Gegend um Heide an der Westküste von Schleswig-Holstein, in der Höhe von Helgoland. Die Region wird von sogenannten Offshore-Windparks auf der Nordsee mit Strom versorgt. Oft bläst der Wind aber zu stark, das Netz wird überlastet. „Dann werden die Turbinen aus dem Wind gedreht“, sagt Jürgen Wollschläger, Geschäftsführer der Raffinerie Heide, einer großen Erdölraffinerie in der Region. Das Fachwort dafür heißt: abregeln. „Das passiert etwa jeden zweiten Tag.“ 300 bis 350 Millionen Euro müssten an die Betreiber der Windkraftanlagen pro Jahr an EEG-Umlagen ausgezahlt werden. Dies sind Vergütungen für Betreiber von Erneuerbare-Energie-Anlagen, die Strom ins öffentliche Netz einspeisen.

Die Unterschiede von grauem, blauen und grünen Wasserstoff 

Oft aber bleibt die wertvolle Energie ungenutzt. Denn die bisherigen Speicherkapazitäten sind begrenzt. Man kann überschüssigen Strom in Pumpspeicherkraftwerken speichern oder in Kavernen, also unterirdischen Hohlräumen, mittels zusammengepresster Luft. Man kann Großbatterien und Hochtemperatur-Wärmespeicher nutzen. In letzteren wird überschüssiger Strom in Wärme umgewandelt. Später lässt sich die Wärme dann per Dampfturbine wieder für die Erzeugung von Strom nutzen oder direkt zum Heizen.

Wasserstoff jedoch könnte in großem Stil hergestellt werden. In ihm lassen sich auch viel mehr Mengen an Energie speichern. Doch wie passiert das genau? Hier kommt die Elektrolyse ins Spiel. Während dieser wird Wasser (H2O) unter Einsatz des gewonnenen Öko-Stroms in Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O2) zerlegt. Elektrische Energie wird zu chemischer Energie. Der Fachbegriff lautet Power-to-Gas. Dabei entsteht auch Abwärme, die man zum Beispiel zum Heizen nutzen kann.

Die Anlagen, in denen das Ganze geschieht, nennen sich Elektrolyseure. Sie sehen nicht besonders spektakulär aus, wie normale Container mit technischem Innenleben. So etwas soll bald auch im Stahlwerk auf dem Hamburger Hafengelände stehen und 50 Megawatt aus überschüssigem Windstrom jährlich in grünen Wasserstoff umwandeln.

Wasser wird mit Strom in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Thomas Ernsting/DLR
Die Vision von Jules Verne

Bereits 1874 hatte der französische Autor Jules Verne, einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur, eine Vision: „Das Wasser ist die Kohle der Zukunft. Die Energie von morgen ist Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt worden ist. Die so zerlegten Elemente des Wassers, Wasserstoff und Sauerstoff, werden auf unabsehbare Zeit hinaus die Energieversorgung der Erde sichern.“ So schrieb er im Roman „Die geheimnisvolle Insel“. In diesem stranden fünf Menschen, darunter ein Ingenieur, auf einer Insel.

Die Technologien sind heute so weit entwickelt, dass das von Verne beschriebene Verfahren der Elektrolyse in großem Stil angewandt werden könnte. Vor allem auf den gewonnen Wasserstoff (H2) – ein vielseitig einsetzbares Gas – richtet sich die Hoffnung. Er ist ein idealer, klimafreundlicher Energieträger, weil er verbrennt, ohne CO2 freizusetzen. Für seine Gewinnung mittels Elektrolyse kann Ökostrom aus Sonnen- und Windkraftwerken genutzt werden. Das Ergebnis heißt: grüner Wasserstoff.

Wasserstoff lässt sich speichern und transportieren – in Druckflaschen oder verflüssigt und gekühlt. Seine Einsatzgebiete sind vielfältig. Er lässt sich dem Gasnetz von Wohngebieten beimischen, in der Industrie zum Heizen, als Prozessgas oder Rohstoff nutzen, in Wasserstofftankstellen lagern – zum Betreiben von Zügen, Schiffen, Schwerlastern und Autos. Dabei wird in sogenannten Brennstoffzellen der Prozess der Elektrolyse umgekehrt: Aus der Reaktion von Wasserstoff mit Sauerstoff entsteht wieder Strom.

