Berlin - Der Aufstieg der Figur des Hackers war lang und beschwerlich. Heute kennt ihn jeder Mensch, wenn sie oder er im Online-Duden nachschlägt: Das Wort ist maskulin und bezeichnet schlicht und lakonisch „jemanden, der hackt“. Das war 1977 ganz anders. Im Duden findet sich die Eintragung: „1.) Arbeiter im Weinberg, der Boden lockert 2.) grob unfairer, rücksichtsloser Spieler einer Dorfmannschaft“. Erst im Duden von 1986 wurde es besser: „jmd., der ständig neue Computerprogramme ausarbeitet oder ausprobiert oder sich mit seinem Heimcomputer Zugang zu fremden Computersystemen zu verschaffen versucht“.

Wahlweise kann man den Chaos Computer Club mit seinem Btx-Hack oder den Film „War Games“ für diesen Bedeutungswandel verantwortlich machen. Nun ist ein Buch erschienen, dass sich mit den Hackerkulturen in der BRD und der DDR befasst. Es wirft die Frage auf, ob es in der DDR Hacker gab, abseits des Fleischhackers, den das DDR-Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache aufführte.

Wallstein
Das Buch

Die Autorin Julia Gül Erdogan studierte Geschichte und Germanistik in Düsseldorf und Bochum. 2014 trat sie eine Stelle am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam im Projekt „Aufbrüche in die Digitale Gesellschaft. Computerisierung und soziale Ordnungen in der Bundesrepublik und DDR“ an. Das Buch basiert auf ihrer Dissertation „Avantgarde der Computernutzung: Hackerkulturen der Bundesrepublik und DDR“. Das Werk ist bei Wallstein erschienen. Es hat 392 Seite und kostet 34 Euro.

Unter dem Titel Avantgarde der Computernutzung. Hackerkulturen der Bundesrepublik und der DDR führt die Dissertation von Julia Gül Erdogan aus, dass es in beiden deutschen Teilstaaten Hacker gab, die sich der „sub- und gegenkulturellen Computernutzung“ hingaben. Die jungen Männer werden als „schillernde Vorreiter des Informationszeitalters“ idealisiert. Schon das Titelbild des Buches parallelisiert die Computernutzung in beiden deutschen Staaten. Oben sieht man Reinhard Schrutzki, Wau Holland und den telefonierenden Steffen Wernéry, die Gründungs- und ersten Vorstandsmitglieder des Chaos Computer Clubs, aufgenommen zur Zeit des legendären Nasa-Hacks im Jahr 1987. Unten sieht man Stefan Paubel, der in den Achtziger-Jahren den Computerklub im 1986 eröffneten „Haus der jungen Talente“ in Berlin leitete, umringt von einer Horde Jungmänner, die interessiert zwei Monitore betrachten, auf denen offenbar Computerspiele laufen.

„Durch ihre Grenzüberschreitungen zeigten sie dabei Chancen und Risiken der Digitalisierung auf“

Auch die Buchwerbung betont die Gemeinsamkeiten: „Hacker und Haecksen zählen zur Avantgarde der Computerisierung. Seit den späten 1970er-Jahren bildeten sie sich in der Bundesrepublik und in der DDR zu eigensinnigen Computernutzer:Innen mit einschlägigem Wissen heraus. Sie eigneten sich das Medium spielerisch an, schufen Kontakträume und brachten sich so aktiv in den Prozess der Computerisierung ein. Durch ihre Grenzüberschreitungen zeigten sie dabei Chancen und Risiken der Digitalisierung auf.“

Ganz sicher verstanden sich die Mitglieder des CCC als kritische Computernutzer. In einem Text über die „Freaks im Osten“ beschrieb René Meyer vor zwei Jahren, wie in der DDR zahlreiche Computervereine gegründet wurden, aber unter die staatlicher Kontrolle standen. Dazu gab es zahlreiche Auszeichnungen auf Jugendcomputerolympiaden zu gewinnen, die in Computerkabinetten (Rechnerräume) stattfanden. Parallel zu den Klubs mit DDR-Rechnern gab es Gruppierungen, die sich auf Westrechner konzentrierten. Der Staat zeigte sich offen für solche Vereinigungen; vielleicht weil ihm klar war, dass die DDR nicht genug Computer fertigen konnte, um alle Haushalte auszustatten: Während allein vom C64 in der Bundesrepublik drei Millionen Stück verkauft wurden, lag die Gesamtproduktion aller DDR-Kleincomputer bei lediglich mehreren zehntausend Geräten. Sie gingen in Schulen, Betriebe und Freizeiteinrichtungen und gelangten kaum in den freien Handel.

