Ein Fahrzeug von Google Maps mit einer 360-Grad Kamera auf dem Dach fährt über die Autobahn A2.
Foto: dpa/Julian Stratenschult

Mountain ViewNach den Nachrichten folgt beim Deutschlandfunk immer der Verkehrshinweis. Erst die Orientierungshilfe zur Lage der Welt, dann der Bericht von den Straßen. So war das seit Jahrzehnten eingeübt bei dem Radiosender. Und nur der Deutschlandfunk lieferte eine bundesweite Auswahl, anders als die Regionalsender. Aber seit ein paar Tagen, genau seit dem 1. Februar, ist das anders. Die Hinweise auf Staus und zäh fließenden Verkehr am Kamener Kreuz, in Erlangen-Frauenaurach oder zwischen Königslutter und Helmstedt-West gibt es nicht mehr. Woran das liegt? 

Foto: dpa/Armin Weigel
Entwicklung von Google Maps

Angebot: Der Kartendienst von Google  ging am 8. Februar 2008 online, also am Sonnabend vor  genau 15 Jahren. Die Manager des Unternehmens kauften die Fachkenntnis von kleinen Start-ups ein. 
Alternative: Ähnlich wie beim weltgrößten Lexikon Wikipedia vermessen rund eine Millionen Freiwillige in der OpenStreetMap die Landschaft. Vor allem in Städten ist OSM oft präziser als klassische Angebote. 
Angst: Google Maps und andere Anbieter funktionieren  präzise, wenn der Nutzer ihre Daten freigeben. Nicht nur für die Aufklärung von Verbrechen haben Ermittler und Geheimdienste ein Interesse an solchen Daten. 

Es seien vor allem Angebote wie Google Maps, die den Ausschlag für die Entscheidung gegeben hätten, teilte die Programmdirektion mit. Bei Google wird der Verkehrsfluss in Echtzeit angezeigt und die exakte Wartezeit in Minuten angegeben. „Wir haben es meist bei der Angabe der Staulänge belassen, weil es klassischer ist“, sagte Gert Daaßen, Chefsprecher beim Deutschlandfunk, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Praktisch und zeitgemäß ist das eben nicht, urteilte das Blatt. Das Ende der Verkehrsnachrichten beim Deutschlandfunk ist wieder ein Beispiel dafür, wie die Digitalisierung alles aus dem Weg räumt, was nicht mehr zeitgemäß ist.

Kontakt zu Behörden

Der Kartendienst aus dem Silicon Valley ging am 8. Februar 2008 online, also am Sonnabend vor  genau 15 Jahren. Die Manager des Unternehmens kauften die Fachkenntnis ein. Bei der Firma Where2-Technologies hatten die Brüder Lars und Jens Rasmussen die Idee, für Routenanweisungen Karten auf dem Computerbildschirm nachzubilden. Und das Start-up Zipdash besorgte sich Verkehrsdaten, um voraussichtliche Ankunftszeiten und Verzögerungen auf der Strecke anzuzeigen. Alles bekannte Funktionen heutiger Karten.

Viele Kartenanbieter auf dem Markt

Google Maps wurden schnell zu den meistbenutzten Karten auf dem Computerbildschirm. Die Wettbewerber reagierten: Nokia, damals noch der weltweit führende Handyhersteller, kaufte 2007 den Kartenanbieter Navteq. Die großen deutschen Autobauer Audi, BMW und Daimler profitieren bei ihren Navigationssystemen heute von dieser Technik. Google ging bald dazu über, auch eigene Kartendaten mit Kamerafahrzeugen zu sammeln. Daraus ging auch der Dienst Street View mit Fotos von Straßenzügen hervor. In Deutschland gab es allerdings Widerstand. Datenschützer sorgten dafür, dass Bürger, Firmen und Organisationen die Straßenaufnahmen ihrer Häuser verpixeln lassen konnten. Zwar sind seit August 2017 Kamerafahrzeuge von Google wieder unterwegs, aber die Aufnahmen dienen nur der Aktualisierung der Daten.

Die Hersteller der faltbaren Falk-Pläne, ohne die in den 90er-Jahren kaum ein Tourist oder Ortsfremder auskam, setzten früher auf den engen Kontakt zu Baubehörden und Gemeinden, um präzise und aktuelle Karten erstellen zu können. Heute gibt es das Angebot digital, der Verlag setzt auf seine Vielfalt aus Stadtplänen, Rad- und Wanderkarten sowie Straßenkarten und Weltkarten. Zum Service gehören heute nicht nur die Berechnung der Route in Zeit und Kilometer, das Angebot von Alternativstrecken, sondern auch Empfehlungen für bemerkenswerte Orte auf dem Weg zum Ziel wie Sehenswürdigkeiten, Cafés oder Unternehmen.  

Karten als Werbeplattform

Für Google sind die Karten so auch zu einer  Werbeplattform geworden. Wer einen sogenannten „Promoted Pin“ für sein Geschäft haben will, muss dafür zahlen. 2021 könnten die Erlöse weltweit bis zu 3,6 Milliarden Dollar einbringen, schätzte Analyst Mark Mahaney von der Bank RBC. Nicht immer sind die Angaben aber auch wirklich zuverlässig. Wer Ortskenntnis – gerade in Berlin – besitzt, findet oft kürzere Strecken als die von Google vorgeschlagenen. Und manchmal müssen Autofahrer ihre Fahrzeuge auch auf unfreundliche Weise durch den Verkehr manövrieren, wenn sie beispielsweise im Bereich „Unter den Eichen“ auf der A103 Richtung Zehlendorf unterwegs sind, wie uns ein Verkehrsteilnehmer bei Facebook schrieb.   

Verstehen, Navigieren und Finden

Aber was macht eigentlich eine gute Straßenkarte aus? „Die Karten wurden und werden aus unterschiedlichen Gründen geschaffen. Es geht um Verstehen, Navigieren und Finden. Wenn die Karten ihren Zweck erfüllen, dann sind sie gut“, sagt der Berliner Alessio Leonardi, der als Professor für Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim lehrt. Er rät, die Welt weiterhin als Ganzes zu sehen, nicht nur unser kleines sichtbares Umfeld. Denn: „Alles was wir hier tun, hat globale Konsequenzen. Da haben Weltkarten uns noch viel zu erzählen und können uns helfen, komplizierte Probleme wie den Klimawandel zu verstehen und vielleicht zu lösen.“