Glückliches Kind, gestresste Mutter – manchmal ist es in Familien auch umgekehrt, wenn Eltern viel Zeit mit dem Smartphone verbringen. 
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BerlinSo praktisch und komfortabel das Netz auch ist – das Internet ist leider auch Quelle aller möglichen Ängste, Verunsicherungen, Lügen und Fake News. Die vergangenen Monate haben wieder sehr deutlich gezeigt, dass das Netz nicht immer zur Orientierung, sondern oft auch zur Desorientierung beiträgt. Nicht wenigen Nutzern macht das Angst.

Wenn es um die Zukunft und technische Entwicklungen geht, sind viele Menschen eher skeptisch: Zwar sagen laut einer Umfrage 61 Prozent der Deutschen selbstbewusst, dass sie keine Angst vor neuer Technik haben. Doch die Debatten um Datenklau, Computerhacking und andere Themen zeigen eher: Viele Menschen blicken eben doch kritisch bis ängstlich auf Entwicklungen im Netz. „Mythen, Visionen und Dystopien – wie digitale Ängste unsere Gesellschaft beeinflussen“ hieß deshalb auch eine Tagung der Vereine Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen und Multimedia-Anbieter in Berlin.

Problematische technische Entwicklung

Julia Kloiber ist Gründerin des feministischen ThinkTanks SuperrrLab und Netztheoretikerin. Sie sagte währed der Tagung, dass ein bisschen Skepsis gut sei, man dürfe sich aber neuen Entwicklungen nicht verschließen: „Es ist eine Aufgabe der Gemeinschaft, darauf zu achten, dass Technologie für viele entwickelt wird und nicht nur für eine bestimmte Gruppe. Ich sehe eine Gefahr, dass Eliten sich bestimmte Dinge ausdenken, die dann Teile der Bevölkerung vergessen.“ Wenn der neue Messengerdienst TikTok manche Nutzer wie Übergewichtige oder Menschen mit Beeinträchtigungen ausschließt, wie kürzlich bekannt wurde, oder Gesichtserkennungssoftware manche Menschen nicht erkennt, dann sei das eine problematische technische Entwicklung, sagte Kloiber.

Cyber-Mobbing und Internet-Sucht

Mehr noch als erwachsene Nutzer sind Kinder und Jugendliche von den Auswirkungen der modernen Technik betroffen, denn sie nutzen   Apps, Websites und Dienste oft sehr früh und manchmal auch unbedarft. Lennart Sörnsen ist Referent und Pressesprecher bei Juuuport, einem Selbsthilfe-Netzwerk für Kinder und Jugendliche, die Stress wegen Cyber-Mobbing haben oder spiel- und internetsüchtig sind. Sörnsen sagt, dass die Probleme, die im Netz aufkommen können, vielfältig sind, etwa wenn es ums Mobbing geht: „Das Gefühl ausgegrenzt zu werden, wird potenziert durch soziale Medien. Mobbing wird noch extremer dadurch, dass Kinder nicht nur in der Schule gemobbt werden können.“ Was nach dazukommt: Auch wenn die Kinder nach Hause kommen, kann das Schikanieren weitergehen, etwa bei WhatsApp im Klassenchat. Dann haben die Gemobbten keinen Rückzugsort mehr, so Sörnsens Erkenntnis.

Das Phänomen „Fomo“: „Fear of missing out“

Ein Problem von Social Media und digitalen Medien sei eben auch die totale Beschleunigung, erklärte Sörnsen und das Phänomen, das sich im Englischen „Fomo“ nennt, „Fear of missing out“, die Angst, etwas zu verpassen. Gerade Jugendliche wollen immer überall dabei sein. Das hat Folgen. In bestimmten Altersguppen erhält ein Jugendlicher   bis zu 1000 WhatsApp-Nachrichten pro Tag. Wie damit umgehen? Eltern machen sich schnell Sorgen um ihre Kinder, auch wenn sie hören, wie missbräuchlich die sozialen Medien genutzt werden.

Selbstreflexion ist der beste Weg

Antonia Köster, die für die Universität Potsdam eine Forschung zur Internet- und Handynutzung von Jugendlichen betreut hat, wünschte, dass Eltern selbst Vorbilder sein sollten. Sie beobachtete aber das Gegenteil und berichtete davon, dass viele Eltern auch zugegeben hätten, dass sie Freiräume erhielten, wenn das Kind mit dem Smartphone spielt. Dann hätten sie endlich Zeit, Dinge im Haushalt zu erledigen. Ihr Rat: Selbstreflexion.

Stundenlang im Netz

2,4 Stunden verbringen 9- bis 17-Jährige durchschnittlich pro Tag im Netz, am Wochenende ist die Verweildauer noch länger. Das ergab eine im September veröffentlichte Studie.
1044 Kinder und jeweils ein Elternteil wurden befragt. 28 Prozent der ausgewählten Schüler gaben an, dass sie schon mehrmals erfolgreich versucht hätten, die Nutzungszeit zu reduzieren.
88 Prozent der Jugendlichen nutzen ihr Smartphone für Musikstreaming,  87 Prozent schauen Videos. Nahezu jedes Kind in Deutschland hat Zugriff auf die modernen Geräte.  

Der Wunsch nach mehr Wissen um Technik, Internetanwendungen und Apps sollte auch bei Erwachsenen vorhanden sein, riet Antonia Köster. Wer sich besser auskenne, habe weniger Angst vor neuen Anwendungen. Und kann mit anderen Eltern sprechen, um die Gefahren besser einschätzen und gemeinsame Strategien entwickeln zu können.