Hass und Hetze: Der Ton in den sozialen Netzwerken ist verroht.
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BerlinAls im Sommer Rechtsextreme Morddrohungen per Mail verschickten, unter anderem an die Berliner Kabarettistin Idil Baydar, war die Aufregung groß. Dabei ist der „NSU 2.0“, wie die Mails unterzeichnet waren, nur ein besonders perfides und abstoßendes Phänomen, das Teil einer viel weiter greifenden Entwicklung ist: Das Internet und die sozialen Netzwerke insbesondere sind längst zu Orten geworden, in denen Rechtsextreme zu Gewalt aufrufen, Hass gegen Minderheiten schüren und die Gesellschaft mit ihrer Propaganda polarisieren und spalten.

Maik Fielitz, Konfliktforscher mit Schwerpunkt Rechtsextremismus am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena, und Holger Marcks, Sozialwissenschaftler, der sich seit vielen Jahren mit Radikalisierung befasst, haben untersucht, wie die Dynamik des Internets den Rechten bei ihrem Aufstieg geholfen hat. Beide arbeiten außerdem am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Ihr Buch „Digitaler Faschismus: Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus“ ist gerade im Dudenverlag erschienen.

Berliner Zeitung: Sie beschreiben das Internet als einen Ort voll Hass, der die offene Gesellschaft auf die Probe stellt. Wie konnte es so weit kommen?

Fielitz: Das Internet war ursprünglich ein Raum der Meinungsfreiheit, das hatte etwas sehr Positives. Mit den sozialen Medien haben sich aber auch die Informationsbeziehungen stark gewandelt, und davon profitieren Akteure, die manipulativ handeln. Sie können sich zum Beispiel größer darstellen, als sie sind, und es gelingt ihnen besser, viele Menschen auf einmal anzusprechen.

Marcks: Die sozialen Medien sind ein einfaches Tool der Massenkommunikation. Die war vorher den herkömmlichen Medien vorbehalten, wo immer eine starke Auswahl der Informationen nach Relevanzkriterien stattgefunden hat. Jetzt sind viele Inhalte, die vorher nur wenige Menschen erreichten, plötzlich sichtbar und reproduzierbar.

Wenn man der extremen Rechten glaubt, leben wir in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Statistisch ist das überhaupt nicht haltbar.

Holger Marcks

In Ihrem Buch nennen Sie als Beispiel die vielen Meldungen über kriminelle Geflüchtete, die beispielsweise die AfD auf ihren Seiten postet. Früher, sagen Sie, hätten darüber allenfalls Lokalzeitungen berichtet, jetzt sind solche Nachrichten überall. Was sind die Folgen?

Marcks: Der Mensch hat ohnehin eine Neigung, dramatische Inhalte stärker wahrzunehmen als zum Beispiel Nachrichten über eine Steuerreform. Durch ihre vermehrte Reproduktion entsteht der Eindruck, das Land sei aus den Fugen geraten. Wenn man der extremen Rechten glaubt, leben wir in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Statistisch ist das überhaupt nicht haltbar.

Fielitz: Rechtsextreme erschaffen eine eigene Collage der Realität, indem sie Ereignisse aufgreifen, die ihre Erzählungen bestätigen. Sie wissen genau, dass dramatische Inhalte in den sozialen Netzwerken besonders gut funktionieren.

Inwiefern liegt das im technischen Design der Plattformen begründet?

Fielitz: Soziale Netzwerke sind für viele das Fenster zur Welt geworden, nur sehen sie die keineswegs ungefiltert: Algorithmen weisen Inhalte zu, folgen einer Logik der Zahlen. Das heißt: Inhalte, die besonders oft geteilt oder kommentiert werden, ploppen in der Timeline auf. Dadurch entsteht eine ganz eigene Wirklichkeit.

Marcks: Das Soziale und das Politische verschwimmen, viele Leute gehen auf Facebook, um ihren sozialen Interessen nachzugehen, und auf einmal werden politische Inhalte in ihren Newsfeed gespült. Ein gutes Beispiel sind diese B- und C-Promis, die plötzlich auf Verschwörungstheorien anspringen.

