Diese Frau hat sein Leben verändert. Torsten Rohde, alleinstehend, 40, in Sachsen-Anhalt zuhause und eigentlich Controller. Als Renate kam, sollte damit bald Schluss sein. Er wusste es nur noch nicht. Alles fing ganz harmlos an: „Guten Tag. Ich heiße Renate Bergmann und bin neu hier. Ich suche nette Damen oder Herren für gemeinsame Unternehmungen. Bitte schreiben Sie.“ Es war der erste Tweet auf Twitter im Januar 2013. Rohde setzte ihn ab und ging schlafen. Am nächsten Tag hatte er hunderte Follower. Auf seinem eigenen Account hat das Jahre gedauert. Er machte weiter. Einfach nur so, aus Spaß.

Anderthalb Jahre später sitzt er als Autor einer Kunstfigur in einem Café in Magdeburg, graues Jacket, grauer Pullover, Jeans, Turnschuhe, auf dem Tisch ist ein Notebook aufgeklappt. Rohde ist im Kopf nicht mehr allein. Die 82-jährige Renate ist ein Teil von ihm geworden. Und nicht nur von ihm. Wenn er morgens nichts twittert, beginnen die Leute, sich Sorgen zu machen. Der Fake-Account dieser schrullig-liebenswerten Rentnerin hat mehr als 23.000 Follower und gerade hat er ein Buch in ihrem Namen geschrieben.

Das Figurenensemble rund um die wohl bekannteste Twitter-Oma Deutschlands, es speist sich nun aus Buch und Netz gleichermaßen. Wie eine Art Hypertext, bloß ohne Links. Da ist Gertrud („ein Pfundskerl“), die beste Freundin, das Rentnerpaar Ilse („eine ganz Liebe“) und Kurt („brummig, aber das meint er nicht so“), mit denen Renate zur Bank fährt und auch sonst überall hin, Neffe Stefan („er arbeitet hier in Berlin, irgendwas mit Computer“), der ihr das Smartphone geschenkt hat, die esoterisch angehauchte Tochter Kirsten („pilgert zur Sinnfindung jedes Jahr“) oder Nachbarin Manja Berber („so eine, die bis in die Puppen schläft“).

Ein Mann mit tausenden Lektoren gleichzeitig

Um die Geschichten weiterzudrehen, nutzt Rohde auch Fundstücke aus dem Netz. Kürzlich teilte er das Video einer Seniorin auf Facebook, die sich einen Eimer Wasser über den Kopf schüttet, für die IceBucketChallenge. Lässig in Dreiviertelhose und T-Shirt. Er hatte dazu geschrieben: „Gertrud macht auch jeden Quatsch mit.“ Darunter sind mehr als 43.000 Likes. Diesen Link hatte ihm jemand geschickt. Der Schwarm im Netz hilft mit. Schon von Beginn an.

„10.000 Follower, das ist ungefähr so als hätten sie 10.000 Lektoren gleichzeitig“, erzählt er lachend und rührt seinen Cappuccino um. Schnell wurde er in den Anfängen bei seinen Tweets korrigiert. Der Mann der Zahlen, "aus der Buchhalterecke", wie er sagt, musste sich dringend die Geschichten hinter den Figuren merken, sie überhaupt erst entwickeln. Jeder Tweet war bis dahin völlig spontan geschrieben.

„Ich konnte aber nicht mehr zurück. Aus einer Laune heraus hatte ich Renate zum Beispiel zur vierfachen Witwe erklärt. Für das Buch musste ich mir überlegen, wie die Männer eigentlich in ihr Leben gepasst haben.“ So kommt es, dass Renate den real existierenden Sozialismus erlebt hat, einer ihrer Verflossenen in Karlshorst auf dem Friedhof liegt, sie selbst aber in Spandau wohnt. Eine gesamtdeutsche Oma sozusagen mit vielen Umzügen.

Das zweite Buch ist schon in Planung

Dass das Buch auf der Spiegel-Bestseller-Liste landet, hätte Rohde nicht erwartet. Da steht es auf Platz 15. Überhaupt war das alles so nicht geplant. Presseanfragen erhielt er schon früh, hatte stets abgelehnt. Er wollte Inkognito bleiben. Eine Berliner Literaturagentur überzeugte ihn schließlich von der Buch-Idee. Dann war es nicht mehr weit, bis die Maske fiel. Das war im Sommer. Seitdem sind erneut tausende neue Follower dazugekommen. Und Renate Bergmann ist weiter einfach Renate Bergmann. Torsten Rohde verschwindet dahinter.

Sie wird geliebt für trockne Sprüche,

tüdelige Anekdoten

und ihre Kommentare zu Welt- und Stadtgeschehen:

Rohde: „Ich spiele mit dem Klischee, das jeder von seiner Oma hat.“ Und das macht er im Netz und im Buch nüchtern und pointenreich mit allen Schikanen vom Leben im Alter, von Vergesslichkeit, dritten Zähnen und Diabetes. Ohne Peinlichkeit oder Fremdschämen. Klischeebeladen zwar, aber stets mit Augenzwinkern und - wie es Klischees an sich haben - immer mit einem Körnchen Wahrheit.

Inspiration holt er sich im Friseursalon einer guten Freundin, mit Notebook auf dem Schoß. Zur besten Rentnerzeit, versteht sich. Auch Bäcker und Supermarkt empfehlen sich. Seine Familie traut sich schon nicht mehr so recht, frei zu sprechen, auch wenn er es ohnehin „noch mal durch den Fleischwolf dreht“, wie er verspricht. Nach dem Erfolg des ersten Buches, arbeitet er jetzt schon am Zweiten. Am liebsten in Parks oder Cafés wie diesem, egal ob in Magdeburg, Genthin oder Berlin. Mittlerweile ist er viel unterwegs.

Seinen Controller-Job hat er Anfang des Jahres aufgegeben. Das war der Moment, in dem Renate Bergmann das Heft für sein Leben komplett in die Hand genommen hat. Die Frau, die gern mal einen Korn hinunterstürzt, lässt eben nichts anbrennen, frei nach dem Motto: