Kleines kostbares Ding: Smartphones könnten sehr hilfreich sein in der Corona-Zeit, wenn sie denn mit den richtigen Apps ausgestattet wären.
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BerlinDas Wort Krise kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und lässt sich ganz gut mit Wendepunkt im Sinne von Zuspitzung übersetzen. Im Chinesischen ist auch eine Chance damit gemeint. Die Europäer haben offensichtlich noch nicht begriffen, welche Möglichkeiten die Corona-Krise bietet bei der Zusammenarbeit – zumindest, wenn es um Fragen der Digitalisierung geht.

Speziell ist die Warn-App gemeint, die helfen soll, Infektionsketten zu unterbrechen. Sie soll Bürger per Bluetooth informieren, wenn eine infizierte Person in den vergangenen zwei Wochen in ihrer Nähe gewesen ist. Schon klar, die Diskussion in den vergangenen Tagen hat gezeigt, dass diese App keine Wunderdinge leisten kann.

Bewusstes und rücksichtsvolles Verhalten auf der Straße und in den Geschäften wird unerlässlich bleiben, aber die App hätte doch dazu beitragen können, dass ängstliche Menschen sich nicht so hilflos gefühlt hätten. Und sie hätte gedankenlose Bürger warnen können, die Ansteckungsgefahr nicht zu unterschätzen.

Aber das von der Bundesregierung unterstützte Projekt ist zunächst krachend gescheitert. Warum es so lange gedauert hat, bis den Entscheidern klar wurde, dass sie mit dem Ansatz der zentralen Datenspeicherung auf dem falschen Weg waren, ist eine der vielen ungeklärten Fragen. Was dieses Malheur auch zeigt: Die Digitalisierung bleibt weiterhin Neuland. In der Vergangenheit galt das Land der Ingenieure als innovationstreibend und sehr kreativ. Nicht nur der Diesel-Skandal hat Zweifel aufkommen lassen, auf welchem Weg wir uns gerade befinden.

Eine Corona-Warn-App, die den europäischen Datenstandards entsprochen hätte, von europäischen Forschern in Teamarbeit entwickelt worden und zur richtigen Zeit in Betrieb gegangen wäre, das hätte ein Signal sein können für europäische Innovationskraft. Aber aus einer von Deutschland aus angestoßenen Gemeinschaftslösung wird so schnell nichts.   

Was die Diskussion um die Warn-App auch zeigt: Schon jetzt sind die Bürger der Europäischen Union auf weltweite Hilfe angewiesen in den großen Digitalfragen. Die meisten Smartphones werden in Asien produziert, die Betreiber der wichtigen Betriebssysteme sitzen in den USA, ohne den guten Willen und die technische Unterstützung von Apple und Google wäre eine Warn-App, wie sie geplant ist, nicht funktionsfähig. Wieder ein Beispiel dafür, was in Europa und auch in der Bundesrepublik in der Vergangenheit alles versäumt worden ist.

Zur Erinnerung: Wenn es um den Ausbau von leistungsstarken Netzen geht, dann ist Huawei ein wichtiger Verhandlungspartner. Und wenn es um Cloud-Computing geht, also einen der treibenden Geschäftsbereiche im Digitalen zurzeit, dann ist allenfalls von SAP die Rede, aber ganz weit vorne sind andere Unternehmen wie Amazon. Wenn jede Krise tatsächlich auch einen Wendepunkt darstellt, dann sollten die Regierungschefs in Europa und die Minister in Deutschland die Digitalisierung endlich als Chance verstehen.

Angefangen in den Schulen, wo es nicht genügt, den Kindern Computer zur Verfügung zu stellen und ihnen Grundwissen im Programmieren beizubringen. Es geht auch darum, dass Schüler Handlungsmethoden erlernen, die in einer digitalen Gesellschaft notwendig sind. Im Bereich Medizin könnte mit dem verantwortungsvollen Erheben und Auswerten von Patientendaten die Forschung vorangetrieben werden, auch in Nicht-Corona-Zeiten. Und Klimaschutz ist in Städten leichter möglich, wenn die auf vernetzte Verkehrslenkung setzen.

Das alles setzt finanzielle Unterstützung voraus, aber auch den Mut in Firmen, Unternehmen und Behörden, nicht nur Programmierer zu fördern, sondern auch die Mitarbeiter, die einen Blick auf Vernetzung, Datensicherheit und Zukunftstechnologien  haben.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat vor nicht allzu langer Zeit Künstliche Intelligenz als die größte Herausforderung seit der Erfindung der Dampfmaschine bezeichnet. Aber da kommt noch viel mehr auf uns zu als nur KI. Hoffentlich ist nicht noch eine Krise notwendig, um das tatsächlich zu verstehen.