Sie meinen Attila Hildmann.

Marcks: Eigentlich wollten die Leute etwas über vegane Küche erfahren, und auf einmal werden sie mit rechtsextremem Geschwurbel zugespült. Michael Wendler ist das neueste Beispiel hierfür.

Fielitz: Die unmittelbare Verbindung zwischen Sender und Empfänger schafft eine Fangemeinschaft, die sich besonders nah an ihrem Idol fühlt und leicht zu beeinflussen ist. Mit dem Trend zu Telegram-Kanälen wird das nochmal verstärkt.

Sie haben eine Rückkopplung beobachtet: Auch die klassischen Medien sind inzwischen schriller geworden. Wie konnte das passieren?

Marcks: Auch bei den herkömmlichen Medien gab es stets solche, die stärker auf dramatische Inhalte gesetzt haben. Weil sie sich besser verkaufen lassen. Neu ist, dass die Plattformen zunehmend als Abbild der Gesellschaft begriffen werden. Nun messen selbst seriöse Medien an ihnen, was relevant ist, und steigen auf Themen ein, die künstlich durch rechtsextreme Empörungskampagnen aufgebläht wurden. „Omagate“ ist ein prominentes Beispiel. Da zog der WDR sogar seinen eigenen Beitrag zurück, weil es so wirkte, als wäre der Volkszorn virtuell am Wirken.

Viele Menschen merken gar nicht, dass sie einen Beitrag liken oder teilen, hinter dem Rechtsextreme stecken, ein Beispiel sind die Kampagnen der Rechten gegen Kinderschänder. Brauchen wir eine neue Medienkompetenz?

Fielitz: Klar, es benötigt Medienkompetenz, um die Hintergründe zu verstehen. Die extreme Rechte weiß genau, welche Knöpfe sie zu drücken hat, um Emotionen auszulösen. Das passiert meistens sehr subtil. So werden Menschen dann Schritt für Schritt an ihr Weltbild herangeführt.

Es besteht kein Konsens mehr über das, was Fakt ist.

Maik Fielitz

Wie funktioniert das?

Fielitz: Rechtsextreme arbeiten mit Angstszenarien, wie den Horden von Flüchtlingen, die über offene Grenzen strömen, mit existenzielle Bedrohungen, die radikale Maßnahmen erfordern. Dieser Ausnahmezustand wird von rechts mit dem Wohl der Nation verbunden. Viele fühlen sich aufgerufen, das zu teilen und Alarm zu schlagen. Dadurch entsteht eine faschistische Dynamik, in der nur noch das stimmt, was der nationalen Mobilmachung zu Gute kommt. Es besteht kein Konsens mehr über das, was Fakt ist.

Mittlerweile reagieren die Plattformen: Twitter verbirgt Tweets von Donald Trump, deren Wahrheitsgehalt fragwürdig ist. Kann man die sozialen Netzwerke mit solchen Mechanismen wieder zu einem freundlicheren Umfeld machen?

Marcks: Das sind kleine Stellschrauben. Die Dynamik, von der Rechtsextreme und Verschwörungsideologen profitieren, wurzelt tiefer, nämlich darin, dass Massen an Unwahrheiten gepostet werden können, ohne dass das irgendeine faktenprüfende Instanz durchläuft. Selbst wenn Facebook Milliarden in die Löschung von postfaktischen Inhalten investieren würde, wäre das ein Kampf gegen Windmühlen. Wir müssen noch viel mehr über die Verantwortung der Techfirmen sprechen. Das ist allerdings eine schwierige Debatte, weil viele es mittlerweile als selbstverständlich betrachten, ihre Meinung ungefiltert einer breiteren Öffentlichkeit mitteilen zu können – nicht nur Rechte.

Sie beschreiben das als „Paradox der Toleranz“. Was meinen Sie damit?

