Dieser Kühlschrank funktioniert ohne Strom

Deutsche Haushalte haben im Durchschnitt knapp zwei Kühlschränke. Stecker rein und das Elektrogerät surrt brav in der Küche vor sich hin. Ist ja kein Problem, denn Strom ist in den Industrienationen überall und jederzeit verfügbar. Dass der Kühlschrank dabei zu den größten Stromfressern in deutschen Haushalten zählt und damit höchst unökologisch ist, gerät dabei schnell in Vergessenheit. Aber Umweltschutz kommt auch aus Berlin. Julia Römer studierte an der Technischen Universität (TUB) Wirtschaftsingenieurwesen und beschäftigte sich früh mit dem Thema „nachhaltige Kühlung“.

Zunächst wollte Römer einen klimafreundlichen Kühlschrank bauen, der sich in heimische Küchen einbauen und verkaufen ließe. Allerdings wollte Römer nicht irgendeinen Kühler, sondern einen, der völlig ohne Strom auskommt. Und so paradox es klingen mag: Sie wollte einen, der mit Wärme funktioniert. Kühlen mit Wärme? Das geht? „Klar“, sagt die Berlinerin enthusiastisch, „wir produzieren in westlichen Industrienationen so viel Abwärme, die wir nicht nutzen. Das wollte ich ändern.“

Vielfach wurde sie zunächst belächelt, doch der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Denn: „Eigentlich ist die Technologie gar nicht neu“, erzählt sie, „sie wurde nur nie mehr richtig vorangetrieben, nachdem Strom flächendeckend verfügbar gemacht wurde“.

Das Prinzip nachdem der Kühlschrank funktioniert kennt jeder

Die 32-Jährige baute also einen Prototypen, um zunächst zu beweisen, dass die bislang nur für Großkühlanlagen eingesetzte Technologie auch in einem kleinen Schrank funktioniert. Erste Ergebnisse waren erfolgversprechend. In der Folge gründete sie mit fünf weiteren Kollegen das Unternehmen Coolar, ein Startup, das nun nachhaltige Kühlschränke baut.

Und wie funktioniert der Kühlschrank? Das Team um Coolar macht sich das Prinzip der Verdunstungskühlung (Achtung: Physik!) zu Nutze. Dieses Prinzip kennt jeder, beispielsweise nach einem Bad im Meer. Man friert, weil das Wasser auf der Haut verdunstet, dadurch entsteht Kälte und das Gänsehautgefühl. „Diesen Effekt nutzen wir und haben einen Verdampfer eingebaut. Kleine Glaskügelchen, Silica-Kieselgel, ziehen den Wasserdampf an und die Kälte entsteht. Außerhalb des Kühlschrankes werden die Kügelchen wieder erhitzt, Wasserdampf wird wieder zu Wasser und fließt zurück – und der Kreislauf beginnt von Neuem“, erklärt sie, nicht zum ersten Mal – das merkt man.

Bis heute finanziert sich das Unternehmen über Einnahmen durch die Teilnahme an Wettbewerben, die sie tatsächlich sehr oft gewinnen. Zudem werden sie in Accelerator-Programme, die Start-ups mit Mentoring, Coworking-Spaces und Investitionen unterstützen, aufgenommen, weil ihre Idee gut ankommt.

Das Team konzentriert sich auf den Verkauf in Entwicklungsländer

Gleichzeitig nutzt Coolar für seine Innovation weiterhin kostengünstig Räume der TU. Jetzt steht in einem dunklen Raum der erste funktionierende Schrank, der beinahe so aussieht wie ein gewöhnliches Kühlgerät in der heimischen Küche. Dennoch wird sich der umweltfreundliche Kühlschrank auch mittelfristig weder bei Media Markt noch bei Saturn finden lassen. Grund: Für den heimischen Markt ist das Gerät noch zu unwirtschaftlich.

Vielmehr konzentrierte sich das Team schon früh nach Gründung auf den Bau und den Verkauf der Geräte in Entwicklungs- und Schwellenländern. „Bislang wird dort vor Ort entweder mit Batterien oder über Öl-Generatoren gekühlt. Das ist nicht nur schädlich für die Umwelt, vor allem aber fallen diese Dinger ständig aus“, weiß Römer, „dadurch werden in Krankenhäusern Medikamente unbrauchbar“, sagt sie. Bis zu 75 Prozent der Impfstoffe müssen in diesen Ländern wegen unzureichender Kühlung weggeworfen werden – eine Katastrophe für die Menschen vor Ort.

Der Plan ist, die Kühlschränke künftig an Krankenhäuser in Regionen zu verkaufen, die kaum oder keinen Zugang zu Strom haben. Gleichzeitig will das Team jeweils vor Ort die notwendige Infrastruktur schaffen, um die Geräte mit einheimischen Handwerkern bauen zu können. „Das rettet nicht nur Leben, sondern schafft gleichzeitig benötigte Arbeitsplätze“, sagt Römer.