Grüner Wasserstoff heißt es deswegen, weil der Strom dafür zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien kommt. Dass dies im großen Stil passiert und in Deutschland ganze Industrien antreibt, ist noch Zukunftsmusik. Dennoch ist der Einsatz von Wasserstoff in der Industrie generell nicht neu. Man braucht ihn zum Beispiel als Ausgangselement in der Ammoniaksynthese zur Produktion von Düngemitteln, bei der Raffinierung von Mineralöl, bei der Synthese von Methanol. Hier wird er meist über andere Verfahren gewonnen, etwa durch die sogenannte Reformierung, bei der fossilen Quellen, also etwa Erdgas und Kohle, schrittweise Wasserstoff entzogen wird. Dieser nennt sich grauer Wasserstoff. Bei seiner Herstellung werden Klimagase frei, unter anderem CO2. Wenn dieses aufgefangen und irgendwo gespeichert oder verpresst wird, damit es nicht in die Atmosphäre gelangt, spricht man von blauem Wasserstoff. Dennoch stammt dieser ebenfalls aus fossilen Energien, also Erdöl, Erdgas oder Kohle.

Auch der Strom, mit dem man einen Elektrolyseur betreibt, kommt oft noch aus fossilen Brennstoffen. Der auf diese Weise gewonnene Wasserstoff wird genutzt, um bereits jetzt neue Technologien zu erproben. So geschieht dies zum Beispiel etwa 20 Kilometern Luftlinie vom Hamburger ArcelorMittal-Stahlwerk entfernt: im Bezirk Bergedorf, einer weiteren Station der Hamburger Exkursion zur Wasserstoff-Zukunft. Hier steht man vor einem jüngst neu gebauten Wohnviertel, das „Am Schilfpark“ heißt. Davor steht ein unauffälliges Häuschen, eine Mischstation. Hier testet Hamburg im Projekt „mySMARTLife“, wie viel Wasserstoff Gasleitungen zugesetzt werden kann, um Haushalte zu versorgen. Der Wasserstoff wird aus einem Hamburger Betrieb in Bündeln von Druckflaschen angeliefert. Diese schließt man in der Nähe des Mischhäuschens an Rohre an. Eine Steuerung sorgt dafür, dass dem herkömmlichen Erdgas kontinuierlich 30 Prozent Wasserstoff beigemischt werden. Insgesamt werden 273 Haushalte damit versorgt.

Ein kleines Häuschen in Hamburg-Bergedorf. Von hier aus wird dem Erdgasnetz des Wohngebiets Wasserstoff beigemischt. 
Foto: Harmsen/BLZ

„Wir gehen damit an die Grenze“, sagt der Projektleiter Tom Lindemann. Denn da Wasserstoff eine andere Dichte und einen anderen Brennwert als Erdgas habe, da es mit steilerer und schmalerer Flamme verbrenne, lasse es sich nicht beliebig in bestehende Gasnetze einspeisen. Regler, Kompressoren, Rohre und Brenner müssten erst gründlich geprüft und technisch nachgerüstet werden, bevor man Wasserstoff zusetzen darf. „In neu gebauten Netzen kann man dagegen hundert Prozent Wasserstoff einsetzen“, sagt Lindemann. Und somit auch hundert Prozent Erdgas einsparen. Zurzeit werde in den Druckflaschen für das Wohngebiet grauer Wasserstoff angeliefert, erklärt der Ingenieur. Doch das Ziel sei, eines Tages grünen Wasserstoff zu gewinnen, und zwar über einen Elektrolyseur, der an einen nahen Windpark angeschlossen werden soll. In Sichtweite des Wohnparks drehen sich bereits jetzt fünf Windräder.

