Mit einfachen Mitteln drehte Werner Herzog seinem neuen Film „Family Romance, LLC“.
Foto: Lena Herzog

BerlinIn seinem neuen Film „Family Romance, LLC“ erzählt Werner Herzog von einer Firma in Japan, die Menschen vermietet. Ob ein Ersatzvater, eine Vertretung im Arbeitsgespräch oder ein Leichendarsteller benötigt wird, bei der Firma, die dem Film auch ihren Titel gegeben hat, gibt es für jeden Anlass einen geeigneten Kandidaten. Das klingt seltsam, entspricht aber der Realität. Der Film ist ein semidokumentarisches Werk geworden. Ein Gespräch mit Herzog über Menschen und Maschinen, seine Haltung zu den sozialen Medien und den Umgang mit Fake News. 

Berliner Zeitung: Herr Herzog, in „Family Romance, LLC“ besucht der Protagonist ein von Robotern betriebenes Hotel und fragt sich, ob diese Maschinen wohl eigene Gedanken haben. Bereits in Ihrem Film „Lo and Behold“ fragten Sie sich, ob das Internet von sich selbst träumt. Was fasziniert Sie an solchen Fragen?

Werner Herzog: Ich hatte mir jahrzehntelang eingeredet, dass der Theoretiker Clausewitz zur napoleonischen Zeit gesagt hatte, dass der Krieg manchmal von sich selbst träumt. Diesen Satz fand ich sehr gut, nur habe ich später herausgefunden, dass er ihn niemals gesagt hat. Ich muss das wohl selbst erfunden haben. Dahingehend habe ich mich gefragt, ob auch das Internet von sich selbst träumt? Das ist eine sehr tiefe, aber genauso mysteriöse Frage.

Und wie würden Sie darauf antworten?

Manchmal reicht es, eine gute Frage zu stellen statt eine gute Antwort zu bekommen.

Was träumt ein Werner-Herzog-Film von sich selbst?

Diese Frage beschäftigt mich auch. Ich glaube, ein Film träumt von so was wie Illumination. Es gibt immer wieder Momente, die einen als Zuschauer ergreifen. Ich rede vom inneren Leuchten. Wenn man sich nicht mehr alleine fühlt. Wenn ein Film das schafft, dann habe ich wirklich alles erreicht.

Seit seiner Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 als Sonderaufführung lief der Film auf mehreren internationalen Festivals.

Video: YouTube

Wie passt Ihr neuer Film „Family Romance, LLC“ dazu?

Das Schöne an meinem Film ist, dass es um tiefe Fragen geht, doch an der Oberfläche ist alles einfach gehalten. Es geht vielmehr darum, wie viel in unserem Leben eine Performance ist. Wenn wir Militärdienst leisten, dann ist das eine Performance. Wenn wir in der Familie anders reden als am Arbeitsplatz, dann ist das eine Performance. Und könnte unsere eigene Familie von irgendjemand gemietet sein, so wie es im Film der Fall ist? Tut sie nur so, als wäre sie unsere Familie? Das ist ein recht aufwühlender Gedanke, den ich in meinem Film untersuche.

Oft wird ja berichtet, dass gerade in Japan auch Roboter als Helfer beispielsweise in Seniorenheimen eingesetzt werden, um älteren Menschen eine Freude zu machen. Ihr Film erzählt dagegen, dass wir immer einen gewissen menschlichen Kontakt brauchen werden.

Aber Roboter werden uns Menschen immer begleiten.

Wie kommen Sie darauf?

Meine Frau hat mal das Massachusetts Institute of Technology besucht, wo mit großem Aufwand an sogenannten Personal-Companion-Computers gearbeitet wird. Das sind ganz flauschige Wesen mit großen Augen, die intelligent sind und eine Riesenanzahl an Gesichtsausdrücken lesen können. Meine Frau war sehr skeptisch und schaute auch so, da sagte ein Roboter zu ihr: „You don’t trust me“ – also: „Sie trauen mir nicht.“ Dann legte er den Kopf charmant zur Seite und konnte sie so für sich gewinnen. Da wird also noch etwas Riesiges auf uns zukommen in den nächsten Jahren.

