Berlin - Unsere Milchstraße hat Astronomen zufolge über Milliarden Jahre hinweg mehrere große Galaxien geschluckt und ist dadurch deutlich gewachsen. Ein deutsch-britisches Forscherteam hat diesen Ablauf nun anhand sogenannter Kugelsternhaufen in einer Art Stammbaum rekonstruiert. Demzufolge ist unsere Heimatgalaxie im Zeitraum von vor 6 bis 11 Milliarden Jahren mit mindestens fünf großen solchen Sternensystemen verschmolzen, wie ein Team um Diederik Kruijssen von der Uni Heidelberg in den Monthly Notices of the Royal Astronomical Society schreibt.

Dabei konnten die Forscher auch eine bislang unbekannte Verschmelzung mit einer rätselhaften Galaxie aufzeigen, die sie nach den sagenumwobenen Meeresbewohnen „Kraken“ tauften. Der Name soll darauf hinweisen, dass die frühere Galaxie schwer zu identifizieren war und betonen, welche massiven Auswirkungen die Kollision hatte.

In der Milchstraße gibt es rund 150 Kugelsternhaufen, in denen bis zu eine Million Sterne auf bestimmte Weise angeordnet sind. Einige dieser Haufen entstanden innerhalb der Milchstraße. Andere stammen Kruijssen zufolge aus Galaxien, die sich die Milchstraße mit der Zeit einverleibt hat.

Wenn zwei Galaxien miteinander verschmelzen, werden ihre Kugelsternhaufen vereinfach gesagt durcheinandergewirbelt. Deshalb ist es für Astronomen relativ schwer, zu bestimmen, welche Haufen früher gemeinsam eine eigene Galaxie bildeten. Bislang hatten Astronomen vier frühere Galaxien identifiziert, die mit der Milchstraße verschmolzen sind, wie Kruijssen erklärt.

Der Forscher und sein Team zeichnen nun ein noch genaueres Bild. Sie machten sich unter anderem das Weltraumteleskop Gaia der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) zunutze, das die dreidimensionale Position und Bewegung von Sternen und Kugelsternhaufen misst. Obwohl die Haufen innerhalb der Milchstraße verstreut sind, lassen sie sich aufgrund ihrer spezifischen Bewegungen innerhalb der Milchstraße, ihres Entstehungsalters und ihrer chemischen Zusammensetzung einer gemeinsamen Vorläufer-Galaxie zuweisen.

Die Forscher analysierten diese Daten mit Hilfe künstlicher Intelligenz, die sie zuvor anhand der Ergebnisse aufwendiger Computersimulationen zur Entstehung von Galaxien wie der Milchstraße trainiert hatten. Dadurch konnten sie relativ genau bestimmen, welche Masse eine Vorläufer-Galaxie hatte und wann sie mit der Milchstraße kollidierte. Neben den vier bereits bekannten Galaxien fanden sie Hinweise auf die nun identifizierte.

So verschmolz Kraken vor etwa 11 Milliarden Jahren mit der damals noch jungen Milchstraße. Damals hatte unsere Galaxie den Forschern zufolge nur etwa ein Zwanzigstel der heutigen Masse. Dadurch hatte die Kollision einen besonders starken Effekt. Insgesamt verleibte sich die Milchstraße demnach fünf große Galaxien mit jeweils mehr als 100 Millionen Sternen ein, hinzu kommen rund 10 kleinere mit jeweils mindestens 10 Millionen Sternen. (dpa/fwt)