Ganz auf grünen Wasserstoff setzt auch die jüngst verkündete nationale Strategie der Bundesregierung. Die Technologie dafür soll überall ausgebaut werden. Grüner Wasserstoff soll uns in absehbarer Zukunft nicht nur wärmen und für industrielle Prozesse genutzt werden, sondern auch Fahrzeuge antreiben. Dazu finden an vielen Orten Versuche statt. Erst vor einigen Tagen wurde der erste Mercedes-Schwerlaster vorgestellt, der mit Wasserstoff fährt. Der „GenH2 Truck“ soll ab 2023 mit Kunden erprobt werden. Er soll bis zu tausend Kilometer weit fahren können und arbeitet mit flüssigem Wasserstoff, der auf unter minus 253 Grad Celsius gekühlt ist. Auch für normale Autos erprobt man seit einiger Zeit intensiv die Wasserstofftechnik. Hier wird gasförmiger Wasserstoff genutzt, der unter hohem Druck in Tanks gespeichert ist. In sogenannten Brennstoffzellen passiert dann im Fahrzeug genau der gegenläufige Prozess zur Elektrolyse: Über eine schrittweise Reaktion von Wasserstoff und zugeführtem Sauerstoff entsteht wieder elektrischer Strom, der den Motor antreibt, dazu kommen Wärme und Wasser.

Brennstoffzellenautos werden nicht selten als Alternative zu batteriebetriebenen Elektroautos gesehen. Doch Kritiker sagen, sie seien noch zu teuer, ihre Drucktanks zu schwer, ihre Reichweite nicht sehr groß. Außerdem gebe es noch zu wenige Wasserstofftankstellen im Vergleich zu Elektro-Tankstellen. Deshalb wird Wasserstoff bisher vor allem als klimafreundlicher Antreiber für Schwerlaster, Busse, Schiffe und Züge gesehen, die aus Wasserstofftanks auf Betriebsgeländen versorgt werden könnten. Allerdings gibt es auch bereits Technologien mit Wasserstoff-Kartuschen und Brennstoffzellen fürs Fahrrad und für kleine Flugobjekte.

„Westküste 100“ ist eine Test-Region für die Wasserstoff-Zukunft

In Hamburg aber denkt man viel größer. Und zwar im sogenannten Reallabor „Westküste 100“, der nächsten Station der Hamburger Wasserstoff-Exkursion. „Westküste 100“ ist eines von bundesweit 20 Reallaboren, in denen die Energiewende in Deutschland in größerem Maßstab erprobt werden soll. Die Teilnehmer der Exkursion fahren aber nicht direkt an die Küste, sondern zum Dockland Hamburg, einem futuristischen, schiffsartigen, schräg über das Wasser ragenden Gebäude am Hamburger Hafen. Hier hat der dänische Windkraft-Konzern Ørsted seinen deutschen Sitz. Er betreibt, plant und baut Offshore-Windparks in der Nordsee. Und mit ihm haben sich insgesamt zehn Partner zusammengeschlossen, um im Rahmen des Reallabors „Westküste 100“ eine „regionale Wasserstoffwirtschaft im industriellen Maßstab aufzubauen“, wie es in einer Darstellung dazu heißt. An einem Ort soll hier erprobt werden, was man in ganz Deutschland umsetzen will.

Der Koordinator von „Westküste 100“ ist Jürgen Wollschläger, Geschäftsführer der Raffinerie Heide an der Westküste von Schleswig-Holstein, einem der Partner des Reallabors. Im Dockland Hamburg wird er auf einer Leinwand zugeschaltet, wie es in Corona-Zeiten längst üblich ist. „Unser Ziel ist es, ein ganzes Wasserstoff-Ökosystem in der Region zu schaffen“, sagt Wollschläger. „Wir sind das erste Reallabor zum Thema industrieller Einsatz von Wasserstoff.“ Das Projekt startete am 1. August 2020, zunächst mit einem Fördervolumen von 30 Millionen Euro. Insgesamt sollen es einmal 89 Millionen sein.

