Das Lachen eines Kindes reißt mich aus meiner Versunkenheit, und am liebsten würde ich es dafür küssen. Danach babbelt es noch lustig und macht das Gerät in meiner Hand überflüssig. Denn anders als früher war ich nicht in ein Buch vertieft. Jetzt wische ich auf meinem neuen Spielzeug herum und hätte, wäre das Kind nicht gewesen, das Buch in der Hand des Mannes gegenüber nicht gesehen. Er liest Gedichte. Die Autorin ist mir unbekannt, nicht aber die Gefühle, die sein Gesicht spiegelt.

Verzücken, Nachdenklichkeit, Irritation, alles ist dabei. Nur Lyrik kann diese Palette bieten. Ich bin neidisch. Früher, bevor ich das Smartphone besaß, erlebte ich auch solche Momente. Fühlte mich zugehörig zum Kreise der wenigen, die auf keinen Bildschirm starren. Jetzt gehe ich in der Masse unter. Lese zwar auf Facebook mal ein Gedicht, aber es ist nicht dasselbe. Es atmet nicht. Lebt nicht.

Ich entschuldige mich vor mir selbst mit den Klassen- und Vereins-Chats, in denen ich jetzt mitmischen kann. Das Kind hat sehr gelitten, weil seine komische Mutter als einzige keinen Zugang zu diesen Plauderforen hatte. Sie waren der Hauptgrund für mein Einknicken, und dass das Kind eine Not weniger zu bewältigen hat, ist es allemal wert. Aber dennoch. Die guten Vorsätze liegen leise röchelnd im Flur.

„Smartie“ habe ich es genannt und so wollte ich es auch handhaben. Ein kleines buntes Ding, das man mal in die Hand nimmt, das im Alltag aber keine Rolle spielt. Nun macht aber ein harmloser Name noch keine entspannte Beziehung und für unsere würde ich bereits nach wenigen Wochen den Begriff „toxisch“ verwenden, wäre der nicht so abgenutzt. Denn anders als ich mir vorgenommen habe, lese ich eben nicht mehr in der Bahn. Stattdessen vergifte ich Herz und Hirn mit zu vielen Nachrichten und schreibe und empfange selbige unentwegt. Früher, in dieser süßen Zeit namens „früher“, hatte ich dafür feste Zeiten. Ja, es macht Spaß. Doch gesund ist es wie vieles, was Spaß macht, nicht. Und der Kellner, der mich einst anflirtete, wäre wohl bitter enttäuscht.

Eine knappe Stunde brauchte er, ehe er es wagte, mich zu fragen. „Ist das echt?“ Sein Finger zeigte auf mein Handy. Klein, weiß, Tasten. „Ja,“ sagte ich. „Is’n echter Hingucker.“ An diesen Kellner denke ich, als ich die Tram und das giggelnde Kind verlasse. Und an das köstliche Vergnügen, die richtige Station zu verpassen über der Lektüre. Kein digitaler Text der Welt schafft das. Keiner. Hinter mir bittet eine Frau im Rollstuhl um eine helfende Hand beim Ausstieg. Ich nehme mir vor, wieder öfter nur das Kleine mitzunehmen. Und weiß eines ganz sicher: Kopfhörer werde ich mir nie kaufen. Denn die Hilferufe meiner Mitbürger, vor allem aber die Bonmots und das Lachen der Kinder lasse ich mir nicht auch noch nehmen.