Was immer man in seiner Facebook-Timeline zu sehen bekommt, wenn man sich bei dem Internet-Unternehmens einloggt – Enthauptungsvideos und Kinderpornografie wird man dort nicht finden. Dass das so ist, dafür sorgt eine namenlose Armee von Moderatoren, die die Postings auf Facebook nach Bildern und Videos durchsuchen, die Gewalt oder Sex zeigen und diese löschen.

Nach welchen Prinzipien der Facebook-Algorithmus entscheidet, was für uns relevant ist und was nicht, mag das bestgehütete Geheimnis des Internet-Unternehmens sein. Die Existenz von tausenden Männern und Frauen, die hinter der familienfreundlichen, weiß-blauen Fassade des Sozialen Netzwerks den Müll wegräumen, ist das zweite – wie auch die Tatsache, dass der  Löwenanteil dieser Drecksarbeit von Universitäts-Absolventen in Call-Centern in den Philippinen verrichtet wird, die dafür um die 300 Dollar pro Monat verdienen.

2014 hatte der amerikanische Reporter Adrian Chen in der amerikanischen Internet-Zeitschrift Wired zum ersten Mal  über die digitalen Sweatshops berichtet, die dafür sorgen, dass „unser“ Internet in der Ersten Welt hübsch sauber bleibt. Nun war der Berliner Theatermacher Moritz Riesewieck im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung in Manila, und berichtet am Dienstag bei einer „Performance Lecture“ von seinen Beobachtungen.

Hausmeister des Internets

„Wir sind die Hausmeister des Internets“, sagt einer der philippinischen Moderatoren, die er interviewen konnte – in dessen  Auto wohlgemerkt, weil der bei dem Gespräch nicht beobachtet werden wollte. Die Angst vor dem Arbeitgeber ist groß. „Wir sorgen dafür, dass das Internet für den Rest der Welt sauber ist.“

Bis zu zehn Stunden pro Tag müssen die „Content-Moderatoren“, die dafür von den Unternehmen in kurzen Einführungskursen ausgebildet werden, schweinisches oder brutales Material sichten, und entscheiden, ob dies den übrigen Facebook-Usern zugemutet werden kann. Die Vorauswahl übernehmen Computerprogramme, die alles, was bei Facebook hochgeladen wird, nach Stichworten oder visuellen Strukturen durchforsten und gegebenenfalls an die Moderatoren weiterleiten.

Auch Facebook-Mitglieder können  Inhalte melden, die dann geprüft werden. Die Dienste solcher Anbieter nutzen auch andere Internet-Unternehmen wie Youtube und Tinder.

Viele der jungen Philippiner  wissen bei der Bewerbung nicht, auf was für eine Tätigkeit sie sich  einlassen. Die Arbeit in Call-Centern ist prestigeträchtig und gilt als lukrativ. Der Boom der Branche hat tatsächlich zur ökonomischen Entwicklung der Philippinen beigetragen, die jahrzehntelang vom allgemeinen wirtschaftlichen Aufstieg Asiens abgehängt waren.

Aber seit 2000 hat die globalisierte Wirtschaft die Philippinen als idealen Standort für Telekommunikations-Dienstleistungen entdeckt. Denn die schulische und universitäre Ausbildung in dem Dritte-Welt-Land ist gut. Und in der einstigen US-Kolonie spricht man  hervorragend Englisch und hat ein intuitives Verständnis für die kulturellen Normen und Standards des Westens.
Schon lange haben die Philippinen daher Indien in der Call-Center-Branche auf den zweiten Platz verwiesen – auch weil das Land eine Reihe von „Special Economic Zones“ eingerichtet hat, die mit reduzierten Steuersätzen und anderen Vergünstigungen Investoren ins Land locken.

Die Schrecken ihrer Arbeit mit Bier herunterspülen

In Manila gibt es ganze Stadtteile, die um die Lebensrhythmen der Call-Center-Angestellten herum organisiert sind. Denn weil in den USA, dem Hauptmarkt der Firmen, der Tag beginnt, wenn man in Manila ins Bett geht, müssen viele der Moderatoren Nachtschichten fahren. In dem Stadtteil Eastwood City, einer in kürzester Zeit aus dem Boden gestampften Mischung aus Bürokomplex, Hochhaussiedlung und Disneyland, haben die Kneipen darum rund um die Uhr geöffnet, damit die Call-Center-Angestellten morgens nach Feierabend einen Ort haben, an dem sie die Schrecken ihrer Arbeit mit Bier herunterspülen können. 

Viele der Content-Moderatoren entwickeln nach einiger Zeit psychische Probleme. „Ich habe das Gefühl, ich steige jeden Tag in eine Grube voll Dreck“, sagt einer der Angestellten im Interview. Weil sie den ganzen Tag mit Schmutz bombardiert werden, stumpfen sie ab oder betäuben sich mit Alkohol.

Doch nur wenige suchen psychologische Hilfe, die von den Arbeitgebern oft auch gar nicht angeboten wird. Viele Moderatoren klagen darüber, dass sie das Interesse an Sex verloren haben, weil sie den ganzen Tag mit Pornografie der härtesten Sorte überflutet werden; andere kapseln sich ab, weil sie das Gefühl haben, mit ihren Familien und Freunden nicht über ihre traumatisierende Arbeit sprechen zu können. Die durchschnittliche Verweildauer bei einem Arbeitgeber beträgt  weniger als ein halbes Jahr.

Es ist daher eine geheimnistuerische Branche, die sich da um die Einhaltung sozialer Mindeststandards im Netz kümmert: Reporter lässt man nur ungern in die Arbeitsräume, die Chefs wollen sich nicht interviewen lassen, und mit  Angestellten kann man schon gar nicht reden. Und auch die Unternehmen, die das Aufräumen ihrer Netzwerke in ein Niedriglohnland outgesourct haben, reden nicht gerne darüber, was diese Firmen  genau für sie tun.