Die Test-Region reicht von der Nordseeküste bis Hamburg. Und das Stichwort heißt Sektorenkopplung. Dies ist ein Fachwort dafür, dass man nicht jeden Sektor der Energiewirtschaft einzeln betrachtet, sondern alle in einem gemeinsamen Ansatz zusammenfasst. Dazu gehören Elektrizität, Wärmeversorgung, Verkehr und Industrie. Im Fall von „Westküste 100“ sieht die Vision so aus:

Die Raffinerie Heide in Hemmingstedt unweit der Nordsee, die pro Jahr etwa 4,5 Millionen Tonnen Rohöl produziert, soll zur „grünen Raffinerie“ werden. Zurzeit wird hier der Wasserstoff noch aus fossilen Energieträgern gewonnen. Künftig soll ihn eine große Elektrolyse-Anlage liefern, die zunächst Abwasser nutzt, später Meerwasser aus der Nordsee oder der Elbe. Was sich erst einmal einfach anhört. Aber das Wasser muss für die Elektrolyse vorbehandelt werden, spricht entsalzt und demineralisiert. Das ist nur eines der Probleme der Wasserstofftechnologie.

Wenn viel Wind weht, werden die Windparks auf der Nordsee künftig nicht abgeregelt wie heute noch jeden zweiten Tag. Sondern der Strom wird im zugeschalteten Elektrolyseur in Wasserstoff umgewandelt, der in unterirdischen Kavernen der Region über Wochen und Monate gespeichert werden kann. Bei sogenannten Dunkelflauten – also wenn kein Wind weht – kann der Wasserstoff wieder in Strom umgewandelt werden (Gas-to-Power). „Die Raffinerie braucht kontinuierlich Strom“, sagt Wollschläger.

Blick auf die Raffinerie Heide an der Westküste von Schleswig-Holstein. Diese will zum Zentrum einer grünen Wasserstoffwirtschaft in der ganzen Region werden.
Foto: Raffinerie Heide/Hemmingstedt

Aber das ist noch längst nicht alles. Mit der Abwärme, die bei der Elektrolyse entsteht, wird ein angrenzender Gewerbepark beheizt. Dies passiert bereits jetzt, wenn auch noch nicht als Nebeneffekt der grünen Wasserstoffproduktion. Die Raffinerie beheizt Gewächshäuser einer Gemüse-Firma, in denen 185.000 Paprika- und Tomatenpflanzen wachsen. Das Konzept sieht des weiteren vor, dass der Wasserstoff aus der Raffinerie auch ins Gasnetz der Stadt Heide eingespeist wird. „Wir wollen hier erproben, wie weit man die Grenzen verschieben kann“, sagt Jürgen Wollschläger. Mit dem reinen Sauerstoff wiederum, der als Nebenprodukt bei der Elektrolyse entsteht, wird in einem örtlichen Zementwerk der Ofen befeuert. Das neue Verfahren dafür heißt Oxyfuel. Das bei der Zementproduktion ausgestoßene CO2 wird dann in die Raffinerie zurückgeführt und zusammen mit Wasserstoff bei der Methanolsynthese zur Produktion synthetischer Kraftstoffe genutzt. Diese können an Tankstellen Benzin ersetzen. Mit dem Hamburger Flughafen gebe es bereits Absprachen, im Jahre 2024 fünf Prozent des Kraftstoffbedarfs über synthetisches Kerosin abzudecken, sagt Wollschläger.

Könnte man so einen Wasserstoff- und Energie-Kreislauf auch in Berlin installieren? Nicht in einem solchen Maße, denn um eine grüne Wasserstoffwirtschaft im großen Stil aufzubauen, braucht es viel überschüssige Energie. Dazu eignen sich Regionen im Norden – im Herzen der Windenergie – am besten. Und der Blick auf die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff deutschlandweit stimmt nicht gerade optimistisch. „Deutschland wird seinen Bedarf an grünem Wasserstoff nicht aus eigener Produktion decken“, sagt Jürgen Wollschläger. Um allein das Benzin im deutschen Verkehr durch Wasserstoff zu ersetzen, müsste man den gesamten Strom aus erneuerbaren Energien nutzen, der heute in Deutschland erzeugt wird, sagte Gerhard Holtmeier, Vorstandschef der Berliner Gasag, wie das Branchenjournal „Energie & Management“ berichtete. „Es wird Verteilkämpfe um die erneuerbare Energie geben“, wird der Gasag-Chef zitiert.

