Offene Daten bieten großes Potenzial.
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Berlin Die Plattform „Berlin gießt den Kiez“* ist ein Beispiel für die Nutzung von Behördendaten. Wer sich registriert und mitmacht, kann sich über die Bäume in seiner Nachbarschaft und ihren Wasserbedarf informieren. Er kann die Bäume bewässern und das mitteilen, damit andere Nachbarn wissen, was sie noch tun können. Voraussetzung für das Projekt war eine detaillierte Übersicht der städtischen Baumbestände, Baumkataster genannt, in den Kiezen und Straßen. 

„Open Data“ heißt der Fachbegriff dazu. Andere Städte sind bei dem Thema längst weiter, aber immerhin kommt die Hauptstadt auch in Bewegung. Die EU-Kommission ist in diesem Bereich ein wesentlicher Treiber. In Berlin sollen die Daten der Verwaltung in Zukunft in größerem Maße für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine entsprechende Verordnung soll im Senat am Dienstag verabschiedet werden. „Daten sind Antreiber der Wirtschaft im digitalen Zeitalter. Sie können dabei helfen, die Stadt besser zu verstehen, neue Dienste zu entwickeln und Geschäftsideen zu initiieren“, erklärte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne).

Das Beispiel mit dem Gießen der Bäume zeigt, welches Potenzial die Daten der Senatsverwaltung haben. Die Bürger können konkret mitmachen, und weil gleichzeitig Wetterdaten erfasst und ausgewertet werden, lässt sich auch erkennen, wie es den Bäumen geht. Bürger haben die Möglichkeit, Patenschaften zu übernehmen, und können leicht herausfinden, welche Baumart vor dem Haus steht. Langfristig wird sich dann zeigen, wie erfolgreich das Projekt war. Auch das sollen die Daten hergeben.

Daten sinnvoll zu kombinieren, kann auch in anderen Bereichen helfen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung erstellte vor vier Jahren eine Studie dazu und kam zu der Erkenntnis, dass der volkswirtschaftliche Wert offener Daten aus der öffentlichen Verwaltung jährlich einen Wert von 43,1 Milliarden Euro hat. Datenschützer haben bei diesem Thema übrigens wenig Bedenken, weil es um anonymisierte und keinesfalls personalisierte Daten gehen soll. Es geht also nicht um noch mehr Überwachungskameras in der Stadt. „Es geht um das Wohl der Allgemeinheit“, sagt der Jurist und Vorstand der Stiftung Datenschutz, Frederick Richter. Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, ergänzt: „Es geht um Offenheit und nicht um Überwachung.“

Es ist allerdings nicht so, dass die Berliner Verwaltung bisher noch keine Daten bereitgestellt hat. Auf der Webseite daten.berlin.de sind 2253 Datensätze in 22 Kategorien zu finden. Wer die Seite aufruft, findet zuerst die Zahl der Altglascontainer (348), die Zahl der Buchungen, die in einem Bezirk bei den Behörden pro Tag durchgeführt werden (210) und die Zahl der Wochen- und Trödelmärkte (185). Die Auswahl macht deutlich, wie vielfältig Datensätze einer Weltstadt sind. In der Vergangenheit war es aber so, dass diese Informationen eher nach Lust und Laune ins Netz gestellt worden sind, die Verordnung sieht nun vor, dass Datenbestände in einem zentralen Portal offen bereitzustellen sind. 

In Zukunft sind viele Anwendungen denkbar, es kann dabei um den Aspekt „Klimaschutz“ gehen, wenn Verkehrsströme genau analysiert und ausgewertet werden können. Oder auch um Sicherheit und Orientierung, wenn beispielsweise Zahlen über die Nutzung von S- und U-Bahnen zu gewissen Tageszeiten untersucht werden. Oder auch um Gesundheit. Zimmer stellte in der Bewertung der Qualität der Daten zwei zentrale Fragen: Was hat der Bürger davon? Und wie lässt sich die Lebensqualität steigern?

Zimmer nennt in diesem Zusammenhang auch die Corona-Warn-App. Sie kann nur gut funktionieren, wenn Bürger das Vertrauen haben, dass mit ihren Daten verantwortungsvoll umgegangen wird. Und diese Daten dann genutzt werden, um den Menschen zu helfen. Bei der Warn-App geht es darum, die Infektionsketten zu unterbrechen. Die Zahl der Mitmachenden übersteigt die Erwartungen etlicher Experten.

Pencho Kuzev, Daten-Experte bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, weist auf einen anderen Aspekt hin: den Wettbewerb im Umgang mit den Daten. Es sei zwar unternehmerisch verständlich, Investitionskosten möglichst gut abzusichern und daher auch den Datenzugang für Wettbewerber möglichst begrenzen zu wollen. Zunehmend außer Acht gerate dabei aber die öffentliche Zweckbindung. Diese kann im Datenzeitalter gerade darin liegen, Daten zu veröffentlichen und damit datengetriebene Wirtschaftsförderung zu betreiben. 

Bei den Diskussionen um Datenanalyse, Datenstrategien und Datenleistungen geht aber manchmal der Sinn für das Realistische verloren. So wollte Google mit seinem Unternehmen Sidewalk Labs in Toronto eine Modellsiedlung entstehen lassen: Bewohner sollten in luftigen Holz-Lofts wohnen, eine spezielle Regenmantel-Hülle die Fußgänger vor Niederschlag schützen, Radfahrer auf beheizten Radwegen fahren. Doch bevor die ersten Bagger rollen konnten, ist das urbane Experiment Geschichte. Wie Unternehmenschef Daniel Doctoroff auf dem Portal Medium vor einigen Monaten mitteilte, wird das Projekt eingestellt. Der Grund seien vor allem zu hohe Kosten gewesen.

*Text ist am 8. Juli aktualisiert worden, es fehlten Verlinkungen und der richtige Titel „Berlin gießt den Kiez“.