Der gläserne Patient: Smartphones und Wearables verraten mehr über unsere Gesundheit, als vielen der Träger bewusst sein dürfte. 
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BerlinAngenommen, man wacht an einem kühlen Herbsttag morgens mit einer bösen Erkältung auf. Man hustet, schnieft, krächzt – und fühlt sich elend. Plötzlich meldet sich Amazons Alexa aus dem Off und fragt: „Soll ich für dich Hustensaft aus der Apotheke bestellen?“ Was nach einer Utopie aus einem Science-Fiction-Film klingt, könnte schon bald Realität werden. Amazon hat ein Patent auf eine Technologie angemeldet, die anhand der Stimme erkennen soll, ob jemand krank ist, und gleich das passende Medikament ordert. Wenn Alexa hört, dass jemand hustet ist, bestellt sie Erkältungstee. Oder rezeptfreie Lutschpastillen.

Amazon hat im vergangenen Jahr für eine Milliarde Dollar die Versandapotheke PillPack übernommen und, passend zu der Übernahme, in diesem Jahr eine Reihe von Gesundheits-Apps, sogenannte Skills, entwickelt: zum Beispiel ein Skill für die Terminvergabe in einem Krankenhaus oder die Abfrage des Blutzuckerspiegels. Im Rahmen eines Pilotprojekts wurden in einem Krankenhaus in Los Angeles 100 Amazon-Echo-Geräte installiert, um die Alexa-gestützte Gesundheitsplattform Aiva zu testen. Die Patienten können über den Sprachassistenten nicht nur ihre TV-Geräte und die Nachtbeleuchtung steuern, sondern auch das Pflegepersonal per Sprachbefehl rufen. Zum Beispiel: „Alexa, sag meiner Krankenschwester, dass ich auf Toilette gehen muss.“

Sprachbefehl für Pflegekräfte

Amazon ist nicht der einzige Tech-Konzern, der in den Gesundheitssektor drängt. Apple hat jüngst seine neueste Smartwatch auf den Markt gebracht, die Apple Watch 5, die über eine integrierte Sturzerkennung verfügt und mithilfe von Sensoren Herzrhythmusstörungen erkennt. Mit einer EKG-App können zudem Anzeichen für Vorhofflimmern frühzeitig festgestellt werden. Die Smartwatch als mobile Arztpraxis.

Hausarzt und Forschung

Diagnose: Unter klassischen Medizinern und digitalen Forschern gibt es Meinungsverschiedenheiten, wie mit Patientendaten umgegangen werden soll. Es geht um die Verschwiegenheitspflicht der Ärzte und anderseits um Datensätze für die Forschung.

Risiko: Forscher hoffen  auf große Datensätze, um Muster bei Erkrankungen erkennen zu können. Dafür sind sie auf die Zustimmung erkrankter Patienten angewiesen, die aber nicht wissen, was mit den Daten noch geschehen kann.

Nebenwirkung: Schon jetzt sind einige Versicherungen bereit, den Kauf von Wearables zu unterstützen. So erfahren sie, wie fit ihre Kunden sind. Wer gesund lebt, wird belohnt. Wer nicht mitmacht, wird von Bonusprogrammen ausgeschlossen.

Auch das iPhone verfügt über Gesundheitsfunktionen wie die vorinstallierte Health-App, die die Zahl der gelaufenen Schritte und zurückgelegten Stufen anzeigt. Smartphones sind Hochleistungsrechner im Hosentaschenformat, die mit einer ganzen Reihe von Sensoren ausgestattet sind, darunter Thermometer und Feuchtigkeitsmesser – Instrumente, die sich in jeder Arztpraxis finden. Facebook hat ein KI-System entwickelt, das Nutzerbeiträge auf potenzielle Suizidgefahr überprüft. Der Fahrdienstleister Uber will mit einer eigenen Gesundheitssparte Krankentransporte organisieren. Google hat ein Projekt namens Medical Digital Assist gestartet, das es Medizinern ermöglichen soll, Arztbriefe mit Sprachassistenten zu diktieren. Dazu passt auch Googles Erwerb des US-Klinikbetreibers Ascension, der dem Suchmaschinenbetreiber den Zugang zu einer riesigen Menge von personenbezogenen Gesundheitsdaten ermöglicht.

Das Engagement verwundert nicht: In der Digitalisierung der Gesundheit ist viel Geld zu verdienen. Die Marktforscher von Allied Market Research prognostizieren, dass der digitale Gesundheitsmarkt in Nordamerika im Jahr 2025 auf knapp 220 Milliarden Dollar wachsen wird. In einer Analyse von Deloitte heißt es: „Speicherung und Nutzbarkeit der von diesen Endgeräten erhobenen Daten eröffnen neue Möglichkeiten unter anderem für eine zielgerichtete Diagnostik.“ Schon heute zahlen Krankenkassen Zuschüsse für Wearables und bieten Bonusprogramme an. Wer sich mehr bewegt, wird belohnt.

Auswertung der sozialen Medien

Datenschützer sind alarmiert. Die Befürchtung ist nicht nur, dass Patienten immer gläserner werden, sondern dass Unternehmen auf Grundlage massenhafter Daten Risikoprofile erstellen, die Einzelne aus dem Solidarsystem der Krankenkasse ausschließen. Analytics-Firmen füttern Vorhersagemodelle mit Millionen von Daten, um auf diese Weise herauszufinden, ob jemand krank wird oder seine Arztrechnungen bezahlen kann.

Im Maschinenraum der Gesellschaft mahlen Black-Box-Algorithmen, die determinieren, wer kredit- oder versicherungswürdig ist. Wer Kleider in Übergröße kauft oder eine Scheidung hinter sich hat, könnte eine Risikoprämie zahlen müssen – oder erst gar nicht versichert werden, weil er ein höheres Risiko für Diabetes oder Depressionen hat. In den USA dürfen Lebensversicherer seit diesem Jahr auch auf Social-Media-Daten zurückgreifen. In den Richtlinien heißt es, dass Algorithmen auf Basis von Kaufhistorie, Social Media, Standort-Tracking, elektronischer Geräte oder Fotos Vorhersagen über den Gesundheitsstatus der Konsumenten treffen können. Ein Versicherter, der mit Bier und Kippe auf seinem Instagram-Profil posiert, könnte zur Kasse gebeten werden.