Kommt der Wasserstoff künftig aus Marokko und Tunesien?

Darum gibt es zum Beispiel die Idee, Wasserstoff in sonnenreichen Gegenden, etwa in Marokko und Tunesien, aus Solarenergie zu gewinnen – und dann per Tanker oder Pipeline nach Europa zu transportieren. Doch für die Elektrolyse, um Wasserstoff zu produzieren, braucht es Meerwasserentsalzungsanlagen. Und bei jeder Umwandlung und Speicherung geht Energie verloren. Außerdem brauchen die Länder den bei ihnen erzeugten grünen Strom vielleicht selbst ganz dringend. Kritiker fordern aus diesem Grund, nicht allein auf Wasserstoff als neues Klima-Allheilmittel zu setzen, sondern möglichst alle Potenziale zu nutzen, die regional vorhanden sind, ob Solarthermie, Geothermie oder Biomasse.

Kritiker weisen auch darauf hin, dass die Herstellung von grünem Wasserstoff per Elektrolyse zurzeit noch recht ineffizient und teuer ist. Das bekommen die Produzenten zu spüren, zum Beispiel in der Stahlbranche. Nicht nur ArcelorMittal testet die Wasserstofftechnologie, sondern etwa auch Thyssenkrupp. Das Unternehmen setzt in seinem Hochofen im Werk Duisburg-Hamborn Wasserstoff statt Einblaskohle ein. Es will außerdem ein ähnliches Direktreduktionsverfahren wie die Hamburger Kollegen entwickeln, hat aber nicht die Potenzen, über einen eigenen Offshore-Windpark genügend Strom für grünen Wasserstoff zu gewinnen. Die Hamburger sind hier bundesweit Vorreiter. Sie kennen aber auch das große Risiko.

Entscheidung über Leben und Tod der deutschen Stahlwerke

„Die Vision in Hamburg ist branchenweit nur schwer umsetzbar“, sagt der ArcelorMittal-Geschäftsführer Uwe Braun. Vor allem wegen der Mehrkosten von etwa 150 bis 200 Euro pro Tonne Stahl, die entstünden, wenn man die Produktion nur mit grünem Wasserstoff betreibe. Diese machten den Stahl unverkäuflich. „Denn die Abnehmer sind nicht bereit, für grünen Stahl mehr zu bezahlen.“ Dabei könnte man den Standortvorteil nutzen und zum Beispiel im windstarken Norden massenhaft Stahl produzieren, statt den überschüssigen Strom nach Bayern zu transportieren. Für Uwe Braun geht es um das Überleben der Branche, die die Klimaschutzauflagen erfüllen will, aber in Europa auch gegen Billiganbieter aus China und anderswo konkurrenzfähig sein müsse. „Wir brauchen auf dem Markt eine viel höhere Nachfrage nach grünem Stahl“, sagt Uwe Braun. Er stellt sich etwa Importsteuern für klimaschädlich produzierten Stahl vor, sowie einen Differenzausgleich und andere Fördermaßnahmen für die Produzenten von grünem Stahl. „Wir müssen jetzt die Weichen stellen, sonst wird die Stahlindustrie Deutschlands sterben.“

Hinzu kommt, dass es insgesamt 12.650 Normen und Gesetze im deutschen Energierecht gibt, die zu befolgen sind. Darauf weist Jürgen Wollschläger vom Reallabor „Westküste 100“ hin. Viele Normen müssten angepasst werden, um die Wasserstofftechnologie wirtschaftlich zu machen. Alles in allem zeigte die Reise in die Region um Hamburg, dass der Einsatz von Wasserstofftechnologie am effizientesten dort ist, wo gute Bedingungen für sie bestehen: grüner Strom im Überfluss, der ohne Speicherung verlorengehen würde.