In diesem Rahmen entwickelte sich der 1986 gegründete Computerclub im Haus der jungen Talente, der von Hunderten junger Freaks besucht wurde. „Die Besonderheit: Der Klub war nicht mit den typischen Kleincomputern aus der DDR ausgerüstet, Leiter Stefan Paubel setzte auf Geräte aus dem Westen – er wollte den aktuellen Stand der Technik demonstrieren. Programme wurden unter der Hand getauscht. /.../ Was im Westen schon damals Abmahnanwälte auf den Plan brachte, interessierte in der DDR höchstens das Finanzamt; ‚Raubkopien‘ gab es nicht.“ Immerhin war die Stasi daran interessiert, was im Computerklub so gespielt wurde. Sie legte eine Liste der erlaubten und indizierten Spiele mit teils abenteuerlichen Übersetzungen an: Aus Superbowl wurde Riesenschüssel, aus dem Computerspiel-Titel „Samantha Fox Strip Poker“ machten die Staatssicherer den Samantha Fuchs-Entkleidungspoker.

Julia Gül Erdogan schreibt dazu, die Tauschpraxis in Ost und West vergleichend: „Beidseitig der Mauer gab es eine Praktik unter Jugendlichen, verfügbare Spiele zu knacken und diese zu verbreiten, wobei eine finanzielle Bereicherung dabei unerwünscht war. Die Duldung des Staates war in Bezug auf diese Praxis jedoch sehr verschieden, da in der Bundesrepublik Cracker von der Polizei und Justiz auf das Schärfste verfolgt wurden, während sich die DDR lediglich gegen die Gefahren von Viren wehrten, die durch nicht lizensierte Programme in Umlauf gebracht werden konnten.“ Die Informatik-Abteilung der Zentralen Arbeitsgruppe Geheimnisschutz beim Ministerrat warnte 1988 vor den Viren, die die Planwirtschaft schädigen konnten.

Bleibt die Frage nach der spezifischen ostdeutschen Hackerkultur. In ihrem Buch beschreibt Julia Gül Erdogan den ersten Kontaktaufruf des CCC mit den Computerfreunden in der DDR sehr euphorisch. Anlässlich eines Hackertreffens mit den Grünen in Straßburg erschien 1985 in der Datenschleuder 14, dem Magazin des CCC, die gemeinsam von CCC und der Bayerischen Hackerpost (BHP) verfasste europäische Resolution „The Kids can't wait – Youngsters without means – what a future“. In ihr wurde die DDR zum Vorzeigestaat stilisiert. Für die Autorin sahen Hacker in Ost wie West kritisch auf die „festgefahrenen Strukturen der Erwachsenenwelt“ und so folgert sie: „Anhand der Hackerkulturen wird deutlich, dass der generationelle Aspekt eine über die nationale Gesellschaften hinausgehende globale Dimension hatte.“

Befragt man Hans Franke, der heute das Computeum in Vilshofen aufbaut und damals als Vertreter der BHP am Text der „Straßburger Resolution“ mitwerkelte, stellte sich die Situation so dar: „Wenn ich mich recht erinnere, war das mit der DDR auf zwei Ebenen gedacht. Zuvorderst war die DDR damals immer und überall der beste Kontrapunkt, den man setzen konnte, im Guten wie Schlechten (oder Bösen). Zum Anderen ging es um Möglichkeiten, die man sich wünschte und die in mancher Weise in der DDR verwirklicht waren. Der zweite Punkt war aber, dass wir durchaus von dem, was man aus der DDR zum Thema Computer hörte, beeindruckt waren. Dort gab es ein recht ausgefeiltes System der Kinder und Jugendbetreuung. Ein Angebot, das es erlaubte, auch Computer zu benutzen, zu bespielen, zu lernen, zu hacken halt, auch ohne einen Computer zu besitzen. Letzteres war auch ein Problem im Westen. Computer mögen ja überall verfügbar gewesen sein, anders als in der DDR, aber sie waren nicht nur Privatbesitz, sondern eben auch teuer. Sehr teuer.“

Paubel: „Bei uns stand die Hardware im Vordergrund“

Und wie war das nun mit den Hackern in DDR? Frage der Berliner Zeitung an Stefan Paubel, den Leiter des Computerclubs. „Eine schöne These“, antwortet er zur Hackerszene in der DDR. „Kaum jemand hatte Telefon, noch weniger Zugang zur Datenübertragung. Wenn man das als Voraussetzung fürs Hacken nimmt, dann war da nichts möglich, aber wer weiß? Mir gefällt es, dass man das Buch zum Anlass nimmt, darüber zu diskutieren.“ Und während Hans Franke aus westdeutscher Sicht an die hohen Preise für die Computer erinnert, beschreibt Paubel den Blick in der DDR auf die Geräte. „Bei uns stand die Hardware im Vordergrund, die Rechner waren interessant für uns. Wir wollten genau wissen, wie was funktionierte. Das war im Westen nicht so spannend, da war ja alles da, da gab es leistungsfähige Geräte in den Geschäften zu kaufen. Wir mussten an Einzelteile herankommen, dann wurde gefriemelt und gefrickelt. Das war eine ganz andere Herangehensweise, eine ganz andere Mentalität.“

Ein Großteil des Textes ist vorher bei heise.de erschienen.