Fielitz: Das ist ein Theorem von Karl Popper. Es drückt aus, dass demokratische Akteure Intoleranz gegenüber den Intoleranten walten lassen müssen, wenn sie ihre eigenen Freiheiten verteidigen wollen. Im digitalen Kontext ist das gleich doppelt schwierig. Mark Zuckerberg sagt etwa, er wolle kein Schiedsrichter der Wahrheit sein. Von dieser Toleranz profitieren aber genau die Akteure, die sich nicht bestimmten Standards verpflichtet fühlen. Man muss also an die Strukturen gehen, die die Techunternehmen bereitstellen. Sie sind liberal – und befeuern doch die Intoleranz.

Marcks: Eine Regulierung der sozialen Medien wird ja eher mit autoritären Regime verbunden. Dabei haben auch die herkömmlichen Medien einen Prozess der Regulierung durchlaufen. Die Nazis haben den Volksempfänger noch uneingeschränkt benutzt, um direkt mit den Massen zu kommunizieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Antwort darauf, stärkere presserechtliche Standards zu schaffen, um die Macht der Technologien, mit der sich Massen manipulieren lassen, einer Kontrolle zu unterwerfen. Vielleicht müssen die sozialen Medien einen ähnlichen Prozess durchmachen.

Es geht ja auch um mehr als einen Diskurs, der aus dem Ruder läuft. Die Auswirkungen in der analogen Welt sind handfest. Wären rechtsextreme Attentate wie die in Christchurch oder Hanau überhaupt denkbar ohne soziale Netzwerke?

Fielitz: Ja und nein. Sicher gab es auch früher Gewalttaten, aber die Art der Planung, der Durchführung und auch der Animation anderer zu solchen Taten gäbe es nicht ohne soziale Medien. Allein die Täterprofile: junge Männer, die vorher gar nicht in rechten Strukturen unterwegs waren, sondern über sogenannte Imageboards wie 4chan sozialisiert wurden. Hier betritt eine digital vermittelte Form des Rechtsterrorismus die Bühne, der bewusst junge Menschen aus Online-Subkulturen anspricht.

Marcks: Man muss auch den breiteren Kontext sehen. Menschen, die gar keinen typischen rechtsextremen Hintergrund hatten, griffen 2016 Flüchtlingsunterkünfte an. Dann der Mord an Walter Lübcke oder die Anschläge von Halle und Hanau. Was sie alle vereint, ist dieser Bedrohungsmythos vom Volkstod, der über soziale Medien die Massen erreicht. Da braucht es keinen konkreten Aufruf zur Gewalt. Wenn Menschen glauben, dass ihre Gemeinschaft existenziell bedroht sei, können sie selbst drastische Schlüsse ziehen.

Während Sie an dem Buch arbeiteten, brach die Pandemie aus. Plötzlich rückten die rechten Bedrohungsmythen in den Hintergrund. Der AfD merkte man anfangs eine gewisse Orientierungslosigkeit an.

Marcks: Es ist ein wenig verblüffend, dass die extreme Rechte dann einen starken Kurs gegen die Corona-Politik eingeschlagen hat. Der damit verbundene Rückgang von Migration ist ja eigentlich in ihrem Interesse. Der Hass auf die Regierung und die Mainstream-Medien scheint aber größer zu sein. Also weichen sie auf andere emotionale Narrative aus, wie etwa die der QAnon-Anhänger, die behaupten, die Eliten hielten massenhaft Kinder gefangen. Ohne Drama kommt der Rechtsextremismus nicht aus.

Nachdem Sie sich jetzt monatelang durch diese Abgründe gewühlt haben - würden Sie Ihre Kinder noch ins Netz lassen?

Marcks: Die Menschen, die sich in den letzten Jahren haben mobilisieren lassen, das war eher die Generation 45 plus – Menschen, die lange unpolitisch waren und durch die sozialen Medien einen Erweckungsmoment erlebt haben. Vermutlich aber wird es die sozialen Medien, so wie wir sie kennen, in zehn Jahren nicht mehr geben. Wenn man sich die Diskussionen um den Digital Service Act der EU anschaut, der bald kommen soll, merkt man: Die Politik hat durchaus verstanden, dass man größere Hebel anpacken muss.

Maik Fielitz, Holger Marcks: Digitaler Faschismus - Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus. Dudenverlag. Berlin 2020. 18,50 Euro.