Mit einem stolzen Lächeln auf dem Gesicht steht der 18-Jährige mit den rot gefärbten Haaren auf der Bühne. Die Halle im Columbia-Theater ist voll. Viele Jugendliche interessiert, worüber Jans gleich sprechen wird. „Ich bin kein Mädchen und ich weiß noch nicht, wie viel Junge ich bin, weil ich noch sehr dabei bin, das herauszufinden und Dinge über mich selbst zu lernen“, sagt er.

Schockiert über Rassismus

In seinem Talk auf der Jugendkonferenz Tincon erklärt er, was es bedeutet, genderqueer zu sein. Auf sehr persönliche Weise erzählt er von seinem Coming Out und über sein Verhältnis zu seinem Körper, insbesondere seinen Brüsten. Er hofft, dass die Dreigeschlechteroption im Pass nur ein Anfang ist und das Leben für nicht-binäre Personen in Zukunft unkomplizierter wird.
Wie Jans haben viele junge Menschen auf der Tincon – Konferenz für digitale Jugendkultur – starke Visionen und konkrete Lösungsvorschläge. Drei Tage lang, vom vergangenen Freitag bis Sonntag, trafen sich Jugendliche im Berliner Columbia Theater, um über verschiedene Themen wie soziale Medien, Politik, Gesellschaft, Bildung, Lifestyle, Youtube-Kultur, Technik und Games zu diskutieren.

Die Konferenz orientiert sich am Konzept der re:publica. Sie kombiniert unterschiedliche Formate wie Talks, Workshops, Q&As und Gaming Areas. Ein Bällebad gab es auch. Das Programm wird von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gestaltet und auch als Speaker treten ausschließlich Jugendliche und Akteure der jugendkulturellen Szene auf, wie die Youtuberin Coldmirror, der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, die Reporter von Y-Kollektiv und der Journalencer Florian Prokop. In seinem Workshop erklärt Florian, wie man Instagram-Stories macht, die tatsächlich angeschaut werden: „Spielt mit dem Format“, „gestaltet die Story abwechslungsreich“, „schafft Identifikation“ sind einige seiner Tipps, bevor er die Jugendlichen auf den Weg schickt, selbst eine Story zu basteln. „Jungen Menschen wird viel zu wenig zugehört und das spiegelt sich leider auch in der Politik“, sagt er.

Vision einer Welt ohne Plastikmüll

Die Tincon stimmt ihn allerdings sehr optimistisch. Er ist beeindruckt vom Idealismus und der Energie, mit der die Themen verhandelt werden. „Dann kann alles gut werden.“ Was Jugendliche derzeit am meisten stört? Beim Workshop „How to change the world“ des gemeinnütziges Vereins „Project Together“ erzählt eine Teilnehmerin, wie schockiert sie sei, dass rassistische und rechtspopulistische Aussagen eine so große Akzeptanz finden – auch unter ihren Klassenkameraden.

Andere Teilnehmer sagen, sie fänden es ungerecht, wie stark Noten das Leben von Menschen bestimmen und dass soziale Berufe wenig Anerkennung erhalten. In Kleingruppen formulieren sie ihre Challenges, Visionen und Lösungsvorschläge. Das eine Team hat die Vision einer Welt ohne Plastikmüll, das andere wünscht eine Welt ohne Autos. Die Gruppen fordern mehr und bessere Fahrradwege und einen günstigeren, idealerweise kostenlosen öffentlichen Nahverkehr.

Besonders wichtig in diesem Jahr: Mental Health. In der Funk-Lounge tauschten sich zum Beispiel der Youtuber JustNate und die Redakteurin Maria des Talkformats „Auf Klo“ über das sensible Thema aus. Nate erzählte von seinen Erfahrungen: Wie er mit zwölf Jahren depressive Schübe bekam, wie viele ihn nicht ernst genommen haben – „Hä, du lachst doch viel“ und „Reiß dich halt zusammen“ – bis er versuchte, sich das Leben zu nehmen. Gerettet habe ihn „Harry Potter“ und das Versprechen, das er seinem Vater gab: sich nichts mehr anzutun. Maria sagt, die beste Art, einem Betroffenen zu helfen, sei es, der Person zuzuhören und sie bei der Suche nach professioneller Hilfe zu unterstützen. Es ist einer der bewegendsten Workshops der Konferenz: Immer mehr Jugendliche melden sich, stellen Fragen und berichten von ihren Therapien.

„Man muss dafür kämpfen“

Sogenannte Jugendthemen werden oft belächelt. Davon berichtet auch der 15-jährige Journalist Roman Möseneder, der neben der Schule für das Magazin Vice und Zeit Online arbeitet. Er beobachtet eine Respektlosigkeit gegenüber Jüngeren in der Politik und in den Medien. Als Beispiel nennt er Juso-Chef Kevin Kühnert, der mit seinen 28 Jahren trotzdem noch als Milchgesicht und Rebell bezeichnet werde.

Das Vorurteil laute, so Roman: „Junge Menschen wollen nur rebellieren und haben keine wirklichen Forderungen.“ Das sei natürlich Quatsch, sagt er und appelliert an die Zuhörer, sich mehr einzumischen. Der 18-jährige Thilo meldet sich und erzählt, dass er sich als Mitglied der jungen europäischen Föderalisten für ein europäisches Jugendparlament einsetzt. „Man wird ernst genommen, aber man muss dafür kämpfen“, sagt er.