Zur Person

Werner Herzog (77) ist ein deutscher Regisseur, Produzent, Schauspieler, Synchronsprecher und Schriftsteller. Er zählt zu den bedeutendsten Vertretern des Neuen Deutschen Films und des internationalen Autorenfilms. Legendär ist seine Zusammenarbeit mit dem Exzentriker Klaus Kinski. Über die oftmals schwierige Beziehung der beiden drehte er 1999 den Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“„Family Romance, LLC“ heißt sein neuester Film, der bei dem Autorenfilm-Portal Mubi zu finden ist. Die beschriebene Firma, die Menschen vermietet, die wiederum anderen helfen sollen, gibt es wirklich, es ist aber keine Dokumentation geworden.  

Und was werden die Roboter noch können?

Sie können hilfreich sein. Ein Rollstuhl für querschnittsgelähmte Personen ist etwas Wunderbares. Noch besser sind automatisierte Rollstühle, wo man gar keine Personen zum Schieben braucht. Das ist ein wunderbares, hilfreiches Instrument.

Ihr Film trifft auch den Zeitgeist, was die sozialen Medien angeht. Ob Facebook, Twitter oder Instagram – es gibt viele Fake-Profile von Ihnen im Netz.

Ja, mindestens 30 Fälschungen. Es gab auch mal eine intelligent geschriebene Satire. Ein Brief an meine Putzfrau, in dem ich sie wüst beschimpfte und gehofft habe, dass sie nach El Salvador deportiert werde. Daraufhin erreichten mich Hunderte von Hass-Mails, obwohl klar erkennbar war, dass der Text nicht von mir stammte, denn schon unter der Schlagzeile stand der Name des eigentlichen Autors. Es war wie so oft: Leute lesen eine wilde Überschrift und verstehen den Kontext nicht.

Was ist Ihre Konsequenz?

Solche Erfahrungen möchte ich nicht haben. Ich möchte nicht wochenlang hinter einem Computerbildschirm sitzen und auf Fake News reinfallen. Das kommt dabei raus, wenn Wirklichkeitserfahrungen abwesend sind.

In Ihrem Film gibt es auch eine Szene, in der ein Mädchen von einem Urlaub auf Bali erzählt und Fotos auf ihrem Instagram-Account zeigt, obwohl sie nie auf Bali war. Auch ein Beispiel für ein realitätsfernes Leben von Influencern im Netz?

Deshalb: Ich mache da nicht mit, ich besitze auch kein Smartphone. Ich möchte die Realität anders erleben und nicht per App.

Aber so manche App ist doch nicht schlecht, wenn es beispielsweise um die Orientierung geht.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Als ich den Film geschnitten habe, hat uns eine Freundin des Cutters jeden Tag Croissants und Kaffee vorbeigebracht. Nach dem 30. Mal rief sie verzweifelt an, weil ihr GPS auf dem Handy ausgefallen war und sie uns nicht finden konnte. Dabei war sie nur einen Kilometer entfernt und hat wirklich jeden Tag immer denselben Weg genommen. Sie hätte den Weg eigentlich auch selbst finden können. So eine Erfahrung möchte ich nicht machen. Was mir wichtig ist, erledige ich zu Fuß. Eigentlich ist es egal, wie groß die Distanz ist. Und ein Smartphone besitze ich ja nicht.

Sie leben in den USA, wie informieren Sie sich über Deutschland?

Ich lese viele deutsche Zeitungen und Zeitschriften, um mir ein Bild zu machen. Da wähle ich allerdings digitale Angebote. Außerdem schaue ich gerne Spiele der Fußball-Bundesliga  in voller Länge, auch von Hertha BSC und Union Berlin.

Beide haben die Saison punktgleich beendet.

Wobei mir Union etwas lieber ist.

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