Vor mehr als zehn Jahren, so um 2007 herum, habe ich mir ein Facebook-Profil angelegt. Damals hat sich die Plattform noch wie ein Dorf angefühlt. Man hatte vielleicht hundert Freunde und postete Abitur-Fotos. Von Selfies keine Spur. Wir vernetzten uns in der virtuellen Welt miteinander, es fühlte sich gut an, eine ganze Weile lang.

Irgendwann, womöglich als die Menschen angefangen haben, vermehrt Facebook auf ihrem Smartphone aufzurufen, hat sich das verändert. Jeder Menschen, den man von früher kannte, schickte eine Freundschaftsanfrage, die man widerwillig annahm. Das Dorf wurde zur Stadt, dann zur Metropole.

Die Einmal-täglich-Diät

Mein Newsfeed begann, sich mit Inhalt zu füllen, der mich nicht interessierte. Die Selbstinszenierung wuchs. Schaut her, was habe ich für eine tolle Hochzeit gehabt. Und einen noch schöneren Urlaub. Ein oder zwei virtuelle Freunde, die sich außerhalb meines linksliberalen Realitätstunnels bewegen, posteten dubiose politische Inhalte. Andere Kontakte aus der Uni-Zeit benutzten soziale Medien um 200 bis 300 Likes über ihre Depression zu generieren. „Solidarität!“, stand mit einer großen Faust darunter. Ich fing an, mir Fragen zu stellen. Soll das den Effekt einer realen Umarmung ersetzen?

Mein Versuch, den Algorithmus („Weniger von dieser Person sehen“) zu nutzen, funktionierte nicht richtig. Ich lag meinem Mann öfters mit Kommentaren in den Ohren, was diese oder jene Person schon wieder Nerviges gepostet habe. Öfters ertappte ich mich dabei, das Profil von jemandem anzuschauen, mit dem ich seit Jahren nichts zu tun hatte. Ein beklemmendes Suchtverhalten begann sich an die Facebook-Nutzung zu knüpfen. Ich beobachtete es auch zunehmend bei meinen Freunden. Selbst postete ich immer weniger. Weil ich keine Lust hatte, selbstbestätigende Likes zu zählen. Und weil ich denke, dass mein Leben auch existiert, wenn ich es virtuell nicht abbilde.

Ich will nicht alles schwarzmalen. Facebook hat großen Recherchewert. Als Journalistin hatte ich viele Social-Media-Kanäle abonniert: Tageszeitungen, Magazine, öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Ich fand Veranstaltungen, über die ich schreiben konnte. Ich scrollte täglich mindestens eine halbe Stunde, oft eine Stunde durch den unendlichen Fluss an Informationen. „Verbunden“ ist ja das Wort, das mit Netzwerk einhergeht. Verbunden fühlte ich mich danach aber nicht.

Sicherlich hatte ich ungefähr eine Millisekunde Freude, wenn ich einen Sonnenuntergang aus Thailand sah, einen guten Freund in den Wellen davor. Aber tief zufriedenstellend war diese Beschäftigung nicht. Also reduzierte ich meine Nutzung: Lediglich morgens auf Facebook zu gehen, maximal 20 Minuten und nur einmal am Tag, das war mein Ziel. Und zunächst ungewohnt, wie alle neuen Gepflogenheiten.

Radikalere Schritte mussten her

Für die meisten ungeschulten Gehirne, meins inklusive, sind soziale Medien das Gegenteil von Achtsamkeit. Stets lungern sie herum und warten auf ihren Einsatz als Ablenkung an der Bushaltestelle oder als Beschäftigung in der Schlange im Supermarkt. Auf den Bildschirm starrend scrollt man durch Memes und Fotos und weiß danach nicht mehr, was man eigentlich gesehen hat. Wie viele Minuten seines Lebens man dafür opfert. Das direkte Erleben kommt in diesen Momenten abhanden, die Zeit läuft schneller, frenetischer.

Aber was gibt es bitte Schöneres, als mehr Müßiggang und Achtsamkeit im Alltag? Ja, ich rede von der stereotypen, aber so notwendigen Entschleunigung. Auch eine kritische Haltung gegenüber Unternehmen wie Facebook, denen weniger die intensive Kommunikation zwischen den Menschen wichtig ist als der Versuch, so wenig Steuern wie möglich zu zahlen, machte sich immer stärker bei mir bemerkbar.
Meine Einmal-täglich-Diät reichte nicht mehr aus, es mussten radikalere Schritte her. Mein Facebook-Profil sollte weg. Eine von mehr als zwei Milliarden aktiven monatlichen Nutzern, das bemerkt sicher niemand. Instagram hatte ich schon deaktiviert. Nach ein paar Tagen Entzugserscheinungen war das Geschichte gewesen.

Bewusster Konsum

Seit mehr als vier Monaten habe ich nun kein Facebook mehr. Den Messenger habe ich behalten. Den benutze ich ab und zu noch, um mit Freunden Kontakt aufzunehmen. Hätte ich den löschen müssen, wäre das auch in Ordnung gewesen. Meine engen Freunde schicken mir Fotos nun per E-Mail.

Ich habe bestimmt die eine oder andere Veranstaltung verpasst, doch die wichtigen Menschen denken daran, dass ich ihre Facebook-Einladungen nicht bekomme. Und wenn nicht, ist das nicht schlimm. Diesen vermeintlichen sozialen Druck lasse ich gerne los. Meine Newsfeed vermisse ich nicht.

Ein Stück Autonomie

Die ersten Wochen landeten E-Mails von Facebook in meinem Posteingang, wo ich denn geblieben sei. „Nur ein Klick, und Sie sind wieder drin.“ Wenn ich in meiner Browser-Leiste Facebook eintippe, stehen sowohl meine E-Mail als auch mein Passwort bereit. Nur ein Klick. Das Bedürfnis, zurückzukehren, das die ersten Tage leicht im Hintergrund wummerte, ist verschwunden; einer Befreiung gleich.

Mir geht es gut, sogar besser. Online-Inhalte konsumiere ich natürlich trotzdem täglich. Ich schaue ab und zu bewusst auf den Twitter-Feed einer amerikanischen Psychologin, deren Werk ich schätze. Ich finde spannende journalistische Meinungsstücke auf den Homepages von Zeitungen. Ein Stück Autonomie und Zeit für mich habe ich mir zurück geholt. Ich denke nicht, dass ich es in absehbarer Zeit zurückgeben werde.